Im Kampf gegen das Hochwasser in Brandenburg haben die Einsatzkräfte mit neuen Methoden zur Deichsicherung erste Erfolge erzielt. Dennoch bleibt die Lage bedrohlich. Es muß weiterhin mit einer Katastrophe gerechnet werden. Der Krisenstab in Potsdam bezeichnete die Lage im Oderbruch als "unverändert dramatisch".Als besonders gefährlich wurde nach wie vor die Lage bei Hohenwutzen im nördlichen Oderbruch eingestuft. Dort mußte der Damm in den vergangenen Tagen bereits mehrfach ausgebessert werden. Am Freitag rutschte er südlich auf der Höhe des Ortes Neuenglietzen ab. Mit Entwässerung und dem Aufbau eines Stützdreieckes aus Sandsäcken und Schienen wurde versucht, die Schutzanlage wieder zu stabilisieren. Das Abwerfen von Sandsäcken aus Hubschraubern mußte eingeschränkt werden, da die Wucht der Rotorumdrehungen den Deich in Mitleidenschaft ziehen könne, erklärte ein Sprecher des Krisenstabs in Bad Freienwalde.Bei dem Ort Zollbrücke mußte ein etwa 100 Meter langer Riß geflickt werden. In der Nacht zum Freitag waren zudem weiter südlich zwischen Lebus und Reitwein mehrere Risse aufgetreten. Dort soll nun ein zweiter Deich angelegt werden. Trotzdem galt die Lage am Freitag den ganzen Tag über als äußerst kritisch. Noch an diesem Wochenende soll im Süden des Oderbruchs mit dem Bau eines neuen Schutzdeichs begonnen werden. Das teilte der zentrale Krisenstab mit. Der Querdeich soll 2,5 Kilometer lang sein und von Reitwein bis zur Oder reichen.Die deutsche EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies hat sich bei einem Besuch im Katastrophengebiet für ein europäisches Wiederaufbauprogramm für die von der Flut geschädigte Oderregion ausgesprochen. Sie wolle an die Regierungen Brandenburgs, Tschechiens und Polens schreiben, um dieses Programm schnell in Gang zu bringen. Polen kann laut Wulf-Mathies schon jetzt mit rund 120 Millionen Mark aus Brüssel rechnen. Für Brandenburg stünden 84 Millionen Mark bereit. Zunächst sollen drei Millionen Mark als Soforthilfe für besonders hart Geschädigte zur Verfügung stehen. Allerdings müsse zunächst die Bundesrepublik helfen, erst dann komme die EU, so Wulf-Mathies.Auch der SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine besuchte das Katastrophengebiet. Er wies darauf hin, daß Brandenburg den Wiederaufbau mit den bisherigen Zusagen nicht leisten könne. Schon die Sanierung eines Deich-Kilometers koste 1,8 Millionen Mark, sagte er in Hohenwutzen.Die Situation in der polnischen Grenzstadt Slubice bleibt trotz sinkender Pegelstände gefährlich. Bisher konnten Soldaten und freiwillige Helfer den Deich halten. Doch auch hier haben sich gefährliche Risse gebildet. Nach Angaben des Krisenstabes sind Teile der Bevölkerung trotz des Aufrufs zur Evakuierung in ihre Häuser zurückgekehrt.Die Tschechische Republik hat am Freitag mit dem Verkauf von Hochwasseranleihen begonnen, mit denen den Opfern der Flutkatastrophe geholfen werden soll. Sie haben einen Ausgabepreis von 54 und 540 Mark. Präsident Vaclav Havel war einer der ersten Käufer. Die Hochwasserschäden in Tschechien werden auf 3,2 Milliarden Mark geschätzt.In den beiden Ländern kamen durch das Hochwasser bisher 94 Menschen ums Leben. In Sachsen wurde am Freitag die Leiche eines vermutlich bei der Flut in Tschechien ertrunkenen Mannes aus der Elbe geborgen.Seiten 4 und 21