Antonia Lerchs Dokumentarfilme über ausländische Mädchen in Kreuzberg wirken so, als wäre die Filmemacherin gar nicht anwesend. Ohne Kommentar aus dem Off und scheinbar unbeobachtet quatschen Aylin, Sofia, Nermin und die anderen in "Sieben Freundinnen" (1991) über Zungenküsse, Jungfräulichkeit vor der Ehe, Erfahrungen mit Koks oder Operationen in der Tierarztpraxis. Wenn die 15jährige Aylin von den drei Jahren erzählt, die sie auf der Straße gehaust hat, platzen die traurigsten und tragikomischsten Geschichten betont schnodderig zwischen Kaugummiblasen heraus.Ganz anderes dagegen die 24jährige Türkin Berlin in "Vor der Hochzeit": Intelligent und zielstrebig erzählt die Arzthelferin von ihrem Wunsch, Stewardeß zu werden - und einen deutschen Mann zu heiraten: "Dann hätte mein Vater mir nichts mehr zu sagen", meint Berlin, die unter ihrer strengen Erziehung leidet und dennoch keinen Ausbruch wagt. Behutsam und unauffällig begleitet die Filmemacherin sie zu ihren Freunden und Kollegen.Wenn Antonia Lerch einem im Cafe gegenübersitzt, wirkt sie alles andere als unauffällig und zurückhaltend. Nach ihrer Arbeit gefragt, leuchten die Augen, gestikulieren die Hände, sprudeln die Geschichten, die von Projekten und Projektchen, gescheiterten und verwirklichten Träumen aus 20 Jahren Filmarbeit handeln. Mitte der 70er schmiß Antonia Lerch einen karriereträchtigen Job in einer Frankfurter Werbeagentur, weil ihr die porschefahrenden Kollegen auf den Geist gingen und sie nach Berlin wollte. Schon bald wurde sie Gaststudentin an der dffb und fing an, mit ihrem Lebensgefährten Benno Trautmann Filme zu drehen.Gleich ihr erste Dokumentation über Opfer der Stadtsanierung begab sich mitten hinein in den Westberliner Alltag. Den kleinen Geschichten, den Low-Budget-Filmen über Zirkusleute, Obdachlose oder Ausländer in Berlin ist Antonia Lerch über die Jahre treu geblieben - auch wenn sie immer wieder mit Spielfilmen geliebäugelt hat. Um die "Sieben Freundinnen" zu finden, ist sie einfach nur um die Ecke ihrer Wohnung ins Stadthaus Böcklerpark gegangen.Oft verdrehen Antonia Lerch und Benno Trautmann Kilometer von Material (Sie ist ihre eigene Kamerafrau, er macht den Ton), bis endlich einer dieser magischen Augenblicke entsteht, wo die Darsteller so entspannt sind, daß sie die Kamera vollkommen vergessen. Die "Sieben Freundinnen" zum Sprechen zu bringen, war allerdings nicht schwer. "Die können stundenlang über ihre Leib- und Magenthemen reden."Als sie Anfang der 90er drei Filme über alte deutsche Fotografinnen im Exil gemacht habe, sei sie so bei der Sache gewesen, daß sie innerlich um Jahre zu altern glaubte, meint Antonia Lerch. Bei den "Sieben Freundinnen" habe sie sich bald dabei ertappt, wie sie anfing, herumzukichern oder Sprüche zu klopfen. "Einige Leute glauben, daß ich zur Ethnographin von Kreuzberg werde. Dazu habe ich keine Lust." Ihr nächstes Projekt soll deshalb ganz anders werden. Es heißt "Letzte Runde" und handelt von skurrilen Szenen in nächtlichen Kneipen.Bettina Bremme Antonia Lerchs Filme "Sieben Freundinnen" und "Vor der Hochzeit" laufen bis 30. 10. im Sputnik Südstern. +++