MADRID. Der Präsident beliebte zu scherzen. Der Kanadier Richard Pound begrüßte seinen französischen IOC-Kollegen Guy Drut am Freitagmittag mit den Worten: "Monsieur le candidat!" Noch grinste Pound, scheidender Präsident der Weltantidopingagentur Wada. Er hatte bis dahin nur vom Gemunkel gehört, Drut sei von europäischen Sportpolitikern als Kompromisskandidat gegen den Australier John Fahey für die Wada-Präsidentschaft vorgeschlagen worden. Sekunden später verschlug es Pound die Sprache. Denn Drut nahm ihn beiseite und erklärte, dass es sich mitnichten um ein Gerücht handele.Am Donnerstagabend hatte Drut noch mit seinem alten Freund Jean-Marie Weber diniert, dem ehemaligen Chef der Vermarktungsagentur ISL. Am Freitagmorgen wurde ihm die Wada-Präsidentschaft angetragen. IOC-Chef Jacques Rogge erklärte er erst am Freitagabend, er sei von Politikern gefragt worden. Anderen sagte er, auch IOC-Mitglieder hätten ihn darum gebeten. Angeblich soll aber Frankreichs Sportministerin Roselyne Bachelot signalisiert haben, sie würde die Kandidatur nicht unterstützen. Journalisten sagte Drut: "Das ist keine persönliche Kandidatur. Ich bin nur ein Kompromisskandidat bis Ruhe einkehrt und sich die Sache klären kann."Die Europäer, deren ursprünglicher Kandidat Jean-François Lamour im Oktober zurückgezogen hatte, wollen bis zur Wada-Vorstandssitzung im Mai eine andere Person präsentieren. Die Europäer haben John Fahey böse und hinterlistig attackiert, weil sie dessen Kompetenz in Dopingfragen anzweifeln und weil sie der Meinung sind, sie hätten ein Vorrecht auf die Präsidentschaft. Denn Europa finanziert ein Viertel des Wada-Etats - Ozeanien lediglich etwas mehr als ein Prozent. Dass sie nun ausgerechnet Drut aufbieten, ist der bizarre Höhepunkt einer peinlichen und hilflosen Kampagne.Sicher hat Guy Drut, 1976 in Montreal Olympiasieger im Hürdensprint, größere Sportkompetenz als Hobbysportler Fahey, der als Premier von New South Wales 1993 Sydneys Olympiabewerbung mit anführte. Allerdings: Unter dem damaligen Sportminister Drut etablierte sich in Frankreich in den neunziger Jahren ein Dopingsystem, das von seiner Nachfolgerin, der kompromisslosen Marie-George Buffet, zerschlagen werden musste.Noch etwas spricht gegen Drut: Er ist wegen Korruption zu einer Bewährungsstrafe von 15 Monaten und einer Geldbuße von 50 000 Euro verurteilt worden. Im Mai 2006 wurde er von seinem alten Kumpel Jacques Chirac begnadigt. Diese skandalöse Amnestie löste in Frankreich eine mittlere politische Krise aus. Chirac begnadigte seinen Freund und langjährigen Mitarbeiter auf Grund einer kruden Gesetzesnovelle aus dem Jahr 2002 mit der Begründung, Drut habe als Sportler große Verdienste für Frankreich, zudem würde sein Rausschmiss aus dem IOC Frankreichs Einfluss in der internationalen Sportpolitik schmälern.Diese Beurteilung reichte der IOC-Ethikkommission im Juni 2006, um Druts Suspendierung aufzuheben. Drut darf allerdings fünf Jahre lang keine IOC-Kommission leiten. Das darf er nicht, doch die europäischen Sportminister und Vertreter im Stiftungsrat der Wada glauben, Drut könne problemlos die Wada präsidieren.In der Narretei um die Wada-Präsidentschaft blieben vor der entscheidenden Nacht, in der von allen Seiten alle Register gezogen wurden, diese Fakten: Nur ein Kandidat wurde ordnungsgemäß zum Meldeschluss im September präsentiert: John Fahe. Guy Druts Nominierung ist nicht durch die Wada-Statuten gedeckt und inoffiziell. "Es gibt keinen anderen Kandidaten", sagte Pound am späten Abend. "Ich glaube, das Benehmen der Politiker ist ziemlich unsauber. Das tut Europa nicht gut. Das ist nicht in Ordnung."------------------------------Foto: Überraschung in Madrid: Guy Drut, Olympiasieger von 1976, in Frankreich wegen Korruption verurteilt und begnadigt, will als Kandidat für die Präsidentschaft der Weltantidopingagentur (Wada) antreten.