BERLIN, 12. April. Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat in den letzten Monaten erneut einen größeren Aktenbestand an das Bundesarchiv in Koblenz übergeben. Bei den Unterlagen handelt es sich unter anderem um politische und militärische Lageeinschätzungen zur DDR und anderen früheren Ostblockstaaten. Die Akten, deren Entstehungszeit zum Teil bis ins Jahr 1992 reicht, sind frei zugänglich; sie unterliegen jedoch der üblichen Sperrfrist von 30 Jahren.Vor allem für Historiker dürften die ans Bundesarchiv übergebenen Dokumente von großem Interesse sein. So befindet sich darunter die so genannte Ausgangsberichterstattung des Dienstes an die Bundesregierung aus den Jahren 1963 bis 1990. Diese allgemeinen Lageberichte, die rund 140 Aktenordner füllen, fassen die aus offenen Quellen und von Agenten stammenden Informationen über die politische und wirtschaftliche Situation Ostdeutschlands zusammen. 30 Jahre SperrfristNach Einschätzung des früheren BND-Direktors Wolbert Smid können diese Berichte den verbreiteten Irrglauben widerlegen, die Bundesregierung habe von ihrem Auslandsgeheimdienst nur unzulängliche Informationen über den desolaten wirtschaftlichen Zustand der DDR erhalten. "Die Berichte unseres Dienstes über die Wirtschaftslage im Osten waren im Gegenteil sehr detailliert und realistisch", sagte Smid der Berliner Zeitung.Neben den BND-Analysen der politischen und wirtschaftlichen Situation in der DDR kann man im Bundesarchiv künftig auch die vom Geheimdienst regelmäßig abgefassten "Militärischen Lageberichte Ost" nachlesen. Diese in knapp 300 Aktenordnern zusammen gefassten Dokumente stammen aus den Jahren 1960 bis 1992. Sie geben die der Bundesregierung übermittelten Einschätzungen des Dienstes zur militärischen Stärke und zum Bedrohungspotenzial des Warschauer Paktes wieder. Historisch weniger aussagekräftig dürften hingegen die ebenfalls ans Bundesarchiv überstellten Akten sein, die sich mit den Liegenschaftsangelegenheiten der Pullacher Geheimdienstzentrale befassen. Sie umfassen die Zeiträume 1948 bis 1964 sowie 1976 bis 1999.Der zuständige Abteilungsleiter im Bundesarchiv, Matthias Rest, begrüßte die Aktenübergabe als "einen weiteren Schritt zur Normalität". Auch bei den deutschen Geheimdiensten sollte sich das Bewusstsein durchsetzen, "dass das Bundesarchiv die selbstverständliche Endstation regierungsbehördlicher Akten ist", sagte Rest dieser Zeitung. Er betonte, dass die BND-Unterlagen keinerlei Einschränkungen unterliegen, da sie weder personenbezogene Informationen noch operative Details enthalten. Bei der Herausgabe der Akten müsse lediglich die gesetzlich vorgeschriebene Sperrfrist von 30 Jahren beachtet werden. Allerdings seien hier Ausnahmeregelungen möglich, falls der BND zustimme.Bereits in den neunziger Jahren hatte der BND rund 35 laufende Meter Akten an das Bundesarchiv übergeben. Dabei handelte es sich vorrangig um Unterlagen des BND-Vorläufers "Organisation Gehlen".------------------------------Berichte über die Volksarmee // Die schon früher ans Bundesarchiv übergebenen Akten der "Organisation Gehlen" stammen zum Teil noch aus Beständen des Oberkommandos der Wehrmacht. Insbesondere handelt es sich um Dokumente der von Gehlen geleiteten Abteilung "Fremde Heere Ost". Aber auch BND-Berichte über den Aufbau der DDR-Volksarmee in den fünfziger Jahren und die bis 1990 reichende Standortkartei der in der DDR stationierten Truppen sind im Bundesarchiv. Auch für diese Akten gilt die Sperrfrist des Archivgesetzes von 30 Jahren.