Kurz vor ihrem Tod kam die greise Schauspielerin Marianne Hoppe noch einmal zum elterlichen Gutssitz in dem kleinen Prignitz-Flecken Felsenhagen. Still besah sie die Landschaft ihrer frühen Kindheit und hörte von einem der letzten Ureinwohner des Ortes, wie sie auf SMAD-Befehl 209 den "Junkersitz" kurz und klein schlugen, aus Abbruchsteinen Neubauernhöfe auf Bodenreformland bauten, später in die LPG "Felsenfest" mussten und wie heute in der Agrargenossenschaft sieben Leute das schaffen, wofür sie damals weit über 100 gewesen waren. Das vom Bundesverfassungsgericht abgewiesene Ansinnen jüngerer Familienangehöriger, Felsenhagen wiederzubekommen, schien die Künstlerin nicht zu berühren. Zum Abschied wünschte sie dem Dorf gute Arbeit, Glück und Frieden. Ein Zweig von der alten Gutskastanie war alles, was sie noch haben wollte. So gehörte ihr ihr Dorf. Schluss der Sentimentalität. So wird es in Sachen Alteigentum an ostdeutschem Grund und Boden nicht sein Bewenden haben. Gleich zweimal in acht Tagen befindet der Europäische Gerichtshof in Straßburg über Eigentumsfragen. Mit ziemlich breit gestreuter Freude hat man den ersten Urteilspruch aufgenommen: Die 1992 enteigneten Erben von Neusiedlern, denen kurz nach dem Krieg "Junkerland" zugeteilt worden war, haben ein Menschenrecht auf dieses Eigentum. Heute findet in Straßburg die erste Anhörung statt, welche die Ansprüche auf dasselbe Land aus der Perspektive der alten Großgrundbesitzer betrifft, die aus der sowjetischen Besatzungszone verjagt wurden, ob sie nun Nazis oder Widerstandskämpfer gegen Hitler waren. Wie nun die historisch gegensätzlichen "Menschenrechte auf Besitz" nicht nur juristisch so miteinander vergleichen, dass die kümmerliche Pflänzchen der "inneren Einheit" nicht zertrampelt werden? Symbolisch konstruiert könnten sie sich also morgen schon am selben Flurstück gegenüberstehen, der Erbe des kleinen Neusiedlers und der des einstigen Patrons - der eine auf den aus sozialistischen, der andere auf den aus feudalen Zeiten herrührenden Besitztitel pochend. Und einen Dritten könnte man mit moderner Technik herbeifahren sehen, der im zurückliegenden Jahrzehnt durch erfahrene, clevere Arbeit auf eben diesem Boden auch ein Menschenrecht erwarb, welches nur den Fehler hat, von keinem Grundbuch bestätigt zu sein. Wir reden von den Agrargesellschaften, die sich in LPG-Nachfolge als marktfähige Großbetriebe behauptet haben. Sie bestellen etwa 40 Prozent der Nutzfläche Ostdeutschlands, mit einem Anteil von knapp zwei Prozent am Bruttosozialprodukt übertreffen sie den der westdeutschen Landwirtschaft um das Doppelte. Sie sind der erfolgreichste Wirtschaftszweig Ostdeutschlands, der maßgebliche Stabilitätsfaktor in den ländlichen Regionen. Freilich: In ihrer geschichtlich bedingten Kapitalschwäche sind sie ganz darauf angewiesen, jenes Land zu pachten, um das die Rauferei nun neu beginnen soll. Fiele es an die alten Besitzer zurück, stünde die Existenz dieser Gesellschaften in Frage.Marianne Hoppe ist tot. Und die aristokratisch noble Phase der Heimkehr der Grafen in ihre ostdeutschen Vaterhäuser vorbei? Bis auf wenige Ausnahmen erlebten die Ostdeutschen, in Brandenburg zumal, bislang diese Rückkehr als einen Prozess des beiderseitigen Abbaus von Vorurteilen, des Gewinns von Respekt und kultureller Bereicherung. Ein von Ribbeck, der gleich zur Wende mit gutsherrlichem Besitzer-Gestus in "sein" Dorf einritt, musste schnell erfahren, dass gestrige Patronate keine Chance mehr hatten. Dagegen stehen beeindruckende Beispiele tatkräftig vorgelebten Ethos: der Rechtsanwalt Christoph von Katte auf Hohenkamern, die Grafen Carl Friedrich und Gebhard von Hardenberg, der Augenarzt Bernhard von Barsewisch aus der Familie Gans Edle zu Putlitz in Groß Pankow und Wolfshagen, Graf Finck von Finkenstein in Alt-Madlitz und noch viele andere kamen mit der Achtung vor dem im Osten gelebten Leben. Sie wollten kein Geld, sondern brachten welches mit aus ihren im Westen aufgegebenen sicheren Existenzen. Vielfach mussten sie in quälenden Amtstouren ihre heruntergekommenen Vaterhäuser zurückkaufen, um sie zu retten und zu Kulturzentren, Kliniken oder Hotels zu machen. Viele ihrer Mühen um einen Neuaufbruch "rechneten" sich nicht, aber die Heimkehrer machten Mut in harten Zeiten und schufen neue Bindungen. Sie bekundeten, dass es im Geiste ihres Adels ist, die auf dem Bodenreformland aufgebauten Existenzen nicht anzutasten. Dem inneren Frieden im Lande, seinem sozialem Fortschritt täte es gut, bliebe es so.Symbolisch könnten sie sich also morgen schon am selben Flurstück gegenüberstehen, der Erbe des kleinen Neusiedlers und der des einstigen Patrons.