Der Theaterkritiker Friedrich Luft nannte Kurt Hübner einmal einen "Rattenfänger für Talente", und der Regisseur Peter Zadek sagte 1991 bei der Verleihung des Fritz-Kortner-Preises an Kurt Hübner: "Kein Mensch hat in den vergangenen 30 Jahren mehr für das deutschsprachige Theater bewirkt als Kurt Hübner. " Der frühere Theaterintendant mehrerer wichtiger westdeutscher Bühnen wird heute 85 Jahre alt. Im Bremer Theater am Goetheplatz, seiner folgenreichsten Wirkungsstätte, findet heute eine öffentliche Geburtstagsfeier für Kurt Hübner statt, zu der viele ehemalige Mitarbeiter und Weggefährten nach Bremen kommen werden.Kurt Hübners elfjährige Bremer Intendanz von 1962 - 1973 war eines der wichtigsten Kapitel des europäischen Theaters im vergangenen Jahrhundert. Diese elf Spielzeiten waren eine Hoch-Zeit des Theaters. Den szenischen Arbeiten und den daran beteiligten Personen wuchs in Bremen und danach auch an anderen Theaterplätzen eine Strahlkraft und eine Bedeutung zu, die unvergleichlich ist. Die Regisseure Peter Zadek, Peter Stein, Rainer Werner Fassbinder, Alfred Kirchner, Peter Palitzsch, Eberhard Fechner, Johannes Schaaf, Hans Neuenfeld und Klaus Michael Grüber inszenierten in dieser Zeit in Bremen, wo Wilfried Minks, Karl-Ernst Herrmann, Jürgen Rose und Erich Wonder als Bühnen- und Kostümbildner arbeiteten. Dem Schauspiel-Ensemble gehörten Jutta Lampe, Edith Clever, Werner Rehm, Bruno Ganz, Traugott Buhre, Margit Carstensen, Buddy Elias, Hannelore Hoger, Rosel Zech, Vadim Glowna, Brigitte Janner, Monika Hansen, Mechthild Grossmann, Irm Hermann und viele andere an.Es ist unglaublich, mit welcher Spürnase Kurt Hübner die großen Talente eines neuen Theaters in Bremen zusammenführte. Der Musiker Peer Raben gehörte ebenso zu Hübners Mannschaft wie die Dramaturgen Burkhard Mauer, Jürgen Fischer und Barbara Kraus. Seine ersten Operninszenierungen im Westen erarbeitete Götz Friedrich in Bremen. Johann Kresnik vollzog 1968 in Bremen den Bruch vom Ballett zu seinem Choreographischen Theater - auch die Geburtsstunde des Tanztheaters ist damit ein Verdienst von Kurt Hübner, der neben seiner Talent-Spürnase auch ein Sensorium für die innovativen szenischen Ausdrucksformen seiner Zeit hatte.Das Wort vom Bremer Stil macht die Runde, was Kurt Hübner zu der Kommentierung veranlasste: "Das Bemerkenswerte am Bremer Stil war, dass es ihn überhaupt nicht gab. " Kurt Hübner erneuerte das Stadttheater seiner Zeit nicht nur im Schauspiel, sondern auch in der Oper und im Tanztheater. Das Musical wurde revitalisiert, eine gewichtige Rolle spielte das Boulevard-Theater. Hübners lebendige Stadttheater-Vielfalt kam ohne jede Beliebigkeit oder Unentschiedenheit aus. Sein Theater polarisierte nicht nur die Zuschauer, seine Streitbarkeit forderte auch die Kulturpolitiker heraus. Trotz einer bedeutungsvollen und erfolgreichen Arbeit als Intendant wurde sein Vertrag vom damals verantwortlichen Senator Moritz Thape nicht verlängert; größer ist die Diskrepanz zwischen Intendanten-Glück und kulturpolitischer Fehlgeleitetheit wohl nie gewesen als bei Hübners unfreiwilligem Abgang aus Bremen.Seine widerständige Haltung gegen eine fragwürdige Kulturpolitik ist aber unvergessen: Im vergangenen Jahr wurde er mit dem Peter- Weiss-Preis der Stadt Bochum ausgezeichnet. Er sei "ein Exempel für Streitkultur und Unbeugsamkeit gegenüber Politik und Öffentlichkeit", hieß es zur Verleihung.Einem heutigen Bremer Intendanten wird man es nachsehen, dass er vor allem Hübners Bremer Zeit hervorgehoben hat. Das soll seine Wirksamkeit in Ulm (1959 - 1962) und an der Freien Volksbühne (1973 - 1986) in West-Berlin in keiner Weise schmälern. Hübner hat als Intendant in Ulm, Bremen und Berlin dem Theater nach dem Krieg in Deutschland Impulse wie kaum ein anderer verliehen.Unser Autor, Prof. Dr. Klaus Pierwoß, ist Generalintendant der Bremer Theater.