Langzeitarbeitslose: Hartz IV wirkt wie ein Stigma

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat die gesellschaftliche Ausgrenzung von Hartz-IV-Empfängern durch die Politik kritisiert. „Es gibt eine Zwei-Klassen-Arbeitsmarktpolitik“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Sozialverbandes, Ulrich Schneider, am Donnerstag. Die Jobcenter kümmerten sich vor allem um gut qualifizierte Arbeitssuchende und hielten für Langzeitarbeitslose kaum Möglichkeiten bereit. „Die Menschen werden nicht aktiviert, sondern immer weiter ausgegrenzt, nach dem Motto: Du hast versagt.“

"Brutale Ausgrenzung"

Schneider sagte darüber hinaus: „In Hartz IV zu fallen, bedeutet brutale Ausgrenzung.“ Arbeitslose hätten von heute auf morgen kein Geld mehr, um sich in Sportverein oder Kegelklub zu engagieren. „Noch schlimmer ist für die Betroffenen, dass sie von außen als faul stigmatisiert werden.“ Besonders Menschen aus den unteren Einkommensschichten würden „aus psychischem Selbstschutz auf diejenigen einhacken, die auf der Hühnerleiter noch eine Sprosse unter ihnen sitzen“. Die Politik setzt Vorurteile gegen Arbeitslose nach Schneiders Ansicht gezielt ein. „Indem Politiker sagen: 'Die sind selbst dran schuld', nehmen sie sich selbst aus der Verantwortung.“

Frust und der Verlust von Optimismus

Für viele Betroffene bedeute Hartz IV eine Sackgasse ohne Aussicht auf eine reguläre Arbeitsstelle, beklagt der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. „Dann kommt die Selbststigmatisierung dazu.“ Frust und der Verlust von Optimismus könnten dazu führen, dass Arbeitslose immer passiver würden. Schneider forderte passgenauere Hilfen für Langzeitarbeitslose. Dazu gehöre etwa mehr öffentlich geförderte Beschäftigung, wenn es keine Stellen am ersten Arbeitsmarkt gebe.

Sanktionen aufheben

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie der Universität Jena. Die hatte ergeben, dass die Hartz-IV-Reform Arbeitslose passiv mache anstatt sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. „Die Hartz-IV-Logik produziert das Gegenteil von dem, was sie leisten will: Sie erzeugt Passivität, wo sie Aktivierung vorgibt“, sagte der Soziologe und Studien-Autor Klaus Dörre. Der Wissenschaftler kritisierte, dass Betroffene als faul stigmatisiert werden. Sie zögen sich dadurch immer mehr aus der Gesellschaft zurück.
Dörre sagte darüber hinaus, dass das Stigma Hartz IV für die Betroffenen inzwischen vergleichbar mit der schwarzen Hautfarbe im Süden der USA sei . Dörre – Wissenschaftler am Lehrstuhl für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie der Uni Jena – plädierte dafür, die Sanktionen gegen Hartz-IV-Bezieher aufzuheben und mehr Beschäftigung etwa im Pflege- und Bildungssektor zu schaffen. Für die Untersuchung der Uni Jena wurden Hartz-IV-Bezieher über sieben Jahre wiederholt befragt. (epd, dpa)