Balingen - Der Tag, an dem Germann sein Leben lassen muss, ist wolkenverhangen und kühl. An seinem letzten Vormittag steht Germann inmitten seiner Herde und ahnt nichts von dem nahen Ende. Kein Tiertransport. Keine Schlachthalle. Alles wie immer. Alles gut.

In ein paar Stunden wird Bauer Ernst Hermann Maier zu Germann auf die Weide kommen, wie schon so oft. Wenn er auf den Bullen zugeht, wird er einen länglichen Gegenstand in den Händen halten, der keine Heugabel ist. Sondern ein Gewehr, Kaliber neun Millimeter, schallgedämpft. Germann, 350 Kilogramm schwer, knapp eineinhalb Jahre alt, Rinderpassnummer DE 08 930 15986, wird interessiert, aber gelassen schauen, was nun passiert. Und wenn es passiert, wird es auch schon vorbei sein. Ein Ende ohne Schrecken.

Für Landwirt Maier, Germanns Besitzer, ist das die Hauptsache: dass seine Tiere so wenig wie möglich leiden. Deshalb ist er heftig mit den Behörden aneinandergeraten. Wieder einmal.

Ernst Hermann Maier ist 71 Jahre alt und kampflustig, noch immer. Seit einigen Monaten beharkt er sich so verbissen mit der grün-roten Landesregierung Baden-Württembergs, dass kürzlich sogar die britische Times ihren Europa-Korrespondenten auf ihn ansetzte. Anlass der Auseinandersetzung ist Maiers Weigerung, seine Rinder mit gelben Plastik-Ohrmarken zu kennzeichnen. Damit widersetzt er sich Paragraf 27 der Viehverkehrsverordnung. Dieser setzt auf nationaler Ebene die EU-Verordnung Nr. 1760/2000 um, mit der die Behörden hoffen, die Handelsströme der Fleischindustrie im Blick zu behalten und Tierseuchen wie BSE eindämmen zu können.

Mikrochip statt Nummer

Gut gemeint, findet Maier. Doch er ist überzeugt, eine bessere Lösung gefunden zu haben. „Wir kaufen Ohrmarken für jedes Tier. Aber dann legen wir die Marken auf den Dachboden.“ Dort verursachen sie den Rindern keinen Schmerz. Und gehen auch nicht beim Grasen auf der Weide verloren. Ernst Hermann Maier markiert seine Tiere per Mikrochip. Ein Transponder-Stäbchen, etwa ein Zentimeter lang, wird jedem Kalb nach der Geburt unter die Haut injiziert, links neben den Schwanzansatz. Die darauf gespeicherten Informationen lassen sich aus ein paar Zentimetern Entfernung mit einem Funklesegerät abrufen. Tierfreundlicher, zuverlässiger, zeitgemäßer sei das, sagt Maier: „Ich halte es für verwerflich, Rinder mit Nummern zu markieren wie Autos. Tiere sind keine Autos.“

Der Uria-Hof der Familie Maier in Balingen-Ostdorf, am Fuß der Schwäbischen Alb, widersetzt sich radikal dem Effizienzgebot der modernen Tierhaltung. Die rund 270 Rinder bekommen nur Gras und Heu zu fressen. Kälber werden nicht, wie sonst üblich, von den Mutterkühen getrennt. Auf über 80 Hektar Weideland lebt die Herde im Familienverbund. Das, so Maier, gibt’s in ganz Mitteleuropa kein zweites Mal. „Man muss Tiere wieder als Lebewesen wahrnehmen“, sagt er. „Wir wollen Tierschutz praktisch umsetzen. Nicht nur mit dem Finger zeigen wie viele Umweltverbände.“

Bereits seit 1999 markieren die Maiers ihr Vieh per Chip, mit Duldung des Landratsamtes. Dann aber, im Frühjahr 2012, ging beim Veterinäramt Balingen eine anonyme Anzeige ein. Es folgten Kontrollen der Rinderherde; eine Kürzung der EU-Agrarsubventionen um zunächst 20 Prozent – rund 5 000 Euro für das Jahr 2012; die Aussicht auf Komplettverlust der Subventionen. Die Maiers blieben auf Kurs. Keine Ohrmarken. „Mit Geld kann man nicht alles regeln“, sagt Ernst Hermann Maier. „Es braucht auch Überzeugungen.“

Am 9. Februar 2013 erreichte die Familie eine Anordnung des Veterinäramtes: Bis Ende Juni sei jedes Rind mit Ohrmarken zu versehen. Nun nahm die Sache Fahrt auf. Ernst Hermann Maier kündigte in der Regionalpresse erbitterten Widerstand an: „Schwachsinn muss man zu Fall bringen.“ Er wandte sich an den Landrat des Zollernalbkreises, Günther-Martin Pauli (CDU). Der stellte sich an die Seite des Tierschützers und erteilte am 10. Juni eine Ausnahmegenehmigung für den Hof. Er berief sich auf Paragraf 45 der Viehverkehrsordnung, der Tiere von der Ohrmarkenpflicht befreit, die „in Zoos, Wildparks, Zirkussen oder ähnlichen Einrichtungen“ gehalten werden.

Eine solche Ähnlichkeit indes wollten die nächsthöheren Verwaltungsebenen, das Regierungspräsidium Tübingen und das Landwirtschaftsministerium, nicht erkennen. Am 11. Juli ging dem Landrat ein Schreiben zu: Die Ausnahmegenehmigung sei „rechtswidrig“ und „zurückzunehmen“.

Vier Tage nahm sich der Landrat Zeit. „Sehr geehrter Herr Regierungspräsident Strampfer“, schrieb er dann, „Sie können sicher sein, dass die Ausnahmeregelung nicht leichtfertig erteilt wurde.“ Grundsätzlich bleibe festzustellen, dass durch die Kennzeichnung der Tiere mit einem Transponder „das Ziel (Sinn und Zweck) sowohl des EU-Rechts als auch der Viehverkehrsordnung erreicht wird“. Aus einem Verwaltungsakt wurde ein Politikum.

Auch Ernst Hermann Maier setzte einen Brief auf. Er riet dem Regierungspräsidenten, er solle bitteschön nicht alles ungelesen unterschreiben, was seine Mitarbeiter ihm vorlegen. Und sich lieber selbst ein Bild machen. Kurze Zeit später stand Hermann Strampfer (CDU) tatsächlich auf dem Uria-Hof. „Hut ab!“, sagt Maier, der meist eine Schildmütze trägt. „Des fand i gut.“

In der Sache bewegte Strampfer sich jedoch nicht. Er setzte eine allerletzte Ohrmarkenfrist: 19. August.

Auch die haben Landwirt Maier und Landrat Pauli verstreichen lassen.

Beim Regierungspräsidium ist man irritiert. Derart dienstlicher Ungehorsam ist nicht vorgesehen. „Es ist recht ungewöhnlich, dass innerhalb der Verwaltung eine Anweisung nicht ausgeführt wird“, so ein Sprecher. „Wir überlegen, wie wir den rechtskonformen Zustand wiederherstellen können.“

Zur Mittagszeit kommt ein Allrad-Kombi auf Maiers Hof gefahren. Der Tierarzt. Er sieht sich Germann an, markiert ihn mit Sprühfarbe. Zum Abschuss freigegeben.

Die Uria-Rinder werden sanft aus dem Leben geholt: mit einem lautlosen Betäubungsschuss auf der Weide. Geschlachtet werden sie vor Ort. Auf diese Weise bleiben ihnen Tiertransport und Todesstress erspart. „Wir sind kein Gnadenhof“, sagt Maier. „Aber wir sind ein gnädiger Hof.“ Was wiederum, da ist der Landwirt überzeugt, der Fleischqualität zugutekommt.

In der Gerätehalle, oben auf dem Hügel, steht ein Stahlcontainer. Er ist so hoch wie ein Bus. Die „Mobile Schlacht Box“ – MSB. Nach dem Betäubungsschuss werden die Tiere per Seilwinde in die MSB gehievt. Dort, über der Blutauffangwanne, wird ihnen der Hals aufgeschnitten.

Maier hat Routine im Töten der Tiere. Trotzdem sagt er: „Das ist ein Scheißjob.“

Warum nicht Vegetarier werden?

„Der übermäßige Fleischkonsum heute ist Unsinn, völlig bescheuert. Aber die Erde ist nun mal kein Paradies. Das Gesetz unseres Planeten ist Leben und Sterben.“

Wozu dann all der Aufwand, den er für seine Tiere betreibt?

„Wir müssen alles tun, damit aus unserem Planeten keine Hölle wird. Und Schlachthöfe sind die Hölle.“

Manche nennen Ernst Hermann Maier wegen seiner Tierliebe „Rinderflüsterer“. Doch ein Flüsterer ist er nicht. Er kann aufbrausend sein, sich in Rage reden. Er kann polternd laut werden und in einen Redefluss geraten, der alles wegreißt und nur kurz innehält, für einzelne gedehnte Wörter, wie „Verfaaaahren“ oder „beraaaaten“. Wenn es zu sehr aus ihm heraussprudelt, erschrickt Maier selbst und schiebt hinterher: „Aber das bitte nicht schreiben. Das ist nicht staatstragend.“ Oder er fragt, dann doch fast sanft: „Ha, han ich net recht?“

Er will kein Querulant sein, das sagt er mehrmals. Aber wenn ein Ministerialdirektor im Landwirtschaftsministerium öffentlich kundtut, dass er, Maier, ein „sturer Bock“ sei: das sieht er als Kompliment.

Um die Schießgenehmigung für seine Rinder zu erhalten, kämpfte Maier 13 Jahre lang mit den Behörden. Es war ein ruinöser Kampf, im Jahr 2000 stand der Hof vor der Insolvenz. Doch dann geschah, was Maier „das Wunder von Uria“ nennt. In einer Zeitung erschien ein Leserbrief, der zu Solidaritätsspenden aufrief. Innerhalb von zwei Wochen ging rund eine halbe Million Mark auf einem Treuhandkonto ein. „Ein Schrotthändler kam auf den Hof und legte eine prall gefüllte Ledertasche auf den Tisch“, erinnert er sich. „30 000 Mark. Einfach so.“

Dass alles kam, wie es kam, lag letztlich an Axel. 1986 war das. Der Bulle, ein Urahn von Germann, wollte partout nicht in den Schlachthoftransporter steigen. Drei Mann, zwei Stunden – vergebens. Notgedrungen erschossen sie den Bullen auf der Weide. Bei Ernst Hermann Maier hinterließ der Kampf Spuren: Er setzte sich in den Kopf, künftig all seinen Rindern den Viehtransport zu ersparen. Und er nahm sich an Axels Starrsinnigkeit ein Beispiel.

Diesen Starrsinn bekommt nun auch das Regierungspräsidium Tübingen zu spüren. Die Ohrmarken-Anordnung pariert Ernst Hermann Maier mit dem Deutschen Tierschutzgesetz. Darin steht, Paragraf 1: Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Aus Maiers Sicht gibt es keinen Grund für die Ohrmarken: „Diese Art der Markierung ist doch längst überholt. Das ist rückwärtsgewandt.“

Kant für Kühe

Der Sprecher des Regierungspräsidiums zeigt sich diesbezüglich beharrlich: „Es ist sicherlich nicht angenehm, so ein Loch im Ohr zu haben. Aber das EU-Recht ist eben, wie es ist.“ Ein Problem mit den Transponder-Stäbchen ist aus EU-Sicht, dass sie versehentlich in den Nahrungsmittelkreislauf gelangen könnten.

Landrat Pauli kann dem nicht folgen: „Auf dem Uria-Hof gibt es eine geschlossene Herde. Und die Tiere kommen nicht in den Schlachthof. Da gehen die Chips nicht verloren.“ Pauli verfolgt eine Doppelstrategie. Er probt als Landrat den Aufstand und widersetzt sich der Anweisung von oben, so lange es geht. Gleichzeitig versucht er, ganz oben, auf EU-Ebene, eine Änderung der Rechtslage zu erwirken. Pauli steht bereits mit mehreren Europa-Parlamentariern der CDU/CSU in Kontakt.

Derweil entdecken auch auf mittlerer Verwaltungsebene manche ihr Herz für Tiere. In einem internen Gutachten des baden-württembergischen Landwirtschaftsministeriums heißt es, die Markierung mit Chips sei „nicht weniger sicher als das System der Ohrmarkenkennzeichnung“. Und: „Die Voraussetzungen für eine Ausnahme nach § 45 Abs. 2 sind (…) erfüllt.“ Das Papier argumentiert, dass der Uria-Hof einem Wildpark ähnlicher sei als einem Bauernhof mit regulärer Viehhaltung, es bezieht sich dabei auch auf den Kulturbegriff des Philosophen Immanuel Kant. Das Papier verschwand in der Schublade. Mit Kant für Kühe, das geht selbst in einem grün geführten Landwirtschaftsministerium zu weit.

Ernst Hermann Maier steht auf dem Hügel neben der Fütterungshalle, seinem Feldherrenhügel. Er blickt auf seine Herde. Er sagt: „Die Leute werden schon irgendwann merken, dass wir keine Verrückten sind.“ Dann steigt er in die Führerkabine seines Teleskopladers, spießt mit der Riesengabel einen Heuballen auf und fährt ihn in die Fütterungshalle. Die versammelten Tiere weichen lautlos zu beiden Seiten aus. Erst gibt es Mittagessen für die Rinder. Dann für Maier. Nachmittags kehrt er auf die Weide zurück und geht ein letztes Mal zu Germann.

Germann bleibt Germann bis zum Ende. Erst wenn der Schuss gefallen, wenn das Tier in der MSB ausgeblutet ist, ist aus ihm DE 08 930 15986 geworden. Zwei Tage wird es im Kühlraum hängen, bis zur Fleischbeschau. Der Tierarzt wird die Ohrmarkennummer abgleichen und den Chip checken. Dann kann die Wurst- und Hackfleischproduktion beginnen. Die besonders begehrten Teilstücke des Tiers werden in kleine, verkaufsfertige Portionen geschnitten und eingeschweißt. Zwei Rinder pro Woche enden auf diese Weise. „Rein wirtschaftlich betrachtet ist das, was wir tun, nicht sinnvoll“, sagt Maier. Dass ein grünes Landwirtschaftsministerium ihm dabei noch das Leben schwer macht, will ihm nicht in den Kopf: „Die machen das, was dem Tierschutz geradezu widerspricht!“

Kürzlich hat er ein Wahlplakat der Grünen auf den Hof gebracht. Es zeigt eine Kuh unter blauem Himmel – ohne Ohrmarken. „Und du?“, fragt das Plakat.

Ernst Hermann Maier hat seine Antwort schon lange gefunden.