Gila ist 17, hat kein blondes Haar, jedoch so ihre Träume. Sie haßt ihren männlichen Körper mit den riesigen Brüsten, und sie verabscheut die Tristesse der Erwachsenen. Gila liebt Bücher so sehr, daß ihr Realität und Fiktion verschmelzen. Diese Kombination von pubertären Wirren und surrealen Wahrnehmungsverschiebungen nutzt Lea Aini in ihrem intelligenten Roman "Eine muß da sein" nach Kräften zu erzählerischen Bocksprüngen.Gila lebt meist allein in einer der brökkelnden Betonburgen eines schmuddeligen Vororts von Tel Aviv; ihr Vater fährt zur See, die Mutter ist mit einem anderen Mann davongelaufen. Die 17jährige hilft dem Kioskbesitzer Dubek beim Ordnen der Neueingänge und erleichtert ihn dabei um Bücher für ihre kleine Bibliothek. Seltene Wörter aus Büchern rettet sie vor der "Vernichtung", indem sie diese in ihr Notizbuch einträgt. Der kinderlose Dubek und seine kranke Frau bitten Gila, ihnen in einer Scheinehe ein Kind zu schenken. Obwohl Gila so dem Wehrdienst entginge, kann sie sich nicht recht vorstellen, den Waschlappen, auf den Dubek dann onanieren würde, zwischen ihre Schenkel zu schieben. Sie berät sich mit Tschechow und plaudert mit Kafka über die Eltern, insbesondere den Vater. Außerdem begleitet Gila zusammen mit einer Freundin die hinfällige Nachbarin Erna auf Beutezügen zu Haushaltsauflösungen. Gila liebt die tschechische Überlebende der Shoah, wird aber von ihr abgewiesen.Der Körper, die sexuelle Identität und die Sprache: all diese Momente weiblicher Selbstbestimmung treten in Lea Ainis Roman zwanglos zusammen. Die 1962 geborene Lehrerin und Redakteurin, die in Israel als erzählerische Naturbegabung gefeiert wird und bereits fünf Bücher veröffentlicht hat, läßt den Privatkosmos ihrer Erzählerin in großer Unmittelbarkeit erstehen. In einer an Ellipsen reichen Sprache, die zwischen Western und Liebesgeschichte, unbeholfener Ausländerrede und realistischem Sozialdrama hin- und herspringt, verschmelzen die surrealen Elemente aus Gilas Bücherwelt mit der tristen Vorortrealität zu einer unwirklichen Atmosphäre. Nur zwei-, drei Mal läßt Aini das Tempo schleifen, versinkt ihre Jugendliche in bleierne Aussichtslosigkeit.Die selbstgeschaffene Spiegelwelt hofft diese bittere Schwester von David Grossmanns lebenslustigem "Kindheitserfinder" in einem gewaltsamen Akt zu verlassen: sie bringt zwei kranke Jeckes, aus Deutschland geflohene Shoah-Überlebende, in deren Bibliothek um. Der Mord an Menschen, aus deren Flucht Israel seine Existenz herleitet, ist ein Attentat auf das Selbstverständnis des jüdischen Staates. Gila aber jubelt, daß sie endlich "sie selbst" sei.So sicher wären wir da allerdings nicht. Lea Aini läßt die glücklich mordende Gila nämlich fortwährend "Raskolnikov" rufen, und so bleibt unklar, ob die schockierende Befreiungstat tatsächlich stattfindet und zur Identität verhilft. An einer geglückten Selbstfindung läßt zweifeln, daß sich "Eine muß da sein" nun als eine umgedrehte Version von "Schuld und Sühne" erweist. Denn Gila befreit sich durch den Mord von dem, was Raskolnikov nach seinen Morden zu einem neuen Menschen werden ließ: vom Mitleid (an das das kinderlose Ehepaar Dubek appelliert) und von der Liebe (zu Erna). So kommt die Befreiung, das Neue, im Gewand des Alten daher, schenkt selbst die denkbar stärkste Auflehnung gegen die Erwachsenenwelt Gila nicht die Gewißheit, ganz "da" zu sein. Ein literarisches Kabinettstückchen.Lea Aini: Eine muß da sein. Roman. Aus dem Hebräischen von Katharina Hacker. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997. 200 S., 39,80 Mark.