Eine "bewegende Lebensgeschichte", die "nacherleben läßt, wie sie - aus kleinbürgerlich-jüdischem Milieu stammend - zur verantwortungsbewußten Genossin heranreifte". So wollten die SED-Geschichtspropagandisten das Leben Lea Großes erzählt wissen. Es sollte Beispiel und Ansporn für eine Jugend sein, die dem Realsozialismus immer ablehnender gegenüberstand. Zu runden Jubiläen erinnerte sich das ZK der SED seiner Veteranen. Und so erhielt auch Lea Große vor zehn Jahren mit dem Karl-Marx-Orden einen letzten Gruß der SED.Jetzt feiert sie ihren neunzigsten Geburtstag. Keine Partei bedient sich ihrer mehr, und wenn sie heute aus ihrem Leben erzählt, dann entwirft sie ein Bild von der Geschichte unseres Jahrhunderts, das sich so in keinem Geschichtsbuch findet. Gespräch mit Pieck Es ist Wilhelm Pieck höchstselbst, der sie Anfang April 1945 in Moskau zu einem Gespräch einbestellt. Sie müsse jetzt stark sein, sagt ihr der Vorsitzende der Exil-KPD. Es sei nunmehr sicher, daß die Nazis ihren Lebensgefährten Fritz Große ermordet haben. Daß sie stark sein müsse, brauchte man Lea, die damals noch Lichter hieß, nicht sagen. Denn das war die Exilantin allemal. Wie sonst hätte die damals 39jährige ihr Leben bis dahin meistern können?Bereits als junges Mädchen hatte sie Ausgrenzung und Diskriminierung erlebt. Als Jüdin und als Tochter russisch-polnischer Eltern, die nach einem Pogrom ihre Geburtsstadt Tschenstochau verlassen und in Deutschland Schutz gesucht hatten. Ein Arbeitsunfall machte ihren Vater, einen Gerber, zum Invaliden. Danach konnte allenfalls noch die Fassade einer intakten kleinbürgerlichen Familie aufrechterhalten werden. Jahre später schrieb sie: "Im Februar 1927 starb meine Mutter. Persönliche Erlebnisse ließen mich damals so entscheiden: Das alles kann nur radikal geändert werden; die Kommunisten sind radikal, also gehöre ich zu ihnen."Im Juni 1927 spricht sie im Parteihaus der KPD in Chemnitz vor. Dort schickt man sie zum KJVD, dem Kommunistischen Jugendverband. Hier lernt sie Fritz Große kennen und lieben. Ein ungleiches Paar. Sie, die jüdische Tochter aus kleinbürgerlichem Hause, und er, der zwei Jahre ältere Revolutionär. Große hatte sich bereits als sechzehnjähriger zur Roten Armee durchgeschlagen und war dort Mitglied der Kommunistischen Partei geworden.Doch für die Liebe läßt der Klassenkampf nur wenig Raum. 1929 rückt Fritz in die Führung des KJVD auf. Im Gefolge parteiinterner Fraktionskämpfe werden die beiden 1930 zur Kommunistischen Jugendinternationale nach Moskau "strafversetzt". Die schickt Große im August 1931 als Politinstrukteur nach England. Im Herbst 1932 kehrt er nach Berlin zurück. Ernst Thälmann überträgt ihm die Führung des KJVD. Lea bleibt zunächst in Moskau. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung findet ihre Bitte Gehör, zum Widerstandskampf nach Deutschland entsandt zu werden. An der Seite von Fritz Große zählt sie zur illegalen Leitung des KJVD. Trotz aller konspirativen Vorsichtsmaßnahmen verhaftet die Gestapo die beiden im August 1934 in Düsseldorf.Für Fritz Große beginnt ein elfjähriges Martyrium, das ihn über das Zuchthaus Brandenburg in das österreichische KZ Mauthausen führt. Der Volksgerichtshof verurteilt Lea 1936 zu vier Jahren und acht Monaten Zuchthaus. Als polnische Staatsangehörige wird sie 1938 nach Polen abgeschoben. Nach dem deutschen Einmarsch flieht sie Anfang 1940 in die Sowjetunion. Über ihre Ankunft in Moskau schreibt sie später: "Die Dinge, die sich in der Zwischenzeit in der SU ereignet hatten, wirkten wie ein Schock auf mich." So viele ihrer Freunde und Genossen aus der Jugendinternationale waren mittlerweile als "Volksfeinde entlarvt" und ermordet worden. Doch als disziplinierte Kommunistin versucht sie zu "verstehen" und zu verdrängen. Ihre Arbeit, zunächst bei der Betreuung von Emigrantenkindern und schließlich als Programmleiterin beim Sender "Freies Deutschland", hilft ihr dabei.Zwei Wochen nachdem sie die Nachricht über den Tod von Fritz erhält, wird sie plötzlich ein zweites Mal zu Wilhelm Pieck gerufen. Ein Telegramm aus dem befreiten Wien sei eingetroffen, erklärt ihr Pieck: Franz Dahlem und Fritz Große leben und befinden sich bereits per Flugzeug auf dem Weg nach Moskau. Über das Wiedersehen schreibt Lea fast vier Jahrzehnte später: "Ich sah, daß sich ein ältlicher Mann auf mich zubewegte, ein ausgemergeltes Wesen, Haut und Knochen, das Haar geschoren Der Mann, der vor mir stand, hatte keine Ähnlichkeiten mehr mit dem Fritz, den ich in Erinnerung hatte. Geblieben war nur der warme Klang seiner Stimme." Elf Jahre waren sie getrennt gewesen: "Das alles prägte uns, machte uns zu anderen Menschen; es war, als ob Fritz und ich uns zum ersten Mal begegneten. Wir mußten neu beginnen. Das war ein schweres Unterfangen." Aber es gelingt.Doch auch in ihrem neuen Deutschland sollten die beiden keine Ruhe finden. Beide werden nach Sachsen geschickt. Fritz in die dortige Parteiführung, Lea als Chefredakteurin des Mitteldeutschen Rundfunks. Fritz Große muß bald erfahren, daß in der SED Walter Ulbrichts die aus dem Moskauer Exil heimgekehrten Kader den Ton angeben. Die "Inlandskommunisten" werden an den Rand gedrängt. Keine Zeit für Privates 1949 geht Fritz Große als DDR-Botschafter nach Prag. Lea, mittlerweile mit ihm verheiratet und Mutter zweier Kinder, fällt es schwer, den Chefredakteursposten für den Part der Diplomatengattin aufzugeben. Nach Berlin 1952 zurückgekehrt, wird Lea Kaderleiterin, später Dramaturgin bei der DEFA. Fritz arbeitet im Außenministerium. Für ein Privatleben bleibt keine Zeit. Zuchthaus und KZ haben Großes Gesundheit ruiniert. 1957 ist er noch maßgeblich an der Vorbereitung diplomatischer Beziehungen mit Jugoslawien beteiligt. Seine Akkreditierung als Botschafter in Belgrad ist bereits unterzeichnet. Da stirbt er am 12. Dezember 1957 dreiundfünfzigjährig.Neben Grotewohl und Ulbricht erweisen ihm zahlreiche Parteiführer die letzte Referenz - um ihn danach für viele Jahre fast völlig der Vergessenheit anheimfallen zu lassen.Lea Große wechselt 1960 von der DEFA zum "Deutschen Soldatensender 935". Dort arbeitet sie bis Sommer 1971 wiederum als Chefredakteurin. In den siebziger Jahren besinnt sich die SED verstärkt auf die Widerstandskämpfer, die das Martyrium deutscher Zuchthäuser und KZ durchlebt hatten. Auch Fritz Große erfährt postum die hölzernen Ehrenbezeugungen seiner kleinmütigen Partei. Ein Regiment und eine Straße werden nach ihm benannt. Verhaltene Trauer Lea Große erhält die üblichen Würdigungen zu runden Jubiläen, die Orden, reist regelmäßig mit verdienten Veteranen ins Land der Oktoberrevolution. Doch auch jetzt wachen die Hüter der Parteiwahrheit streng darauf, daß nur ein ungebrochenes Bild beider Leben gezeichnet werden kann. Das muß Lea Große erfahren, als sie Ende der siebziger Jahre ihre Zeit im Widerstand und Exil schildert. Kein Wort findet man dort über die Einmischungen der fernen Moskauer Revolutionszentrale in die Widerstandsarbeit vor Ort. Auch die Trauer über die Stalinschen Säuberungen in der Sowjetunion darf nur verhalten durchklingen.Mit dem Jahr 1989 geriet Fritz Große neuerlich in Vergessenheit. "Seine" Straße ist längst umbenannt. Im vereinten Deutschland ist man sich noch nicht darüber im klaren, wie man mit diesem Teil der Geschichte umgehen soll. Lea Große lebt heute in Berlin-Pankow. Eine ihr feindlich gesonnene Welt hatte sie vor siebzig Jahren zur Kommunistin werden lassen. Sozialistin ist sie geblieben. Doch mit der Mauer sind auch bei ihr alte Dogmen gefallen. Als sie jüngst ihr 1982 erschienenes Buch verschenkte und mit einer Widmung versah, schrieb sie hinein: "Heute würde ich es wohl anders schreiben." +++