Mit anderer Leute Wespe anzubändeln, das ist schon ziemlich toll. Einerseits aus moralischen Gründen, andererseits wegen der Folgen. "Laute Verse", die von Thomas Geiger sorgfältig herausgegebene Präsentation zeitgenössischer deutscher Lyrik, ist kein Freudenhaus und trotzdem tut es der Dichter Marcel Beyer darin, und zwar mit vampirischer Ungezügeltheit. Erst ruft er die Wespe, das "Stichwort"-gebende "Leitinsekt", seines zu früh verstorbenen Kollegen Thomas Kling (an), dann betört er sie auch noch, sie solle in seinen Mund kommen. Er will sie also verschlingen. Und das, was dabei herauskommt, diesen stacheligen Kuss im Hals, dieses Schwellen, Kratzen, Wund- und Heißsein, das nennt er dann im Hinblick auf die 80er-Jahre ("Als wir jung/ und im Westen waren.") Dichtung.Wer wie der Lyriker Lutz Seiler im Osten war oder wie in einem seiner Gedichte aus "vierzig kilometer nacht" vor Madagaskar lag und "die welt/ und das thema verfehlt" hatte, zu dem krochen die Insekten von selbst hinein. Eher erleichtert als verbissen, stellt sich dann aber die Erkenntnis ein, dass sie "kleiner als ihr geräusch waren".Ob Ost oder West: Auch ein halbes Jahrhundert nach Adornos pessimistischem Diktum, das beinahe zum Verdikt geworden wäre, brauchen Gedichte noch die einverleibte Gefahr, um überhaupt bestehen zu können. Was sie aber verloren haben, ist die Angst davor, in einer gescheiterten Welt nicht bestehen zu dürfen. Oder sie setzen sich darüber hinweg, wie Nora Bossong, die in einem ihrer schönsten Gedichte den Geliebten mit seinem Celan-Blick verlässt, in dem sie sagt: "Ich bin zu leicht für deine Mythen". Dieses Gebräu aus Gefahr und abfedernder Leichte gibt es wieder. Es gibt das sinnliche Gedicht. Die kokette Melancholie bei Uljana Wolf, den verorteten Wortschmerz bei Lutz Seiler, die zündelnde Lautmalerei bei Anja Utler , die aleatorische Berechnung bei Ulf Stolterfoht, die klassische Konstruktion bei Durs Grünbein, die wie ruhige Inseln aus der zugigen Gegenwart gefilterte Naturlyrik bei Nico Bleutge und vieles mehr.Thomas Geiger, der Herausgeber der Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter" im Berliner Literarischen Colloquium, weiß das natürlich schon lange. Wer literarische Fachzeitschriften liest, weiß es auch, aber da selten die Verlage, und noch seltener der Buchhandel mithelfen, diese Kunde zu verbreiten, bleibt sie eine Flüsterpost. Darum nennt Geiger das Buch programmatisch "Laute Verse".Darin sind 28 deutsche Lyriker mit je zwei Handvoll Gedichten vertreten und einer (oft detektivisch spannenden) eigenen Analyse eines ihrer Gedichte. Manchmal wird daraus auch eine spiegelbildliche kleine Prosa wie bei Ulrike Draesner. Wörter springen zwischen den Texten hin und her, werden einmal Poesie, einmal Poetologie. In einem herbstlichen "Hälfte des Lebens"-Gedicht von Jan Wagner leuchten die gelierten Quitten, Monika Rinck vertauscht Quitte mit Qualle, und Silke Scheuermann findet in der Qualle wie im Beziehungsproblem die "Fähigkeit hässlich und dennoch durchsichtig zu sein".Die Auswahl des Bandes beschränkt sich bewusst. Die junggebliebene ältere Generation von Sartorius über Krüger zu Böhmer mit ihrer gesättigten Wortaura hat dabei das Nachsehen. Und die junge Leipzigerin Ulrike Almut Sandig wurde (mit einigen Gefährten) wohl etwas fahrlässig am Wegrand vergessen. Das Lyrikvehikel wird aber hoffentlich beim Leser ankommen, ihm - wie Jan Wagners Frösche - das neue Codewort durchgeben und dann eine weitere Fuhre einsammeln.------------------------------Foto: Thomas Geiger (Hrsg.): Laute Verse, dtv, München 2009. 360 S., 14,90 Euro.