In der Wagner-Stadt Berlin hatten es die Opern des Belcanto nie leicht. So wie man die frühe romantische Oper Carl Maria von Webers und Heinrich Marschners vom Musikdrama Richard Wagners zur Vorstufe degradiert sah, so meinte man auch die seelenvollen Opern Donizettis und Bellinis vor dem Hintergrund Verdis als bühnenfremde Vokalartistik abtun zu können. Das Vorurteil unzureichender Bühnenwirksamkeit verschärfte sich unter der Dominanz des sogenannten Regietheaters zur Behauptung schieren Substanzmangels für die einschlägigen interpretatorischen und szenischen Anstrengungen. Bellini oder Donizetti schienen Fälle für inszenierende Dekorateure zu sein.

Wenn die Deutsche Oper nun für Bellinis „La Sonnambula“ eine Stuttgarter Produktion einkauft, die zudem schon auf DVD erschienen ist, wirkt das wie ein Testballon, ob dergleichen ein Publikum findet. Die Produktion vom damaligen Stuttgarter Intendanten Jossi Wieler und seinem Dramaturgen Sergio Morabito wurde 2012 mit Grund zur „Aufführung des Jahres“ gewählt: Sie beweist eindrucksvoll die Bühnentauglichkeit dieses Stücks, das selbst Bellini-Verehrern als melodisch zwar überaus eindrucksvolles, aber zugleich dramatisch laues Werk gilt. Wieler und Morabito zeigen dagegen die Personen in permanenter Aktion, es gibt kein Rampensingen, es gibt kaum eine Arie, die eine Person für sich singt, alles ist Handlung und Dialog. Diese „Sonnambula“ ist nicht einfach gelungen, sie ist eine Modellproduktion für dieses Repertoire.

Ein geheimnisvoller Herr kommt in ein Schweizer Bergdorf. Mit seltsamen Blicken und Kommentaren stört er Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande: Amina, ein Waisenkind, wird morgen den Gutsbesitzer Elvino heiraten. Der Herr zieht sich, unbeeindruckt von der chorischen Beschwörung eines umgehenden Gespensts, in ein Zimmer im Gasthaus zurück und erhält alsbald Besuch von der schlafwandelnden Amina. Die beiden fliegen auf, Elvino sagt die Hochzeit ab, die Wirtin Lisa freut sich darob, hatte sie doch vor Jahren etwas mit dem reichen jungen Mann und rechnet sich nun wieder Chancen aus.

Wieler und Morabito nehmen das Stück einerseits ungeheuer ernst, aber retten es vor sich selbst durch liebevollen Humor. Sie verstehen Aminas Schlafwandeln als Weiterleben eines familiären Traumas: Aminas Vater ist unbekannt, ihre Mutter starb bei der Geburt. Gruslig wandelt eine dicke alte Frau mit ebenso roten Haaren wie Amina des Nachts über die Bühne und verschlingt, was die geistergläubige Gemeinde ihr zum Essen hingestellt hat: Aminas (un)tote Mutter, die mit dem Fremden, der auch noch der verschwundene Sohn des örtlichen, vor kurzem verstorbenen Grafen ist, geschlafen hat. Diese schuldhafte, tödliche Verstrickung durchlebt die Schlafwandelnde noch einmal und wird dadurch schuldlos schuldig. Freisprechen kann sie sich nur durch weiteres Schlafwandeln am Ende der Oper, bei dem sie eine überaus schöne traurige Arie über den Verlust des geliebten Elvino singt.

Wunderbar stimmig ist das besetzt: Venera Gimadieva bringt als Amina das virtuose Kunststück fertig, ihre Koloraturen als Beseelung verständlich zu machen, während sie bei Alexandra Hutton als ihre Nebenbuhlerin Lisa in herkömmlicher Weise als Exaltation verwendet werden: Gimadievas Sopran klingt weich und warm, denn sie ist die Tugendhafte, während Huttons kristallinere Stimme zum eitlen und egozentrischen Charakter ihrer Figur passt. Dazwischen steht als Elvino Jesús León – schöner harmoniert er im Duett mit Venera Gimadieva dank seiner hellen, leichten Kopfstimme, die er ohne große Anstrengung bis zum hohen d führen kann; zugleich macht er aber deutlich, in welchem emotionalen Ausnahmezustand jemand ist, der so hoch singt.

Gewiss, die Rolle des eifersüchtigen Tenors ist genretypisch wie die des verführerischen Baritons, den Ante Jerkunica mit geschmeidiger Autorität singt; aber Wieler und Morabito betrachten ihre Ambivalenzen mit Wärme und Genauigkeit. Selbst der Chor, differenziert einstudiert von Jeremy Bines, wird in einer Weise individualisiert, die ihn zu einem Hauptakteur macht: Er verschmilzt in einzigartiger Weise mit dem großartigen Bühnenbild von Anna Viebrock, einer Wirtsstube mit Treppenhaus, deren Bierbänke zu weiteren Musikinstrumenten werden, wenn es etwa im Gespensterchor gilt, das Unheimliche durch Lärm zu charakterisieren. Stephan Zilias am Pult rettete die Aufführung, aus der sich der ursprünglich vorgesehene Diego Fasolis kurzfristig „zurückgezogen“ hatte, wie es Intendant Dietmar Schwarz vor der Aufführung formulierte. Weitgehend sicher koordinierend, fehlte es Zilias’ Leitung an gestalterischem Temperament: Allzu freundlich dirigierte er zu Beginn den Sängern hinterher und bestätigte auf der musikalischen Seite die berüchtigte Handlungsarmut des ersten Bilds, die das Regieteam so glänzend widerlegt hat.

La Sonnambula 2., 7.2.: 19.30 Uhr; 10.2.: 18Uhr, Deutsche Oper, Tel.: 343 84 343 oder: deutscheoperberlin.de