Kylie Minogue bei einem Fotoshooting (Archivbild)
Foto: BMG

Kylie Minogue hat einen weiten Weg zurückgelegt. Sie war Teeniestar und Daily-Soap-Darstellerin, sie besaß ein Image, das exakt ihrer Rolle in der australischen Serie "Neighbours" entsprach, sie war unscheinbar und nett. Als das britische Produzententeam Stock, Aitken & Waterman sie in den späten Achtzigern in ihre Obhut nahm, formten sie Kylie Minogue zum frechen Disco-Mädchen von nebenan; das Ergebnis waren fünf Nummer-Eins-Hits in Folge. Doch bald war Kylie ihr Mädchen-Image leid und rüstete sich abrupt zur Sexbombe um. Wenig später wollte sie dann als Künstlerin ernst genommen werden, um es anschließend auch einmal mit Indie-Rock zu versuchen. Sie sang mit Nick Cave ein Duett - "Where The Wild Roses Grow" - und er versenkte sie im dazugehörigen Video wie zum Dank im Teich. Unzählige Beratergruppen, Produzenten und Fürsprecher werkelten an ihrem Erscheinungsbild und brachten nur selten Brauchbares zu Stande.

An die Songs, die sie in den letzten fünf Jahren aufnahm, mag man sich nur ungern erinnern. Zuletzt erfuhr sie Unterstützung durch die beiden Manic Street Preachers Nicky Wyre und James Dean. Weil die Veröffentlichung des Albums "Impossible Princess" allerdings mit dem Tode Prinzessin Dianas kollidierte, mochte es schon auf Grund des Titels niemand kaufen - Kylie Minogue musste sich eine neue Plattenfirma suchen.

Aber ihr Ruhm ist ungebrochen geblieben. Besonders in England und Australien ist man ganz von ihr besessen. Nigel Kennedy hat eine seiner Geigen Kylie getauft, die Pet Shop Boys haben ihr wieder einen Plattenvertrag besorgt, und in Robbie Williams hat sie einen neuen Fürsprecher gefunden. Obwohl Kylie Minogue über die Jahre zu einem Paradebeispiel für das Karrierekonzept "Ruhm durch Ruhm" geworden ist; obwohl ihr Status mittlerweile derart solide ist, dass sie im Grunde auch weiterhin keine Platten einspielen bräuchte, scheint ihr Wille zur Neuerfindung ungebrochen.

Dorthin zurück, wo sie einst begann

Sie hat es wieder getan und kehrt mit ihrem neuen Album dorthin zurück, wo sie einst begann; sie kehrt zurück in die Disco. Als hätte sie ihre Sorgen um Coolness und künstlerisch hochwertige Produkte für immer ziehen lassen, begeistert sie auf "Light Years" mit beschwingtem Europop, der alle Errungenschaften von Giorgio Moroder, Stock, Aitken & Waterman und den frühen Pet Shop Boys auf verblüffende Weise vereint. Song für Song ordnen sich Streicher, Bläser und Chöre ansprechend um schlichte Discobeats, während Kylie Minogue dazu wunderbare Belanglosigkeiten trällert.

In "Love Boat!" singt sie über "Martinis and bikinis and, oh!, l amour", in "Your Disco Needs You" hält sie dann eine flammende Rede. In der Annahme, dass das Tanzvergnügen im Sinne der französischen Revolution für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit steht, ruft sie ihrer Hörerschaft auf französisch entgegen: "Du bist niemals allein! / Du weißt, was du tun musst! / Lass dein Volk nicht im Stich / Deine Disco braucht dich!"Und natürlich braucht Kylie Minogue auch die Disco. Nach all ihren Kursänderungen und geschmacklichen Entgleisungen klingt sie auf "Light Years" so unbeschwert wie seit langem nicht mehr. Im Gegensatz zu Madonna sind ihre Imagewechsel nie strategisch geplant gewesen, sie waren Kylie Minogues Suche nach einem Platz im Showgeschäft. Offenbar hat sie diesen nun endlich gefunden. Zwar ist ihr neues Album weder besonders durchdacht, noch wegweisend oder avanciert produziert. Doch andererseits bietet "Light Years" alles, was man über Kylie Minogue wissen muss.

Die Platte ist reizend und vielseitig verwendbar: Sie funktioniert im Radio, auf Ibiza, in Wohnküchen und in Kindergärten. Und wenn sie in "Kids" im Duett mit Robbie Williams singt "We don t mind doing it for the kids / So jump on board / Take a ride / Feel the high / The kids are alright", dann ist sie damit näher an der Quintessenz von Pop, als sie vielleicht ahnt.Denn von "Satisfaction" bis zu "Hit Me Baby One More Time" hat sich Popmusik immer vor allem an Teenager gerichtet. Sie muss nicht schlau sein, sie muss sich dem Spektakel verpflichten. Tiefere Bedeutung und künstlerischer Wert sind dabei nicht so wichtig. Meistens stören sie eigentlich nur.

Kylie Minogue: Light Years (EMI)