Das Telefon klingelt. Unaufhörlich und zunehmend penetrant. Aber der Mann im Büro läßt es klingeln. Internet-Anfragen stauen sich. Aber der Mann schaut einfach nicht hin. Über die Wechselsprechanlage brüllt der Chef, aber der Mann säuselt nur milde zurück: "Ja ja." Zehn, zwanzig Faxe gehen ein. Aber der Mann im Büro läßt sich nicht beirren. Er schreibt von Hand (und zwar mit Füller) an einem Text. "Sind sie wahnsinnig"? schreit der Chef. "Nein. Ich bin ein slobbie", sagt der Mann.Slobbies nennen sich die slow but better workers. Und angeblich sind sie angesagt, denn Langsamkeit liegt im Trend. Das Lob der Schnecke singen die Weisen aus dem Abendland. Eine Bewegung zur anderen Eßkultur namens "Slow Food" propagieren die Genießer. Klingt beruhigend. Eine Novelle von Milan Kundera mit dem Titel "Die Langsamkeit" wird Mitte der 90er zum Bestseller. Ein "Verein zur Verzögerung der Zeit" wird derzeit zum Geheimtip der Philosophen. Sergiu Celibidache wurde auf seine alten Tage frenetisch gefeiert als Prophet der musikalischen Langsamkeit. Sten Nadolnys Roman über "Die Entdeckung der Langsamkeit" hat mittlerweile eine Millionenauflage erreicht. Und seit 1993 ist das Thema Zeitforschung ein gefundenes Fressen für Soziologen, Psychologen und Neurophysiologen, für Physiker und Biochemiker, Philosophen. Die Verschwender Langsamkeit liegt im Trend. Theoretisch zumindest. Praktisch ist die Langsamkeit aber nicht gerade leicht zu zelebrieren. Der oben geschilderte Büromann hat ziemlich schlechte Chancen, vom Chef als Trendsetter belobigt zu werden, dafür ziemlich gute für eine Kündigung. Denn ein slobbie inmitten fabnobies (fast but not bad workers) ist schlicht Sand im Getriebe. Wenn zwischen lauter Skiläufern, die die Piste herunterrasen, einer auf gemütlich macht, wird er schließlich auch umgefahren. Wer auf der Autobahn-Überholspur bei Schönwetter vorsichtige 80 fährt, ist strafbar. Die Devisen sind klar: Trödler halten den Verkehr auf, Träumer den Fortschritt, und Penner sind Randexistenzen. Andererseits wissen wir alle, daß die Krankheiten unserer Zeit, vom Herzinfarkt bis zum Verkehrsinfarkt, vom Kreislaufkollaps bis zum Wirtschaftskollaps, vom Magengeschwür bis zum bürokratischen Geschwür, alle auf demselben Grundproblem wachsen und gedeihen: auf Streß. Ganz gleich, wie die Kritiker des Schnelligkeitswahns das Phänomen auch nennen: Chronokratie (von griechisch chronos = Zeit) oder Dromokratie (von griechisch dromos = der Lauf) bedeuten, daß wir beherrscht und regiert werden vom Geschwindigkeitswahn. Oder genauer gesagt vom Beschleunigungswahn, dem flotten Bruder des Fortschrittsglaubens.Mediziner und Psychologen haben längst diagnostiziert, daß der dauernde Zeitwettbewerb nicht die Leistung besser, sondern den Leistenden krank macht. Außerdem haben die etwas nachdenklicheren Zeitgeistlichen erkannt, daß es keinen Sinn macht, weiterhin zu predigen, in der Grenzenlosigkeit liege das Heil. In grenzenloser Information über ein grenzenloses Internet, in grenzenloser Beschleunigung jedes Transports. Wohin die Vision von grenzenlosem Wachstum, grenzenloser Beschleunigung und grenzenloser Gewinnoptimierung führen, wissen wir mittlerweile: zum Rinderwahn, zum Beispiel, oder zum Mega-Stau auf der Autobahn, zum Burnout-Syndrom 40jähriger Manager oder zur angsterregenden Staatsverschuldung.73 Prozent der Deutschen klagen über Streß und Hektik. Sie sind also willig, gegen dieses Leiden an der Zeitnot etwas zu unternehmen. Fragt sich nur, wie und wo anfangen mit der Abschaffung des Zeitnotstands, ohne herauszufallen aus dem System. Denn wer sich mehr Zeit läßt für seine Arbeit, als in den Augen der Auftraggeber, der Umwelt oder der Kollegen notwendig, gilt als Verräter. Als Saboteur eines Systems, in der die unselige Devise des Benjamin Franklin "Time is money" zum Motto eines langsamen Suizids geworden ist. Eines Systems, das Zeit zum Äquivalent von Geld gemacht hat. Wer sich innerhalb der alltäglichen Bewegungsabläufe mehr Zeit läßt, gilt als Hindernis und als Gefährdung. Und wer sich etwas mehr Zeit nimmt, gilt als Verschwender.Denn das Ziel ist in allen Bereichen des Lebens dasselbe: zügig die Spitze zu erreichen. Ob das die Spitzenposition ist, die Spitzengeschwindigkeit oder die Spitzenleistung. Oben auf der Spitze allerdings brechen diese Leistungsträger, die neuerdings Peak-Performer heißen, dann früher oder später entkräftet zusammen. Und fragen sich, sollten sie noch Gelegenheit haben zum Fragenstellen: Wie ist diesem Dilemma zu entkommen? Der Double Timer Ein neuer Arbeitstyp hat, so verblüffend es klingt, eine Lösung gefunden. Die heißt schlicht und verwirrend: ein Doppelleben führen. Anders gesagt: zwei Zeiten zu leben. Also dort, wo man nicht eingebunden ist in Prozesse, langsam zu sein und innerhalb größerer Zusammenhänge und Verflechtungen das Tempo aufzunehmen - ohne es zu beschleunigen. Nennen wir den Typus einmal Double Timer.Prägnantestes Kennzeichen der Double Timer ist eine strikte Trennung von Privat- und Berufsleben in zweierlei Zeitbereiche. Privatleben meint dabei eigenbestimmtes Tempo, Berufsleben fremdbestimmtes. Wobei sie den Trick beherrschen, sich auch innerhalb der fremdbestimmten Zeit Bereiche der selbstbestimmten zu schaffen. Inseln auszugrenzen. Sei es nur, langsam durch die Flure zu gehen, anstatt zu rasen. Und dabei Gedanken kommen, Gefühle aufsteigen zu lassen. Wie empfinde ich den neuen Kollegen? Was ging mir durch den Kopf, als das neue Projekt vorgestellt wurde? Warum hatte ich so ein ungemütliches Grummeln im Bauch, als vorher der Finanzierungsplan durchgesprochen wurde?Um die gepriesene emotionale Intelligenz freizusetzen, braucht es eben Zeit. Double Timer bewältigen Konflikte durch ihr Lebensmodell. Was so utopisch klingt, erweist sich als durchaus pragmatisch. Double Timer machen sich dankbar klar, wie wenig Raum die Unfreizeit eigentlich einnimmt: Der Anteil bezahlter Arbeitszeit an der gesamten Lebenszeit betrug 1900 noch 30 Prozent, heute beträgt er nur noch 14.Ganz bewußt geben Double Timer dem geschändeten Begriff Freizeit seine Würde zurück. Denn Begriffe wie Freizeitkleidung oder gar Freizeitindustrie belegen aufs Schrecklichste, daß Frei-Zeit in modern gelebter Form weder die erste noch die zweite Silbe verdient. Zum Frei-Sein gehört, sich dem Diktat des Konsums und vor allem der dauernden Verfügbarkeit zu entziehen. Nicht immer erreichbar zu sein.Double Timer benutzen in der Frei-Zeit Informationsspeicher wirklich auch als Speicher, das heißt: zur Vorratshaltung. Und rufen die gelagerte Information ab, wenn sie die brauchen. Also benutzen sie privat kein Handy, sondern einen Anrufbeantworter am normalen Telefon. Oder aber sie verwenden die Mailbox am Handy als das, was sie sein will: ein Briefkasten. Und wer entleert den schon im Fünf-Minuten-Rhythmus.Double Timer verweigern sich der weltweiten Mobilisierungswut. Sie bilden sich nicht ein, die Qualität des Urlaubs wachse proportional zur Entfernung vom Heimatort oder der Erfahrungsschatz werde reicher durch fiebrigen Ortswechsel. Double Timer suchen das Heil nicht im dauernden Aufbrechen zu Veranstaltungsorten, wo es letztlich nur gilt, die innere Langeweile und die Angst vor der Ereignislosigkeit zu sedieren. Double Timer lassen den Terminplaner am Arbeitsplatz liegen. Sie programmieren weder ihren Urlaub noch ihr Wochenende durch und sind daher entschiedene Gegner von Club-Urlauben mit aufgenötigter Freizeitgestaltung. Double Timer sind als Arbeitskräfte schon deswegen begehrt, weil sie selten ausfallen wegen Krankheit. Denn sie vertreten und leben die Ansicht, daß die Zeit, die sie in vorbeugende Maßnahmen stecken, sich auszahlt. Sie betrachten die richtige Ernährung als prophylaktische Medizin und setzen nach dem Denkmodell der TCM, der Traditionellen Chinesischen Medizin, auf Eigenverantwortlichkeit ihrem Organismus gegenüber. Weil sie den Arzt nicht als einen Pannendienst betrachten, der selbstverschuldete Schäden wieder beheben soll und Krankenhäuser nicht als Reperaturwerkstätten mit Ersatzteillager, setzen sie auf den, der ihnen bei der Gesunderhaltung hilft. Weil sie wissen, daß manisches Zeitsparen und Zeitschinden Streßkrankheiten beschert und das vermeiden, sparen sie jenen Zeitaufwand, den Streßkranke zur Genesung brauchen. Double Timer sind als Vorgesetzte angenehm, da ihnen Zuverlässigkeit wichtiger ist als Pünktlichkeit. Zumal jene erzwungene Stechuhr-Pünktlichkeit, bei der Quantität von Arbeitszeit mit Qualität verwechselt wird. Sie wissen, daß menschliches Versagen, zunehmend die Ursache von Unfällen und Katastrophen bis hin zum Atomreaktor-Leck, auf mangelnder Zuverlässigkeit beruhen. Und diese ihrerseits resultiert aus Streß, also dem subjektiven Empfinden von Zeitnot. Double Timer ernähren sich bewußt, weil sie den Beschleunigungsprozessen auch beim Produzieren und Konsumieren von Nahrung mißtrauen. Also nehmen sie weder Instant-Brühen noch Fast food, weder Eier und Hühner aus Legebatterien zu sich noch Rindfleisch aus der Schnellaufzucht, weder Kalbfleisch mit Wachstumshormonen noch im Wachstum gepushtes Gemüse. Andererseits haben sie es raus, auch in einem kurzen Zeitraum, wenn es der Job fordert, so zu essen, daß nicht das Gefühl von Zeitnot entsteht. Also Sushi und Sashimi statt Schweinsbraten mit Knödel. Und sie trinken lieber lustvoll mal nur eine Tasse Darjeeling, als in einer Viertelstunde den kleinen Manager-Lunch mit Steak reinzuwürgen. Vor allem aber entledigen sich Double Timer einer schweren Last: Sie haben nie ein schlechtes Zeitgewissen. Weil sie nicht irrational, sondern rational und ruhig über Zeit nachdenken, versuchen sie nicht an der falschen Stelle Zeit zu sparen. Sie wissen, daß die U-Bahn sie schneller zum Ziel bringt als das eigene Auto und daß sie im ICE unter Umständen zügiger vorankommen als im Flieger. Sie haben nachgedacht über die Entstehung des Zeit-Druck-Gefühls und haben kapiert, daß es aus Entscheidungs-Druck hervorgeht.Der amerikanische Zeitgeistkritiker Jeremy Rifkin führt als Beweis dafür das Beispiel eines Architekten an, der seine Entwürfe neuerdings mit Hilfe eines Computerprogramms anfertigt. Dabei muß er in der gleichen Zeit, in der ein von Hand arbeitender Kollege eine einzige Entscheidung fällen muß, 19mal entscheiden. Das bringt ihn unter Druck, macht ihn zuerst gereizt und dann krank. Double Timer können ihren eigenen Kräftehaushalt gut einschätzen und gehen mit ihren Energien extrem ökonomisch um. Bewegen sich dort schnell, wo das etwas bringt. Rennen also nicht als erste in den Einfüll-Gang am Flugzeug, um dann dort Schlange zu stehen, rennen keine Rolltreppe herunter, um unten länger auf die einfahrende U-Bahn zu warten. Sie hegen keinen Ehrgeiz, Rekorde zu brechen und eine Arbeit doppelt so schnell wie vorgesehen zu erledigen, weil ihnen bewußt ist, was das an Energie aufzehrt. Andererseits sind sie, wenn es erforderlich ist, extrem effizient in kurzer Zeit. Nicht durch Beschleunigung, sondern durch Vertiefung, also durch Erhöhung der Konzentration, nicht des Tempos. Liebenswerte Gelassenheit Was Double Timer aber lebensfähig und liebenswert macht, ist ihre Gelassenheit. Weil sie über Zeit nachdenken und sich daher von vermeintlichen Fixpunkten oder Zeitenwenden nicht in Panik versetzen lassen. Sie wissen, daß es keinerlei Sinn macht, für das sogenannte Jahr 2 000 noch unter großem Druck ein großes Event zu buchen, weil die Jahrtausendwende zu diesem Zeitpunkt nicht stattfindet. Double Timer können bei Bedarf querlesen, aber sie wollen nicht querglotzen: Sie lehnen den Volkssport des Zappens ab, denn die Bilder im Fernsehen wechseln ohnehin schon schneller, als Nervenzellen klicken. Double Timer sind nicht doktrinär, weil sie starre Prinzipien ablehnen als nicht konstruktiv. Sie ziehen nicht mit militanten Argumenten gegen alles Schnelle zu Felde, sondern singen das Hohelied auf ihr Kontrastprogramm, das durch den Genuß der Langsamkeit wieder sensiblisiert für Geschwindigkeiten.Double Timer sind, anders gesagt, keine Fundamentalisten, sondern Pragmatiker. Sie denken nicht daran, das Diktat der Schnelligkeit durch eines der Langsamkeit zu ersetzen. Sie leben statt dessen vor, daß langsam und schnell nebeneinander existieren können. Skeptiker fragen nun, ob das nicht zu einer inneren Gespaltenheit führe. Aber Double Timer beweisen und bestätigen das Gegenteil. Das bewußte Erleben von rhythmischen Unterschieden, das Nachdenken über Zeit und die Unterschiede von Langsamkeit und Schnelligkeit machen mißtrauisch gegenüber allen Angeboten zur Zeit- und Gewinnoptimierung. Daher besuchen Double Timer keine Crashkurse für die schnellere Karriere. Double Timer haben eingesehen: Wer seiner Zeit voraus ist, muß ihr ab und zu hinterdrein sein. Sie verweigern sich der Eigendynamik von zeitsparenden Investitionen. Zum Beispiel in die noch schnellere Computeranlage. Weil sie wissen, daß deren Erwerb wiederum Geld, also Zeit frißt. Double Timer haben mit ihrem Modell nicht überall Chancen auf Verständnis. Aber dafür eine sehr große Chance, glücklich zu sein. +++

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