Selten hat jemand einen besseren Dortmund-Botschafter abgegeben. Lars Ricken als Popstar, Lars Ricken als Hauptdarsteller im Werbespot, Lars Ricken als Rekrut im Schlamm, Lars Ricken als Torschütze, Lars Rikken als "Mister Europacup". Neulich, im Aktuellen Sportstudio, lümmelte er sich als der abgeklärteste 20jährige Charmebolzen aller Zeiten ins Fauteuil und eroberte die noch nicht rikkeninfizierten Reste der Fußballnation. Lars Ricken, so hätten es Präsident Gerd Niebaum oder Manager Michael Meier gern, repräsentiert die Borussia der Zukunft. Lars Ricken hat alles. Nur keinen Stammplatz.Dortmunds seriöses Wunderkind personifiziert wie kein anderer den Einzug ins größte Endspiel, das eine BVB-Mannschaft je erreicht hat. Und jenes Image, das die Macher des Unternehmens Borussia (und seiner Werbepartner) für idealtypisch halten. Seine lässige, unbeeindruckbare Jugend und das besondere Plus, in Dortmund geboren und schon mit Dortmunds A-Junioren Deutscher Meister geworden zu sein, all das prädestiniert den coolen Sonnyboy zum medialen Aushängeschild. Nur: Für einen Platz auf dem Spielfeld, heute abend, im Spiel der Spiele, scheint es wieder mal nicht zu reichen. Ottmar Hitzfeld überlegt noch, "ob ich ihn von Anfang an bringe oder erst im Verlauf des Spiels". Natürlich werde er aber zum Einsatz kommen, beeilt Hitzfeld sich zu sagen. Aber die Einkaufspolitik des BVB hat längst dazu geführt, daß "Deutschlands größtes Fußball-Talent" (Berti Vogts), bei komplett gesundem Spielerkader nicht zum Zuge kommen kann."Ich wäre der letzte, der vierzehn Tage beleidigt ist", hat Ricken im Sportstudio noch mit grandiosem Lächeln mitgeteilt, "wenn der Trainer mich mal nicht aufstellt und mir nicht persönlich erklärt, warum." Aber allmählich kommt doch die Zeit, wo Deutschlands größtes Talent nicht mehr ganz so willig auf die Einsätze wartet, die ihm durch Verletzungen seiner Teamkollegen zufallen. Vor zwei Jahren war das noch anders: Damals mischte Lars Ricken gemeinsam mit seinem A-Jugend-Partner Ibrahim Tanko als "Babysturm" die Bundesliga auf und trug, als Chapuisat, Riedle und Povlsen mit Kreuzbandrissen ausfielen, zum Dortmunder Meistertitel bei. Inzwischen hat Ricken sein Abitur, hat sich für ein Fernstudium "Wirtschaftswissenschaften" eingeschrieben und vor ein paar Wochen seinen Wehrdienst begonnen. Deutschlands Teenager liegen ihm zu Füßen (obwohl Lars bei einer Studentin der Wirtschaftsmathematik in festen Händen ist), und der auf poppig-juveniles Image ausgerichtete US-Sportausrüster Nike hat Ricken zum Star eines pseudo-philosophischen Werbeclips erkoren. Auch dort ­ Ironie der Werbeleute ­ wird Ricken eingewechselt. Um dann allerdings gleich voll zuzuschlagen.Sieben Tore hat Lars Ricken bisher im Europapokal geschossen. In den letzten beiden Runden, gegen AJ Auxerre und Manchester United, die jeweils entscheidenden. Ricken schießt überhaupt fast nur "entscheidende Tore". Hitzfeld rühmt an ihm "seine unglaubliche mentale Stärke". Rikken selbst glaubt, daß ihm die regelmäßige Doppelauslastung "Abitur­Fußball, Studium­Fußball, Bundeswehr­Fußball" die Unbefangenheit erhält, die ihn mental so stark in Ausnahmesituationen macht. Franz Beckenbauer hat Ricken unlängst öffentlich dem Bundestrainer empfohlen. Bleibt nur noch das Problem mit dem Stammplatz beim BVB.Franz Beckenbauer stand mit neunzehn bereits in seinem ersten WM-Endspiel ­ und zwar als Libero der Nationalmannschaft. Ricken dagegen hat zwar "schon zwei deutsche Meisterschaften mit nur zwanzig Jahren" geholt ­ aber er ist im Grunde immer noch nur Joker und Notnagel. Auf seiner Idealposition, hinter den Spitzen, ist ihm Andi Möller im Wege, auf der rechten Außenseite Stefan Reuter, im Sturm der "spielende Stürmer" Stephane Chapuisat. Ricken läuft wegen seiner Vielseitigkeit allmählich Gefahr, daß er immer wieder auf für ihn nicht optimalen Positionen irgendwie ins Team rutscht. Mag sein, daß Ricken dabei fürs Leben lernt. Kann aber auch sein, daß Deutschlands größtes Talent dabei unmerklich verschlissen wird. In der Tat ist Ricken in keiner einzigen Hinsicht allesüberragend. Ricken ist nicht so schnell wie Möller oder Reuter, nicht so trickreich wie Chapuisat, nicht so robust wie Freund, nicht so kopfballstark wie Heinrich oder Zorc und nicht so elegant und inspiriert wie Sammer oder Sousa. Aber er bringt in jeder Kategorie 90 bis 95 Prozent des Optimums. Unterm Strich müßte Ricken einer der komplettesten Spieler der Bundesliga sein, beidfüßig, kopfballstark, torgefährlich, mit extremem Spielverständnis, sehr guter Grundschnelligkeit und solider Zweikampfstärke. Fehlt nur der Stammplatz.