STUTTGART, 31. Januar. Am Donnerstag haben die Redakteure von "Sport im Dritten" einen ziemlichen Schrecken bekommen. So stolz waren sie, dass sie Kevin Kuranyi zu einem Besuch ihrer sonntägliche TV-Sendung überredet hatten, und nun war die schöne Geschichte schon wieder akut gefährdet. "Wer sagt Ihnen denn, dass der Kevin am Sonnabend gegen Hertha BSC überhaupt spielt", fragte Trainer Felix Magath bei der Pressekonferenz listig. Niemand kann das sagen, außer Magath natürlich, und niemand muss meinen, dass sich der Trainer des VfB Stuttgart von einem Fernsehsender in die Aufstellung hineinregieren lässt. "Sendet doch Bilder vom letzten Wochenende", empfahl Magath bloß trocken, "da hat der Kevin ja gespielt."Natürlich, er wieder, der Magath, das hätte man sich ja gleich denken können. Hat er nicht den Diagonallauf erfunden, 80-mal von der einen Eckfahne zur anderen und wieder zurück? Hat, als er einst Bremerhavens Verbandsliga-Fußballer unterwies, nicht zweimal der Krankenwagen zum Training kommen müssen, zusammengeklappte Kicker abtransportieren? Hat er nicht einst die Profis von Werder Bremen im Wintertrainingslager in Herzlake zum frühmorgendlichen Waldlauf befohlen, worauf der Spieler Skripnik in der Dunkelheit unvermittelt einem Baum begegnete und sich das Haupte blutig stieß? Quält also dieser Felix Magath neuerdings auch Fernsehredakteure?ImagewandelEs sind viele schöne Geschichten im Umlauf über Felix Magath, manche stimmen sogar. "Unter Spielern ist das fast schon Folklore", schmunzelt der Profi Jens Todt, der Magath schon in Bremen erlebte und nun in Stuttgart erneut an ihn geriet, "jeder erzählt irgendwann mal eine Magath-Geschichte." Doch es muss in den Spielerkabinen immer langweiliger geworden sein in den vergangenen beiden Jahren. Felix Magath ist jetzt schon 23 Monate in Stuttgart tätig, das ist persönlicher Rekord. Es gibt jetzt nicht mehr viel zu erzählen über den Mann, für den sie einst die grimmigsten Kriegsnamen ersannen. "Schleifer" war noch fast eine Liebeserklärung, es folgten "Quälix" und schließlich "Saddam"."Zu diesem Image habe ich aber auch selbst beigetragen", sagt Magath heute. Zu seiner aktiven Zeit galt der Spielmacher Magath als verzärtelter Künstler, und er wollte unter allen Umständen vermeiden, dass er das Etikett mit hinübernimmt ins Trainerleben. "Das", sagt er, "wäre als Image noch schlimmer gewesen." Heute ist Felix Magath vor allem Felix Magath. Sein VfB hat den UI-Cup gewonnen, er ist im Uefa-Pokal über den Winter gekommen. Sein VfB ist Fünfter in der Tabelle, und branchenweit gilt als abgemacht, dass die Schwaben an guten Tagen den geschmackvollsten Fußball in der Liga spielen. Es gibt viele gute Tage. Es gibt sogar so viele, dass der ehemalige Schinderhannes inzwischen zum Bundesjugendpfleger aufgestiegen ist. Früher, in Bremen, perlte jungen Begabungen wie Torsten Frings oder Raphael Wicky schon der Angstschweiß auf der Stirn, wenn der Meister nur den Raum betrat.Heute unterhält ausgerechnet Magath die jüngste Elf der Liga, und Spieler wie Kevin Kuranyi, 20, wissen längst, dass ihren Ausbilder vor allem die Sorge treibt, wenn er sie hinausredet aus der Nationalmannschaft. "Man muss die Jungs vor dem Trubel schützen", sagt Magath, und man könnte jetzt auf die Idee kommen, die Geschichte einer wundersamen Metamorphose zu erzählen. Wahrscheinlich könnte man mit dem Material einen herrlich kitschigen Rosamunde-Pilcher-Film drehen, wo der Bösewicht am Ende ein ganz Lieber wird, weil er zum Beispiel in eine Felsspalte gefallen ist, aus der er von einer schönen Frau gerettet wird, worauf ihn umgehend die Läuterung anspringt. Aber das wären alles falsche Geschichten. Felix Magath ist nie in eine Felsspalte gefallen, und er ist jetzt auch kein anderer Mensch. "Das ist schon immer noch der Felix Magath", sagt Todt, "wir Spieler haben immer noch einen Heidenrespekt vor ihm. Ein Kuschelpädagoge wird er nie werden."Wahrscheinlich ist es so, dass das Geheimnis für Magaths plötzlichen Erfolg ganz einfach ist und doch so schwer. Felix Magath hat es geschafft, Felix Magath zu besiegen. Er glaubt immer noch, dass Qualität von Qual kommt. Er glaubt immer noch, dass Höchstleistung nur über Druck funktioniert. "Selbstverantwortung für Sportler, das geht vielleicht in einer Einzeldisziplin", sagt er, "aber im Fußball ist das ein frommer Wunsch." Er hat inzwischen gelernt, am Ventil zu drehen. Lange genug hat er mit Druck experimentiert, inzwischen weiß er, wie man ihn dosiert. Ein-, zweimal im Jahr, wenn seine Mannschaft ihn beleidigt hat, setzt es noch die alten Diagonalläufe. Aber genauso kann er, wenn es gut läuft, "auch über vieles hinwegsehen, was ich früher nicht konnte". Felix Magath serviert den Druck jetzt in Dosen."Vor allem die Station Bremen war eine wichtige Erfahrung", sagt er. Dort, im gemütlich gewachsenen Rehhagel-Land, hatten sie ihn von Anfang an nur als Strafe für die verwöhnten Spieler verpflichtet und nicht, weil sie wirklich den Trainer Magath wollten. "Hinterher habe ich erfahren, dass Willi Lemke den Spielern gesagt hat: Das habt ihr jetzt davon, jetzt kommt der Magath", sagt er, "unter diesen Voraussetzungen konnte das nichts werden." Als er am Morgen nach der 100-Jahr-Feier des SV Werder auf 10 Uhr ein Training ansetzte, fiel die Vereinsführung vollends vom Glauben ab. "Das war der Knackpunkt. Ich habe gelernt, dass nicht immer Recht bekommt, wer Recht hat."Vertrauen ist allesKopfmensch wie er ist, hat er sich in Stuttgart selbst eine letzte Chance gegeben. "Sonst wäre ich zurück in die Regionalliga oder ich hätte in der Karibik Barfüßer trainiert." Es war Magaths Glück, dass er bei seinem letzten Versuch ins Unglück geriet. In Stuttgart fand er ein Umfeld, das ihm die Karriere rettete. Es war kein Geld da beim hoch verschuldeten VfB, keines für neue Spieler und auch keines, um einen Trainer gleich wieder zu entlassen. Weil ihm nichts Anderes übrig blieb, hat Magath das Jugendding zu seiner Sache gemacht, und listig hat er dem unvermeidlichen Krassimir Balakow im Team sämtliche Macht zugeschanzt.Am Ende hat er es geschafft, dass ihm alle alles verdanken. Die alternde Diva Balakow rennt und rennt, um dem Förderer das Vertrauen zurückzuzahlen - und die Jungen wissen, dass sich die Schinderei im Training lohnt, weil der Trainer ihnen auch im Spiel vertraut.Wahrscheinlich ist Felix Magath jetzt endlich angekommen, bei sich und seinem Beruf. Er kann sich nun auch mal ein bisschen Milde leisten. Wenn noch mal einer seiner Vereine 100 Jahre alt würde, sinniert also der Fußballtrainer Felix Magath, dann würde er am nächsten Morgen nicht um zehn Uhr trainieren lassen - "sondern erst um elf".