Pozzallo - Es ist noch keine vier Wochen her, da hat sich Luigi Ammatuna in seinem Bürgermeisterbüro die Schärpe in den italienischen Nationalfarben über die Brust gelegt und ist zum Hafen gefahren, um eine Trauerrede zu halten. 48 rostbraune Holzsärge waren auf dem Parkplatz vor dem Gebäude des Hafenkapitäns aufgereiht. Sie trugen Messingplaketten, auf denen zu lesen war: „Leiche 15, Abdou Assiy“ oder „Leiche 39, Unbekannter“. In den Särgen lagen tote Männer, alle aus Afrika, denen Luigi Ammatuna nie begegnet ist. An Bord eines Fischerkahns waren sie nach Pozzallo gekommen, tot, zusammengepfercht, erstickt unter Deck, bei der Überfahrt von Libyen nach Sizilien. Gemeinsam mit einem muslimischen Vorbeter, dem Bischof von Noto und hundert Trauergästen, versuchte der Bürgermeister diesen Unbekannten, die verzweifelt versucht hatten, nach Europa zu gelangen, sozusagen im Namen Europas einen würdigen Abschied zu gewähren.

Jetzt muss sich Luigi Ammatuna auf das nächste Begräbnis vorbereiten. Am Montag brachte ein Schiff der italienischen Marine wieder 18 Tote nach Pozzallo. Wieder sind es afrikanische Männer. Sie waren an Bord eines Schlauchbootes südlich von Lampedusa gefunden worden. Es war eines der Unglücke, bei denen allein am Wochenende mindestens 230 Menschen starben. Bis zum Herbst musste Lampedusa die Opfer und Überlebenden solcher Tragödien aufnehmen. Bürgermeisterin Giusy Nicolini wurde mit ihren dramatischen Hilfsappellen europaweit bekannt. Dann wurde das Auffanglager der Insel geschlossen und Italiens Regierung beschloss, weitere Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu bewahren. Die Operation „Mare Nostrum“ lief an, seither holt die Marine die Menschen aus den oft seeuntüchtigen Booten und bringt sie in sizilianische, kalabrische und apulische Häfen. Nicht immer kommt sie rechtzeitig. Aber die Zahl der Toten ist gesunken.

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