BERLIN. Es gibt diese bekannten Fotos von ihr, aus der Zeit, als Berlin noch geteilt war. Jutta Gallus steht im westlichen Teil der Friedrichstraße und schaut nach Osten. Vor ihr liegt der Grenzstreifen, auf dem ein paar DDR-Soldaten stehen und nach Westen sehen. An einem grauen Gebäude in der Ostberliner Mauerstraße kann man die Aufschrift "Neue Zeit - Union Verlag" erkennen. Jutta Gallus, es ist Mitte der achtziger Jahre, hält ihre Plakate in diese Richtung. Sie ist eine hübsche Frau mit dunklen, schwarzen Haaren und dieser charakteristischen Stirnlocke. Eine Zeit lang steht sie jeden Tag an diesem Ort. Sie wird fotografiert und gefilmt. Jutta Gallus aus Dresden wird in dieser Zeit zur Frau vom Checkpoint Charlie.Aber die Vergangenheit ist nie ganz vorbei. Damals war Frau Gallus Ende dreißig, heute ist sie sechzig, und es liegt viel Zeit dazwischen, doch die Frau vom Checkpoint Charlie ist sie immer noch. Oder gerade jetzt wieder, wo der zweiteilige Fernsehfilm über ihr Leben fertig ist. Er zeigt ihren langen Weg von Ost nach West. Ihr Weg führte sie von Dresden über Rumänien und das DDR-Frauengefängnis Burg Hoheneck nach Westberlin. Damit war aber noch nicht alles zu Ende.In gewisser Weise fing es damit erst an.In den siebziger Jahren war Jutta Gallus in der DDR verheiratet. Sie bekam zwei Kinder, Claudia und Beate, und oberflächlich gesehen sah ihr Leben eine Zeit lang wie eine normale, mittelmäßige Existenz aus. Es war nur so, dass sie ihre eigenen Ideen von diesem Leben hatte. Sie passten nicht zu den Ideen der DDR. 1975 stellte sie den ersten Ausreiseantrag. Weil niemand darauf reagierte, folgten fünf weitere. Die Antwort war jeweils die gleiche: keine. Sie sagte sich, wenn es so nicht geht, dann muss es halt anders gehen.In Dresden nahm sie Kontakt zu jugoslawischen Fluchthelfern auf. Es war jetzt 1982 und sie war geschieden. "Ich sollte nach Rumänien an die Donau fahren, wo jemand mich und meine Kinder auf die jugoslawische Seite übersetzen würde." Es war in der zweiten Augusthälfte, als sie mit ihrem Lada in der rumänischen Stadt Severin eintrafen. Da lag der große Fluss, und an seinem Ufer standen verstaubte und versiegelte Autos aus der DDR, deren Besitzer es offenbar nach drüben und dann in den Westen geschafft hatten. Jutta Gallus war erleichtert, als sie das sah. Sie glaubte, am richtigen Ort zu sein. Dass die Flucht scheitern könnte, dieser Gedanke fand in ihrem Kopf nicht statt,Um sich die Zeit zu vertreiben, bis der jugoslawische Kontaktmann erscheinen würde, ging sie mit ihren Kindern ins örtliche Freibad. Als ihr dort die Tasche mit allen Papieren gestohlen wurde, war die Flucht im Grunde schon beendet. Damals dachte Jutta Gallus noch an einen bösen Zufall, aber später sollte sie erfahren, dass ihr Plan verraten worden war.In Severin dachte sie über einen Ausweg nach. Vielleicht, überlegte sie, könnte es die Botschaft der Bundesrepublik in Rumänien sein. Jutta Gallus setzte ihre Kinder wieder in den Lada, fuhr nach Bukarest und erzählte den westdeutschen Beamten, dass sie Jutta Wagner aus Bad Wildungen in Hessen sei und dort bei ihrem Onkel wohne. Man hätte ihre Papiere gestohlen und sie brauche nun einen neuen Pass, um nach Hause fahren zu können. Gallus bekam den Pass, aber sie erfuhr auch, dass sie sich beim rumänischen Außenministerium ein Ausreisevisum besorgen müsse. Eine halbe Bundesbürgerin war sie bereits, aber eine ganze sollte sie jetzt noch nicht werden. Bei den rumänischen Behörden scheiterte die Flucht endgültig. Sie wurde mit ihren Kindern der Staatssicherheit übergeben und am 2. September zurück in die DDR geflogen. Das war der Tag, als Jutta Gallus ihre Kinder, neun und elf Jahre alt, für lange Zeit zum letzten Mal sah.Es war der Beginn ihres Weges zum Checkpoint Charlie in Westberlin. Die Kinder kamen zu ihrem Vater, dem das alleinige Erziehungsrecht übertragen wurde. Jutta Gallus kam in Untersuchungshaft, wurde zu drei Jahren verurteilt und verschwand in der Burg Hoheneck. Nach 22 Monaten wurde sie vom Westen frei gekauft, am 18.April 1984 verließ sie die DDR. Dabei wurden ihr auch ein Teil der Papiere ausgehändigt, die ihr in Severin gestohlen worden waren. Vor der Ausreise hatte sie unterschreiben müssen, dass sie ohne ihre Kinder in die Bundesrepublik übersiedelt. "Natürlich war das sehr schwer für mich", sagt Jutta Gallus, die heute Fleck heißt, "aber ich wusste, dass man in der DDR seine Kinder nie wieder bekommt, wenn erst einmal das Erziehungsrecht weg ist. Mir blieb nur ein Weg - ich musste es vom Westen aus machen."Aber was kann man tun, für solche Fälle gibt es keine Anleitungen. Vielleicht kann man Briefe schreiben, dachte Jutta Gallus, und sie schrieb Briefe. "Genscher bekam von mir Post, Strauß, eigentlich alle wichtigen Politiker, die es gab." Zu Hause hat sie vier dicke Ordner mit ihren Schreiben und den Antworten, die im Prinzip alle gleich waren. "Wir bemühen uns." "Haben sie Geduld." "Ihr Fall wird Teil der besonderen Anstrengungen der Bundesrepublik Deutschland sein." Als nach einem halben Jahr nichts Konkretes passiert war, wandte sie sich an die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte. "Die haben gesagt, es geht nur mit Hilfe der Öffentlichkeit, stell dich mit einem Plakat irgendwo hin, wir helfen dir dabei. Ja, und so fing das an."Am 4. Oktober 1984 stand sie früh um acht zum ersten Mal am Checkpoint Charlie. Es sollte ein exponierter Ort sein, und dies war der Übergang für Diplomaten. Sie kam immer um acht und ist in der Dunkelheit gegangen. Jutta Gallus hatte ihre Plakate dabei, die sie mit der Schrift und den Fotos ihrer Töchter nach Osten hielt: "Gebt mir meine Kinder zurück, Claudia und Beate." Links von ihr war das Café Adler, in dem Menschen bei Kaffee und Kuchen saßen. Ein paar Schritte entfernt stand Gallus an der Demarkationslinie oder manchmal auch darauf. "Das war schon etwas provokativ, aber das sollte es auch sein. Von drüben haben sie mich fotografiert, und ich habe zurück fotografiert."Ein Vierteljahr stand Jutta Gallus dort, es waren bleierne Tage dabei, und trotzdem ging sie immer wieder hin. Sie beschreibt es wie einen inneren Zwang, sie musste früh aufstehen und sich an die weiße Linie stellen, weil jeden Tag andere Menschen vorbeikamen, denen sie von ihrem Schicksal erzählen wollte. Sie druckte Postkarten und verteilte sie mit der Bitte an Passanten und Touristen, die Karten mit der Aufschrift "Freiheit für die Kinder. Lasst sie zur Mutter ausreisen" an das Jugendamt in Dresden zu schicken. So verging die Zeit, und es passierte nichts.Nach drei Monaten fing Jutta Gallus an zu überlegen. Welche Möglichkeiten gäbe es noch? Wer könnte helfen? Wie könnte sie die Welt alarmieren? Ihr war klar: Sie würde die Mutter Courage sein, bis die Kinder da wären. Und ihre Bühnen würden größer werden müssen.Für April 1985 war ein Besuch Erich Honeckers beim Papst angekündigt. Ein paar Tage zuvor stellte sich Jutta Gallus während einer Generalaudienz von Johannes Paul II. in die erste Reihe der Gläubigen auf dem Petersplatz. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte hatte mit dem Vatikan verabredet, dass Gallus Petitionen überreichen dürfe. Fünf Minuten redete sie mit dem Papst, und er sagte zu, ihren Fall bei Honecker anzusprechen. Sie fuhr zur Uno-Menschenrechtskonferenz nach Ottawa und demonstrierte dort mit ihren Plakaten. Im Juli 1985 kettete sich Jutta Gallus bei einer Außenministerkonferenz in Helsinki an. Sie traf auch Hans-Dietrich Genscher. Ein Jahr später hatte sie eine Einladung zu einer Gedenkfeier im Berliner Reichstag, 25 Jahre zuvor war die Mauer gebaut worden. Gallus saß in der fünften Reihe, und als Bundeskanzler Kohl ans Rednerpult wollte, kam sie ihm zuvor. "Keine großen Sprüche - vier Jahre Trennung von meinen Kindern sind genug" stand auf dem Protestlaken, dass sie unter ihrem Pullover hervor zog.Aber vier Jahre waren noch nicht genug. Es sollte noch Zeit vergehen. Jutta Gallus musste lernen, die großen Auftritte zu vermeiden, um die politischen Bemühungen hinter den Kulissen nicht zu gefährden. "Ich war da wirklich sehr zurückhaltend", sagt sie, "und habe höchstens noch Briefe an Politiker und Organisationen geschrieben." Sie wartete. Bis zum 5. Juli 1988, als sie zum ersten Mal hörte, dass ihre Töchter die DDR verlassen dürften.Während des Gesprächs sitzt eine der Töchter, Beate, neben ihrer Mutter. Sie ist jetzt 34 und arbeitet als Tänzerin und Choreografin. Ihre Schwester Claudia ist zwei Jahre älter und ist Cutterin. Damals, am 25. August 1988, waren sie erst kurz davor, erwachsen zu werden. "An diesem Tag wurden wir in Dresden abgeholt. Sie brachten uns zu dem Anwalt Wolfgang Vogel nach Berlin. Wir stiegen in seinen Mercedes um und fuhren dann über den Grenzübergang Invalidenstraße ohne irgendeine Kontrolle nach Westberlin. Einfach so."Sechs Jahre waren vorbei, seit der Rückkehr aus Bukarest, und Jutta Fleck sagt, dass sie sich an diesem Tag zum ersten Mal wieder entspannen konnte. "Ich musste nicht mehr stark sein und konnte mich einfach nur gehen lassen."Lange hat sie danach geschwiegen. Wenn sie vorher laut war, war sie nun leise. Fleck wollte diese Zeit irgendwie weg tun, vielleicht verdrängen. Inzwischen weiß sie, dass das nicht geht, und sie ist dankbar, dass es jetzt den Film geben wird und sie wieder sprechen kann. Der Film heißt "Die Frau vom Checkpoint Charlie".Was bleibt am Ende, ein bitterer Rest? Jutta Fleck lebt heute in Wiesbaden und ist Mediaberaterin. Sie sagt, es sei nur das Gefühl geblieben, es geschafft zu haben. Immer wieder mal wird sie an die dunklen Jahre erinnert, in der Nacht. Dann wacht sie schreiend von ihren Träumen auf, weil sie irgend jemanden verteidigen will. Aber das, findet sie, gehört dazu. Damit kann sie gut leben. Es passt jetzt alles.------------------------------Ihr war klar: Sie würde die Mutter Courage sein, bis die Kinder da wären. Und ihre Bühnen würden größer werden müssen.------------------------------Foto: Am 4. Oktober 1984 stand sie früh um acht zum ersten Mal am Checkpoint Charlie. Dann kam sie jeden Tag, ein Vierteljahr lang.

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