BERLIN. An der Nationalstraße im Norden Kambodschas, eine Autostunde von der thailandischen Grenze entfernt, stehen kilometerlang nur Gummibäume. In schnurgeraden Reihen, soweit das Auge reicht. Eine koreanische Firma hat das Land gepachtet, den Regenwald gerodet und Kautschukbäume angepflanzt. Die Katchok, eine ethnische Minderheit, hatten hier Reis gepflanzt und Früchte gesammelt. Sie wurden vertrieben.Die Katchok-Familien sind Opfer des sogenannten Land-Grabbing: Ausländische Regierungen oder Investoren kaufen oder pachten in anderen Ländern große Bodenflächen, um dort Nahrungsmittel für den Export zu produzieren, Pflanzen für die Biosprit-Gewinnung oder Gummi-Produktion anzubauen oder auf steigende Agrar und damit Bodenpreise zu spekulieren.Ausverkauf in ÄthiopienIn diesen Tagen ist es Äthiopien, das mit dem Thema Land-Grabbing Schlagzeilen macht. Hunderttausende Menschen sind dort von einer katastrophalen Dürre und einer Hungersnot bedroht. Trotzdem haben Regierung und Behörden in anderen Teilen des Landes gerade in den letzten Monaten fruchtbare Böden in großem Stil an ausländische Firmen verpachtet. Ein Investor aus Indien beispielsweise hat die riesige Gambella-Farm im Westen des Landes übernommen. Mit ihren 300000 Hektar ist sie fast so groß wie Luxemburg. Dort soll Baumwolle angebaut werden. Saudische Investoren wollen für ihren Heimatmarkt eine Million Tonnen Reis pro Jahr in Äthiopien anbauen. Und erst in der vorigen Woche besuchte eine weitere Gruppe indischer Investoren das Land. 2,5 Milliarden Dollar wollen sie in Äthopien, Tansania und Uganda investieren, um Nahrungsmittel für den indischen Markt zu produzieren. Das Hungerland Äthiopien schickt sich an, die Kornkammer der aufstrebenden Nationen Asiens zu werden.Es ist zwar nicht neu, dass fremde Mächte die Ressourcen anderer Länder ausbeuten. Die weltweite Gier nach Land von Investoren sowie ausländischen Regierungen hat jedoch in den letzten fünf Jahren solche Dimensionen angenommen, dass vom "neuen Neo-Kolonialismus" gesprochen wird.Noch vor drei, vier Jahren gab es kaum Studien und Zahlen zu diesem Phänomen. Inzwischen steht Land-Grabbing ganz oben auf der Agenda von Weltbank, Uno sowie Nichtregierungsorganisationen.Die Zahlen, wie viel Boden weltweit in welchen Ländern an ausländische Firmen oder deren Agenturen sowie an Investoren verkauft oder verpachtet wurde, liegen weit auseinander: Die Organisation Internationale Land-Koalition meint, dass 87 Millionen Hektar betroffen sind, laut Weltbank sollen es 57 Millionen Hektar sein. Das International Food Policy Research Institute geht von 15 bis 20 Millionen Hektar aus. Viele Transaktionen bleiben geheim, was die unterschiedlichen Angaben erklärt. Den Umfang der Deals beziffert die Organisation GRAIN auf über 100 Milliarden US-Dollar.Ursache für diese Landnahme sind die seit 2008 stetig steigenden Preise für Nahrungsmittel. Auch die zunehmende Bio-Spritproduktion erhöht den Bedarf an Flächen - während gleichzeitig die Weltbevölkerung wächst und Ackerland durch Bodenerosion und Klimawandel verloren geht. "Knappheit zieht Geld an", so wirbt ein Schweizer Investmentfonds für ein Anlage-Produkt. Versprochen werden Renditen von 15 bis 25 Prozent.Land-Grabbing und Fremd-Investitionen werfen jedoch Probleme auf und provozieren Konflikte in den betroffenen Ländern. Exemplarisch dafür steht der Fall Madagaskar: Verhandlungen der Regierung mit dem südkoreanischen Konzern Daewoo über die Verpachtung von rund 1,3 Millionen Hektar Land für Mais- und Ölpalmenanbau lösten Anfang 2009 blutige Unruhen aus.Gebrochene VersprechenBoden ist rund um den Globus ein symbolbeladenes, weil identitätsstiftendes Gut und der Umgang damit sensibel. Doch beim Verkauf an Investoren verlieren oftmals Bauern ihr Farmland, lokale Landnutzer büßen traditionelle, ungeschriebene Rechte ein, Bodenpreise explodieren. Der Wasserverbrauch steigt, Monokulturen entstehen, Wälder werden abgeholzt. Investoren versprechen zwar Jobs und Einkommensmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung, Technologietransfer und neue Infrastruktur für betroffenen Regionen. Doch ihre Versprechen sind nicht viel wert. das Institut für Entwicklungsstudien der Universität Sussex hat 100 Land-Deals untersucht und ihre Studie auf ihrer Konferenz im Frühjahr vorgestellt: In keinem der geprüften Fälle waren die Zusagen eingehalten worden.------------------------------EinkaufstourVor allem Regierungen und Firmen aus reichen Staaten kaufen oder pachten Land bei den Armen, den Entwicklungsländern. Dort erleichtern schwache Regierungen, unklare Landrechte und Korruption solche Geschäfte. Doch im Prinzip ist fast jeder bei jedem in Sachen Landgrabbing unterwegs: Japan akquiriert in China Agrarboden. China und Saudi-Arabien wiederum gehen in Afrika auf Einkaufstour. Vietnam pachtet Land in Kambodscha. US-Firmen sind in Südamerika unterwegs. Einige Beispiele:In Madagaskar hatte 2009 ein Vertrag über die Verpachtung von 1,3 Millionen Hektar und damit die Hälfte des dort nutzbaren Agrarbodens an den südkoreanischen Konzern Daewoo zum Sturz der Regierung geführt. Inzwischen sollen dort Boden-Deals und Absprachen storniert worden und damit um zwei Drittel zurückgegangen sein. Weiterhin aktiv sind dort unter anderem deutsche, italienische und indische Firmen.Der Sudan ist das Land, das am stärksten vom Landgrabbing betroffen sein soll. Eine Studie listete 2010 über 130 Projekte ausländischer Investoren auf, verteilt auf insgesamt vier Millionen Hektar Ackerfläche. Im Sudan investieren reiche Staaten wie Saudi-Arabien, Südkorea, die USA, aber auch arme Länder wie Ägypten und Jordanien. In Süd-Sudan war bereits Anfang 2011, also noch bevor das Land unabhängig wurde, ein Zehntel des Farmlandes an ausländische Firmen verpachtet.Senegal will über 70 Prozent seiner Reisanbau-Flächen an eine saudische Firma zu verpachten. China will auf 100 000 Hektar Erdnüsse anbauen.In Russland sicherte sich ein schwedisches Unternehmen 331 000 Hektar des sehr fruchtbaren Schwarzerde-Bodens. 2010 wurden dort etwa 143 600 Hektar Weizen angebaut. Eine russische Firma pachtete in der Ukraine rund 300 000 Hektar Land und sucht Flächen in Weißrussland, Asien und Afrika.In den USA bewirtschaften diverse Unternehmen aus Japan rund 200 000 Hektar Land. US-amerikanische Firmen wiederum produzieren in Äthiopien, Liberia, Madagaskar, China und der Ukraine Pflanzen für Agrarkraftstoffe, Reis, Vieh, Geflügel, undGetreide.Indien wird für Agrarinvestoren immer interessanter, bekannt ist ein Kontrakt mit einer Firma aus Bahrein. Indische Firmen pachten oder kaufen Land in Uruguay, Äthiopien und anderen afrikanischen Ländern.In Argentinien, in der Provinz Rio Negro, will Chinas größtes staatliches Agrarunternehmen Beidahuang 320 000 Hektar für den Anbau von Sojabohnen-, Getreide- und Ölsamen pachten. Ein entsprechendes Abkommen soll der Provinzgouverneur bei einem Besuch in Peking 2010 unterzeichnet haben.China ist selbst Ziel ausländischer Investitionen. Die amerikanische Investment Bank Goldman Sachs hat für knapp 500 Millionen US-Dollar industrielle Geflügel und Schweinezuchtbetriebe in China aufgekauft. Japan hat dort Land erworben. China wiedrum kauft selbst Ackerland in anderen Länder auf, vor allem in Afrika. In Mosambik war eine 800 Millionen US-Dollar Investition auf Land geplant, auf dem 10 000 chinesische Bauern angesiedelt werden sollten. Der Deal wurde auf politischen Druck hin abgebrochen.In Kambodscha erwerben thailändische Zuckerkonzerne schon seit 2006 Landkonzessionen, 2009 kam es in den Konzessionsgebieten zur brutalen Vertreibung dort ansässiger Kleinbauern. Im November 2010 berichtete das ARD-Magazin Report Mainz, dass eine Fondsgesellschaft der Deutschen Bank Beteiligungen an einem der beteiligten Unternehmen hält. Inzwischen sollen die Anteile verkauft sein.Tansania bietet Investoren 44 Millionen Hektar kultivierbares Land zur Produktion von Pflanzen zur Gewinnung von Bioenergie an. Dafür müssten tausende Bewohner umgesiedelt und große Waldflächen gerodet werden. Inzwischen hat die Regierung die Vergabe gestoppt: Sie will warten, bis ein nationales Programm für die Produktion von Agrokraftstoffen vorliegt.Libyen hatte 2009 mit Mali einen Vertrag geschlossen über die Bewirtschaftung von 100 000 Hektar Ackerland. Auch mit Sudan war verhandelt worden. Diese Pläne liegen jedoch wegen der politischen Ereignisse auf Eis.Äthiopien ist nicht nur ein Synonym für Hunger, sondern auch für die Absurdität des globalen Landnahmeprozesses: Fast die Hälfte der äthiopischen Bevölkerung ist unterernährt. Zugleich bieten Regierung oder lokale Behörden etwa drei Millionen Hektar fruchtbares Land internationalen Investoren an. Aber nicht China, sondern Indien ist am stärksten in Äthiopien engagiert ist: Indische Firmen sollen sich die Nutzungsrechte an einer Million Hektar in Äthiopien gesichert haben - zu extrem geringen Pachtgebühren, mit Steuervorteilen und ohne Auflagen.(Quellen: CIRAD, INKOTA, GRAIN, Economist, weltsichten)------------------------------Karte / Grafik: Weltkarte: Ausverkauf von Ackerland. "Aus Investorensicht lautet die instinktive Prämisse: Knappheit zieht Geld an." Werbeblatt von Sustainable Agribusiness Equities, (SAM) Schweiz