Lee Soo San erzählt heute im Bundestag ihre Geschichte: Das lange Leiden der Trostfrau

BERLIN. Lee Soo San ist eine tapfere Frau. Sie geht am Stock, ist aber sonst recht agil. Sie zieht des Öfteren ihre Beine an, als sie ihre Geschichte erzählt. Und die erzählt die Koreanerin leidenschaftlich. Ihre Stimme ist klar und deutlich, mit ausladenden Gesten unterstreicht sie ihre Worte. Nur einmal gerät sie ins Stocken: Als sie von einem kleinen, geschundenen Mädchen erzählt, mit dem sie in der sogenannten Troststation lebte.Lee war eine von schätzungsweise 200000 euphemistisch Trostfrauen genannten Mädchen, die von der japanischen Führung im Zweiten Weltkrieg und auch davor zur Prostitution gezwungen wurden. Die Militärbordelle dienten der Ablenkung für japanische Soldaten. Damit sollte die Massenvergewaltigung von zivilen Bürgern, aber auch die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten verhindert werden. Am heutigen Tag der Menschenrechte spricht die 82-jährige Lee vor dem Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe im Bundestag. Ihr liegt viel daran, ihre Geschichte in die Welt zu tragen. "Damit es der japanischen Regierung peinlich und unangenehm ist", sagt sie.Mit 15 Jahren bekam Lee das Angebot, in einer Textilfabrik in China zu arbeiten. Dort könne sie mehr verdienen denn als Haushaltshilfe bei ihrer kranken Tante. Lee sah das als große Chance, ihre verarmte 14-köpfige Familie finanziell zu unterstützen. Nach einem beschwerlichen Weg im Güterzug und im Boot kam Lee in China an, das damals von den Japanern besetzt war. In der vermeintlichen Textilfabrik unterschrieb Lee etwas, von dem sie glaubte, es handele sich um einen Arbeitsvertrag. Damals wusste sie nicht, dass sie damit ihre Seele und ihren Körper verkaufte.In den Troststationen herrschten Verhältnisse wie in einem Gefängnis. Die Soldaten standen in Schlangen an, um sich an den Mädchen zu vergehen. Über die Übergriffe kann Lee noch heute nicht sprechen. Ihre einzigen Worte: "Es hat sehr, sehr wehgetan." Als sie schwanger wurde, wurde sie zur Abtreibung gezwungen. Dabei wurde ihr die Gebärmutter entfernt. Ein Fluchtversuch aus der Station misslang, als sie und zwei weitere Mädchen von der Familie verraten wurde, die sie für eine Nacht aufgenommen hatte. Zur Strafe kam Lee in die Folterkammer. Sie zeigt ihre Narben unter der Brust und am Rücken, Narben von Wunden, die ihr mit dem Brenneisen zugefügt worden waren. Als Japan den Krieg 1945 verlor, wurden die Troststationen aufgelöst.Ohne Geld und Nahrung wurden die Frauen in China zurückgelassen. Viele verhungerten, andere - darunter Lee - bauten sich ein neues Leben auf. "Ich hatte großes Glück", sagt sie. Auch weil sie einen Mann fand, der sie so liebte, wie sie war. Bis ins Jahr 2005 war er der Einzige, der von ihrer Vergangenheit wusste. Damals kehrte Lee wieder nach Korea zurück. Sie ließ sich als Trostfrau registrieren und fand es an der Zeit, ihr Schicksal publik zu machen.Ihre Geschichte zu erzählen, sieht sie als Therapie. Von der japanischen Regierung verlangt sie, sich endlich bei den Trostfrauen zu entschuldigen und sie zu entschädigen. Geld spielt für sie dabei keine Rolle. "Ich möchte nur, dass die noch lebenden Trostfrauen endlich ihre Würde zurückbekommen", so Lee.------------------------------Foto: Lee Soo San wurde von japanischen Soldaten missbraucht.