ROM/MAINZ/HANNOVER, 29. Januar. Die überraschende Nominierung des Mainzer Bischofs Karl Lehmann zum Kardinal ist in der italienischen Presse am Montag sehr ausführlich erörtert worden. In Italien galt es als ausgemacht, dass ein Mann seiner Statur niemals von diesem Papst ins höchste Gremium der katholischen Kirche nominiert würde. Der Vatikanist des "Corriere della Sera" vermutet die Intervention des Ex-Kanzlers Helmut Kohl und des Kardinalstaatssekretärs Angelo Sodano hinter der verspäteten Nominierung. Luigi Accattoli meint, der Unmut in der deutschen Bischofskonferenz habe den Papst zur nachträglichen Korrektur einer problematischen Entscheidung genötigt. Accattoli, intimer Kenner des Vatikans, hält nun auch eine weitere einschneidende Änderung des Wahlmodus für Päpste für möglich. Nachdem Johannes Paul II. schon die Obergrenze von 120 Wahlkardinälen um 15 Namen überschritten hat, könnte er demnächst auch die Altersgrenze von 80 Jahren aufheben, meint Accattoli.Marco Politi von der Tageszeitung "La Repubblica" teilt die katholische Welt in zwei Lager, die von zwei entgegengesetzten Deutschen dominiert würden: von Kardinal Joseph Ratzinger, dem Präfekten der Glaubenskongregation in Rom, und von Karl Lehmann. "Unbeugsam" der erstere, "aufgeklärt" der andere, würde die Wahl des nächsten Papstes zu einem "ansehnlichen Kampf" zwischen den beiden werden, vermutet Politi. Beide Zeitungen listen die "Sünden" Lehmanns in den Augen vatikanischer Zentralstellen auf: seinen Einsatz für die wiederverheirateten Geschiedenen, seine sanften Vorstöße zur Abschaffung des Zölibats für die Priester, seine Äußerung über einen möglichen Rücktritt des kranken Papstes und seine Haltung zur Schwangerenberatung in Deutschland. Dem Mut zum offenen Wort stellen die Zeitungen Lehmanns Fähigkeit zur Vermittlung gegenüber, die sich an der Spitze der deutschen Bischofskonferenz bewährt habe.Auch in Deutschland ist die Nominierung Lehmanns zum Kardinal einhellig begrüßt worden. Bundespräsident Johannes Rau schrieb, er sei sich sicher, dass Lehmann seine "schwierige Arbeit der Vermittlung und Integration in Kirche und Gesellschaft nun besonders gestärkt" fortsetze. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) äußerte die Hoffnung, die Ökumene werde jetzt neuen Auftrieb erhalten. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Hans Joachim Meyer, sprach von einem Freudentag für die Katholiken in Deutschland. Nach Ansicht des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck (SPD) ist die Ernennung eine Anerkennung für die schwierige Vermittlungsarbeit, die Lehmann für die Kirche und die Gesellschaft leiste. Der kirchen-kritische Theologe Hans Küng wertete in der "Allgemeinen Zeitung" aus Mainz Lehmanns Ernennung als Selbstkorrektur des Papstes. In Rom habe man gemerkt, dass man sich von den deutschen Katholiken entfremde, wenn man auf dem bisherigen Kurs weiter steuere. (mit AFP)Der neue Kardinal // Karl Lehmann wurde am 16. Mai 1936 in Sigmaringen als Sohn eines Lehrers geboren.Er studierte Philosophie und Theologie in Freiburg und promovierte 1962 an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Die Priesterweihe erhielt Lehmann 1963 in Rom.Nach seiner Bischofsernennung übernahm er 1983 die Leitung des Bistums Mainz, 1987 den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz.Zwischen Lehmann und dem Papst war es in der Vergangenheit bei wichtigen kirchenpolitischen Themen immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten gekommen. So wandte sich Lehmann 1999 gegen einen Ausstieg aus der Schwangerenkonfliktberatung. 1994 setzte er sich für die Zulassung "geschiedener Wiederverheirateter" zu den heiligen Sakramenten ein, um ihnen eine zweite kirchliche Trauung zu ermöglichen. Der Vorstoß war vom Papst abgeschmettert worden.KNA Der Mainzer Bischof Karl Lehmann wird Kardinal.