"Alles wollten sie auslöschen: nicht nur das Leben derjenigen, die sie umbrachten, sondern auch die Erinnerung an sie", sagt Venjamin Jofe. Daß nun endlich eine Gedenkstätte für die Toten von Sandormoch errichtet werde, sei "ein Zeichen dafür, daß es nicht möglich ist, solche Verbrechen auf Dauer zu verheimlichen". Jofe ist Leiter des St. Petersburger Informationszentrums "Memorial", einer bereits in der Gorbatschow-Ära gegründeten Menschenrechtsorganisation. Acht Jahre lang hat Jofe in den Archiven nach jenem Ort gesucht, an dem während Stalins Herrschaft eine Gruppe von Häftlingen der Solowki-Inseln hingerichtet worden ist. Dieser Archipel liegt im Weißen Meer und war Standort eines der ersten sowjetischen Lager. Im vergangenen Sommer endlich ergaben Grabungen, daß Sandormoch, ein Waldstück bei Medweschegorsk in Karelien, der gesuchte Ort ist. Außer den Häftlingen von Solowki wurden dort auch Einwohner Südkareliens ­ also Bauern, Fischer und Jäger ­ sowie Zwangsarbeiter des Weißmeer-Ostsee-Kanals erschossen. Es waren ingesamt wohl 9 000 Menschen, die 1937/38 im Wald von Sandormoch starben.Einziger ÜberlebenderAls kürzlich in Anwesenheit des russischen Menschenrechtlers Kowaljow zwei Gedenksteine geweiht wurden, war dies auch für Eduard Penner ein wichtiger Tag. Seit er denken kann, wollte er wissen, wo sich das Grab seiner Eltern befindet. Vater und Mutter waren 1936 in Leningrad verhaftet wurden, Eduard Penner war damals noch ein Kind. Seine drei Geschwister kamen später in Heimen und Kinderkolonien ums Leben, Eduard Penner überlebte als einziger seiner Familie. Daß Mutter und Vater im Wald von Sandormoch starben, erfuhr er erst unlängst von "Memorial" ­ nicht etwa von den Behörden, die als Nachfolgeeinrichtungen des für die Hinrichtungen verantwortlichen NKWD fungieren.So machte er sich 60 Jahre später auf den Weg nach Karelien, um seiner Eltern zu gedenken. Die Prägung, die der Terror in seinem Leben hinterließ, beschreibt er so: "Ich habe nichts im Leben erreicht, konnte mich nicht, wie man sagt, selbstverwirklichen. Nicht zuletzt deshalb, weil in mir beständig die Angst lebendig war ­ ich fürchtete mich, ins Blickfeld zu geraten, aufzufallen Ich fürchtete alles und habe mich nie auf jemanden verlassen."Heute sind die Gräber von Sandormoch mit Holzstelen gekennzeichnet, auf denen Angehörige die Namen der Toten eintragen konnten. Nur selten ist der Vermerk "Erschossen" vor dem Todestag zu finden, die meisten Angehörigen vermieden dieses Wort. "Wer weiß, was sich damals hier noch alles abgespielt hat", erklärt eine Frau unter den Trauernden. Für die Mitglieder von "Memorial" ist es auch aus aktuellen politischen Gründen wichtig, sich an diesem Ort versammeln zu können. Sie verweisen auf Weißrußland, wo der "Assoziation der Opfer politischer Verfolgungen" immer noch der Status als eingetragener Verein verwehrt wird. Dies hat zur Folge, daß die Vereinigung weder ein Konto unterhalten noch Unterstützung aus dem Ausland erhalten kann, da sie als Körperschaft quasi gar nicht existiert. Bis heute leugnet Präsident Lukaschenko, daß im weißrussischen Kuropaty unter Stalin ebensolch ein Massaker geschehen ist wie in Sandormoch.