Erst musste ein Bart wachsen. Als der Komponist Marc Schubring STELLA-Entertainment sein Familienmusical "Emil und die Detektive" nach dem weltberühmten Roman von Erich Kästner anbot, ließ er das Rasieren sein. Damit wollte er warten - bis zur Zusage. Aus Stoppeln wurden Borsten, der Bart wurde länger und länger, und nach sechs Monaten war er endlich ab. Auch seine Frau war erleichtert.Aber eigentlich begann alles 1998 mit einer Hupe. Schubring war lange Jahre erfolgreich am Saarländischen Staatstheater tätig und hatte Heimweh. Der in Wilmersdorf Aufgewachsene wollte unbedingt zurück in sein Berlin, und er wollte etwas mitbringen. Das Buch "Emil und die Detektive" kam ihm in den Sinn, das er mit acht Jahren erstmals gelesen hatte. "1976" steht von ungelenker Hand geschrieben in seinem Exemplar. Jedes Mal, wenn er das Buch mit dem knallgelben Titel in die Hand nahm, waren die Helden seiner Kindheit lebendig wie einst. Komme, was wolle: Der Stoff musste als Musical in Berlin auf die Bühne. Mit sicherem Instinkt für Stoff und Genre ging der junge Komponist an die Arbeit, konnte er doch auf die Erfahrung seiner gefeierten Musicals "Fletsch" und "Cyrano de Bergerac" zurückgreifen, die - wie "Emil" - in Zusammenarbeit mit dem Texter Wolfgang Adenberg entstanden sind."Eigentlich ist er wie Gustav mit der Hupe", sagt die Schauspielerin Ulrike Frank, Schubrings Ehefrau. Voller Elan setzt er Signale, und ruck, zuck sind die Leute von seinem Enthusiasmus angesteckt. Die ersten "Opfer" waren die Inhaber der Rechte, die Kästner-Erben und der Verlag. Die waren doch tatsächlich gerade dabei, die Rechte an ein englisches Autorenteam zu vergeben! Schubring musste all seinen Berliner Charme und Chuzpe aufbieten, um Emil im Lande zu halten.Als Nächsten überzeugte der 33-Jährige seinen Freund und Texter Wolfgang Adenberg. Natürlich waren sich beide einig, dass das Musical unbedingt dem Charakter von Kästners "Emil und die Detektive" entsprechen sollte. Das heißt: Musik und Text sind nicht niedlich und kindertümelnd, sondern nehmen Kinder aller Altersstufen ernst. Denn erst aus dieser Ernsthaftigkeit entstehen Witz und Leichtigkeit. Kästner, der ursprünglich Lehrer werden wollte, fragte in dieser Hinsicht für die Kinder: "Wer soll ihr Herz zum Lachen bringen? Doch um alles in der Welt nicht jene mediokren Leute, die ,nur Kinderbücher fabrizieren? Doch nicht jene ahnungslosen Leute, die, weil Kinder erwiesenermaßen klein sind, in Kniebeuge schreiben?"So orientiert sich Adenbergs Dramatisierung der Romanvorlage in Prägnanz und Humor an der Prosa und Lyrik Kästners und entwickelt diese weiter. Dazu gehört auch die Bissigkeit der Gedichte, die Ende der zwanziger Jahre entstanden.Schubrings Musik knüpft mit Witz, Schmiss und Gassenhauercharakter an den typischen Klang der inzwischen legendären "Goldenen Zwanziger" an. Elemente aus der Blütezeit des deutschen Musiktheaters fließen ins zeitgenössische Konzeptmusical ein: Dialoge sind mit Musik unterlegt, Melodramen gehen in Songs über. Diese werden weiterverarbeitet, um die Handlung leitmotivisch und dynamisch voranzutreiben. Musik und Szene greifen harmonisch ineinander. Eine Kapelle mit zehn Musikern im Stil der Roaring Twenties begleitet auf der Bühne jede Vorstellung. Wichtigstes Instrument ist natürlich: die Hupe.Nach Musik und Libretto benötigte Schubring einen Mitstreiter, der Sinn und Mut für außergewöhnliche Projekte besitzt. In Christoph Hagel fand er einen Dirigenten, der in Berlin unter anderem als Produzent von Mozarts "Don Giovanni" im Technotempel E-Werk in Katharina Thalbachs Inszenierung für Aufsehen gesorgt hat. Schubrings Charmeoffensive erreichte über Hagel schließlich auch Peter Schwenkow von der Deutschen Entertainment AG, der wiederum den Künstlerischen Leiter von Stella, Michael Pinkerton, in das Projekt einbezog. Der gebürtige Amerikaner, der sich in der Opern- und Musicalwelt auskennt wie in seiner Westentasche, war von der Musicalfassung so angetan, dass er auch gleich die Regie übernehmen wollte.Als im April 2001 das "Ja" von STELLA kam, nahm die erste Eigenproduktion des deutschen Musical-Tycoons auch optisch Gestalt an. Der erfahrene Bühnenbildner Christoph Weyers entwarf die Ausstattung und die Kostüme. In Anlehnung an den Zeichenstil Walter Triers, dem Illustrator von Kästners "Emil", schuf er ein reduziertes, farbenfrohes, im Wortsinne plakatives Bühnenbild, sichtlich inspiriert von der Plakatkunst der zwanziger Jahre.Nachdem auch namhafte Schauspieler wie Dagmar Biener, Helmut Krauss, Bettina Meske, Holger Hauer u.a. dem Ruf der Hupe folgten, fehlten noch die eigentlichen Hauptakteure des Stücks: Emil und seine Detektive. Also wurde mittels eines Presseaufrufs abermals kräftig gehupt, und unzählige Mädchen und Jungen aus Berlin und Brandenburg stürmten das Casting. Die 46 auserwählten Kinder verließen so glücklich das Theater, dass sie lauthals über den Potsdamer Platz "Parole Emil!" schmetterten. (Was sie auch heute noch gerne tun.) Doch mit Beginn der Sommerferien zogen die Kinder in alle Himmelsrichtungen. Bis nach Kuba und China und teils unter Einschaltung diplomatischer Vertretungen mussten ihnen die Textbücher nachgesandt werden, damit die Proben Anfang September pünktlich beginnen konnten.Nichts, aber auch gar nichts konnte das Wachsen und Werden von "Emil und die Detektive" aufhalten, und aufhalten konnte auch nichts den Erfolg. Dass das Familienmusical die Herzen der Zuschauer im Sturm eroberte, pfeifen inzwischen die Spatzen von den Dächern. Wenn das so weitergeht, pfeifen sie wohl bald einen neuen Gassenhauer: "Parole Emil!"URAUFFÜHRUNG Emil und die Detektive Das Musical für die ganze Familie Nach Erich Kästner Musik: Marc Schubring Buch und Liedtexte: Wolfgang Adenberg Regie und Choreografie: Michael Pinkerton Musikalische Leitung: Christoph Hagel Bühnenbild und Kostüm: Christoph Weyers Vorstellungen im Dezember: siehe Spielplan Seite 7 Theaterkasse im Stella Musical Theater Marlene-Dietrich-Platz 1 und Vorverkaufsstellen Kartentelefon: (01805) 44 44 www. stella. de MUSICAL THEATER BERLIN Herr Grundeis (Kay Ramczyk) unterwegs mit dem gestohlenen Geld ins Café Josty.MUSICAL THEATER BERLIN Gustav mit der Hupe (Jonathan Jeske, l. ) mit Emil Tischbein (Jan Antal).