Vor ein paar Tagen war ich mit Lady Gaga auf einer Demo. Ich und 150 000 andere. Die aktuelle Königin des Pop sprach auf den Stufen des Kongresses in Washington vor dem "National Equality March", jener circa alle zehn Jahre stattfindenden Demonstration von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transsexuellen und Intersexuellen, die gleiche Rechte für alle fordert. Eine ziemlich vielfältige Gemeinschaft also, die in den USA unter dem Kürzel "LGBTI-Community" bekannt ist, was hierzulande oft ein verständnisloses "ABCDE - was?" hervorruft.Seit einem guten Jahr versuche ich Lady Gaga zu verstehen. Ich hielt sie zunächst für die unterschätzteste Künstlerin unserer Zeit. Lange habe ich darüber nachgedacht, was man Großartiges über sie sagen könnte. So lange jedenfalls, dass viele andere etwas über sie schrieben, faszinierenderweise oft, ohne dabei wirklich etwas zu sagen. Das, was bei mir hängen bliebt, war erstens: Sie hat ulkige Klamotten an. Und zweitens: Sie ist zwar eine Frau und erfolgreich im Pop, hat aber trotzdem was in der Birne.Irgendetwas ist dran an Lady Gaga, man weiß nur nicht, was. Ich habe versucht, diesem Phänomen in ihrer Heimatstadt ein Stück näher zu kommen. Wenn man in New York von Lady Gaga spricht, seufzen die einen, verdrehen die Augen und sagen ein langgezogenes "Lady Gaagaahhh...". Die anderen flippen aus. Der Kioskbesitzer in Brooklyn hört ihre Songs genauso wie die Gäste einer Schwulenparty in Soho, Manhattan. Die unterschiedlichsten Hoffnung ruhen auf ihren Schultern, diesen am breitesten aufgepolsterten der Welt. Sie ist Avantgarde und Mainstream zugleich.Lady Gaga hat für ihre Popularität eine ziemlich unpopuläre Agenda, die mit dem schönen Ausdruck "Genderfuck" sehr gut beschrieben ist. Es geht um Sex, um guten Sex, um Sex mit sich selbst, um Sex mit dem gleichen Geschlecht, um die Verwirrung von Geschlecht überhaupt. Das Steilste, was Lady Gaga in dieser Sache bis jetzt vorgelegt hat, war der sich abzeichnende Penis in ihrer Unterhose, den sie so kommentiere: "Ich habe eben beides: Eine Vagina und einen Penis. Und ich bin heiß und sexy."Vergangenes Wochenende nun war ich mit Lady Gaga in Washington. Zunächst musste ich mich mit Namen und Adresse im Internet für den Demo-Bus anmelden, eine Kombination aus Politik und Daten, die mir eigentlich Schluckauf bereiten sollte, aber was macht man nicht alles. Ich habe es nicht bereut, im Gegenteil: Ich habe mich noch nie so sicher und gut betreut gefühlt. Die Veranstalter schickten mir per Email einen Plan, wie ich mich an diesem großen Tag zu verhalten habe: "Bevor du zum Bus gehst: druck dein Ticket aus, stell deinen Wecker, nimm deinen Ausweis mit und bring dir etwas zu essen und zu trinken mit. 5.30 Uhr: Komm zum Ort der Abreise. Melde dich beim Buskapitän. Gib dem Buskapitän deine Handynummer. Du bekommst einen Stadtplan von Washington und einen U-Bahn-Plan. 6 Uhr: Dein Bus fährt ab. Wenn du nicht da bist, fährt er ohne dich. 10.30 Uhr: Der Bus kommt in Washington an. Geh auf's Klo. Kauf ein U-Bahn-Ticket. 11.30 Uhr: Komm zum Gleis und stell dich zu den Leuten mit den roten Luftballons. 12 Uhr: Die Demo geht los."Wahrscheinlich kann man irgendwen verklagen, wenn etwas an diesem Plan nicht stimmt. Wenn man aus Versehen in die andere Demo-Richtung geht, sich dauernd wundert, dass einem alle entgegen kommen, und schlussendlich auch noch Lady Gaga verpasst.Auch die Demo-Forderungen waren neu für mich. Noch nie habe ich für das Recht von Menschen gekämpft, im Militär mitmorden zu dürfen, oder sich dem Wahnsinn der Ehe verschreiben zu können. Dass die Regenbogen-Gemeinschaft kein schwarzer Block ist, zeigte nicht zuletzt ein Demonstrant, der vor dem Kongress ein Plakat hochhielt: "Ich hatte wenigstens die Eier, im Militär zu dienen, Mr. Obama!". Es ist eben ein freies Land, gleiche Rechte für alle, man muss dabei sein können dürfen.Lady Gaga hat dann leider doch nichts Spannendes gesagt. Zunächst rückte sie mal die Penis-Sache zurecht. "Ich bin eine Frau", sagte sie vor den Demonstranten, "mit den schönsten schwulen Fans der Welt". Vereindeutigung, Erleichterung, puh. Zum Schluss sagte sie dann noch: "Gott schütze uns, und er schütze die Schwulen." Vielleicht ist Lady Gaga auch einfach nur die überschätzteste Künstlerin unserer Zeit.