BERLIN. Wie viel Angst müssen die homosexuellen Männer seiner Generation gehabt haben? Dass sich nur so wenige öffentlich zeigten, die ihre Verfolgung durch die Nationalsozialisten überlebt hatten. Rudolf Brazda war einer von ihnen, vermutlich der Letzte seiner Art. Am Mittwochmorgen ist er im Alter von 98 Jahren in einem Krankenhaus im elsässischen Bantzenheim gestorben.Der Initiative einer Verwandten ist es zu verdanken, dass sich Brazda 2008, kurz vor Eröffnung des Mahnmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Homosexuellen, öffentlich zu Wort meldete. Wie gerne wäre er bei dieser Festlichkeit in Berlin dabei gewesen, es hat nicht geklappt und so durfte er kurz darauf, an der Seite des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit, die Parade am Christopher-Street-Day eröffnen. Da stand er dann, ein strahlender, alter Mann, inmitten einer jungen Generation feiernder, kostümierter Schwuler und schien zufrieden: "Jetzt kann jeder machen, was er will." Dabei ahnten nur wenige seine Geschichte.Ritter der EhrenlegionRudolf Brazda wurde am 26. Juni 1913 in Thüringen geboren, als junger Mann von 20 Jahren verliebte er sich das erste Mal in einen anderen Mann. "Eine ganz normale Veranlagung", wie er meinte, und er lebte damit so gut es ging in seiner Zeit, immer umgeben von schwulen Freunden. "Es war eine schöne Zeit," erzählte Brazda noch vor wenigen Wochen einem Spiegel-Reporter, "wir haben viel Spaß gehabt." Dass man es ihm ansehe, machten ihm die Nazis zum Vorwurf, nachdem sie den die männliche Homosexualität verbietenden Paragrafen 175 verschärft hatten. Im April 1937 wurde Brazda in Leipzig zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt. Vier Jahre später erneute Verhaftung, diesmal kam er ins Konzentrationslager Buchenwald als einer von 650 Häftlingen mit dem rosa Winkel. Wie die anderen, hätte auch er im Steinbruch arbeiten müssen, aber er gefiel einem der Aufseher, der ihm eine Tätigkeit in der Sanitätsbaracke verschaffte.Am 11. April 1945 wurde das Lager von den Alliierten befreit, Brazda verließ Deutschland und ließ sich in Mulhouse in seinem erlernten Beruf als Dachdecker nieder. Dort traf er auch seinen späteren Lebensgefährten Edouard Mayer. Die beiden blieben ein Paar bis zu Edouards Tod 2003.Wie fast alle anderen nach dem Paragraf 175 verurteilten Homosexuellen hat Rudolf Brazda nie eine Wiedergutmachung erfahren, keine Entschädigung, nichts. Im Gegenteil, der verhasste Paragraf blieb in Deutschland noch gültig bis fast 30 Jahre nach Kriegsende. Eine letzte Ehre aber wurde Brazda zuteil in seiner Wahlheimat, am 28. April 2010 erhielt er die höchste Auszeichnung Frankreichs, den Orden der Ehrenlegion.Er habe keine Angst vor dem Tod, sagte er jüngst noch dem Magazin Spiegel: "Jeder hat sein Leben, ich hatte meins." Und: "Wie's kommt, wird's gefresse." Seinem letzten Wunsch zufolge wird er kommende Woche eingeäschert und seine Überreste sollen neben denen seines Lebenspartners verstreut werden. In einer ersten Reaktion würdigte Klaus Wowereit den Verstorbenen: "Er ist ein Beispiel dafür, wie wichtig die Erinnerungsarbeit für unsere Zukunft ist."------------------------------Foto: Rudolf Brazda im Jahr 2008 vor dem Homo-Mahnmal in Berlin.

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