Königs Wusterhausen. Am 26. April wurde Königs Wusterhausen von der Roten Armee befreit. Anlaß für Bürgermeister Jochen Wagner (SPD), 50 Jahre danach zu einer Gedenkstunde in das Bürgerhaus "Hanns Eisler" einzuladen.Seine bewegende Rede war vor allem den "weißen Flecken" im düsteren Kapitel der Stadtgeschichte gewidmet. Denn: Über Jahrzehnte wurde im Bewußtsein der Bürger verdrängt, daß sich hier einst ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen befand.Erst jetzt - nachdem die Forschungen dazu Anfang der 70er Jahre plötzlich abbrachen, so Dr. Günter Morsch, Leiter der Gedenkstätte in Sachsenhausen - hat man wieder begonnen, Dokumente zusammenzutragen. "Um", so Wagner, "das in unserer Stadt Geschehene aus der geschichtlichen Anonymität zu holen." Klarheit solle geschaffen werden, "wo uns heute noch unerschlossene Quellen, widersprüchliche Informationen, ja auch das Widerstreben des einen oder anderen die Sicht versperren oder trüben". Erster Augenzeuge Daß noch am Mittwoch abend "echtes Wissen eines Augenzeugen verwendbar gemacht" werden konnte, daran hatte selbst der Bürgermeister wenige Minuten vor Beginn der Gedenkstunde nicht geglaubt. David Grünstein, einst Insasse des KZ an der Storkower Straße, da, wo heute "Hammer" seinen Firmensitz hat, war extra aus Israel nach KW gekommen.Er erzählte, daß das KWer Lager eigentlich schon 1943 im Ghetto von Lodz gegründet wurde. "Von einem Betrieb des deutschen Wohnungshilfswerks." Im Schnellverfahren wurden dort leichte Häuser für Ausgebombte hergestellt. Nach der Liquidierung von Lodz sei der Betrieb nach KW überführt worden.Grünstein gehörte zu den ersten 165 Juden, die am 6. Oktober '44 über Sachsenhausen nach KW kamen. Die Zahl der Häftlinge stieg dann auf rund 650. "Unsere Frauen, so ein Versprechen der Deutschen Kommandanten, waren nicht dabei." Die habe man nach Ravensbrück transportiert.Als die Front unmittelbar vor KW stand, gab es den Befehl, zu Fuß nach Sachsenhausen zu gehen. "Auf den Todesmarsch", so Grünstein, "wie wir heute wissen." Doch die Front sei über Nacht am 22. April gebrochen. Die Wachmänner flohen. Als vier Tage später die Russen kamen, machte sich Grünstein sofort auf den Weg nach Polen, um seine Familie zu suchen. "Ich habe aber nicht viele gefunden." Noch immer Ignoranz Vor einigen Jahren war David Grünstein schon einmal nach KW gekommen, sah sich um, stellte Fragen. Doch sei er auf "Ignoranz" gestoßen. Auch zur Gedenkstunde kamen diesmal nur 30 Bürger, meist Offizielle. Von den 29 Stadtverordneten hatten nur neun den Weg ins Bürgerhaus gefunden (5 PDS, 2 SPD, 1 CDU, 1 FDP). Und die zehn Gymnasiasten, die eingangs Namen ermordeter Juden verlasen, verließen nach ihrem Auftritt den Saal.Bürgermeister Wagner bat David Grünstein, Kontakte zu anderen Häftlingen des KWer KZ herzustellen, die jetzt in aller Welt leben. Im Zusammenhang mit dem Austausch von Schülern aus KW und Israel, sprach er von "Signalen der Hoffnung. Und der Zuversicht". +++

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