Eine Geschichte aus dem wirklichen Leben, die sich liest wie ein Roman. Mit 19 Jahren verliebt sich die 1864 in Braunschweig geborene, 1947 im Taunus gestorbene Schriftstellerin Ricarda Huch in den Mann ihrer Schwester, ihren 14 Jahre älteren Cousin Richard Huch. Kurz davor hatte sie sich in einen schmucken Referendar verguckt, der ihre Gefühle nicht erwidert, ihr keinen Antrag gemacht hatte. Keine schöne Lage für die junge Frau, die zum Trost von ihrer Schwester und ihrem Schwager auf eine Reise in die Schweiz mitgenommen wird. Hier beginnt ein Liebeskampf der besonderen Art gegen Konvention und Moral. Was als Schwärmerei anfängt, führt geradewegs in die absolute Leidenschaft. Dem Mann mag es am Anfang nur schmeicheln, bald aber ist er entflammt für seine junge Schwägerin. Eine verbotene Affäre nimmt ihren Lauf: Nächtliche Zusammenkünfte im Zimmer ihres abwesenden Vaters, gefährliche Augenblicke, innige Lust. Die junge Frau kennt dergleichen bislang nur aus der Literatur. Das Paar trifft sich immer wieder auf heimlichen Reisen - und es schreibt Briefe über Briefe. Als die beiden beobachtet und entdeckt werden, droht ein Skandal. Deswegen sind alle - auch der Geliebte, der keine Anstalten zur Scheidung macht - froh, als Ricarda Huch ihre Heimatstadt verlässt, um in Zürich zu studieren. Das Familienvermögen ist aufgebraucht, sie muss sich darauf einstellen, für ihren Lebensunterhalt selber aufzukommen, außerdem will sie schreiben und eine berühmte Dichterin werden. Das hätte nun das Ende dieser aufregenden Liebe sein können. Das ehebrecherische Paar muss sein Ehrenwort geben, einander ein Jahr nicht zu sehen noch zu schreiben, bricht aber bald schon die Abmachung.Dem Traum vom einzigen, für sie auserwählten Mann wird Ricarda Huch fast drei Jahrzehnte anhängen. Für ihre neuen Zürcher Studienkolleginnen ist alles furchtbar aufregend, keine andere hat ein geheimes Verhältnis, keine überschreitet die Grenzen weiblicher Rollenzuweisung so entschieden.Ricarda Huch, die selbstständige, bekannte und angesehene Dichterin, macht sich in dieser Liebe jedoch auf gewöhnliche Frauenart klein. Ihm will sie dienen, ihm folgen wie das Kleist sche Käthchen, sein Hündchen will sie sein. Jedenfalls theoretisch, praktisch fällt ihr die Rolle schwer. Es kommt immer häufiger zu Auseinandersetzungen mit dem etablierten Braunschweiger Rechtsanwalt, dessen Ehefrau in regelmäßigen Abständen schwanger wird, der sich überfordert fühlt von der in ihrem Liebesideal verfangenen ehrgeizigen Schriftstellerin. Als sie ihre private Lage zum ersten Mal in Literatur verwandelt - in dem viel gelesenen Roman "Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren" - reagiert der Geliebte pikiert. Die bürgerliche Gesellschaft tuschelt über ihn, zieht Vergleiche. Außerdem widersetzt sich die inzwischen promovierte Autorin seinen Änderungs-vorschlägen. "Ricarda Huchs Bitten, der Geliebte möge den Roman nicht mit dem Leben verwechseln, haben wenig Erfolg." Zumal sie plötzlich keine Zeit für ihn hat, ihr die Arbeit wichtiger ist als die Liebe. "Zum ersten Mal fühlt er sich verletzt durch ihren Ehrgeiz, der ihm sonst so gelegen kam - die renitente Verfasserin des Ursleu-Romans ist nicht mehr nur sein ,Violinchen , das ihm, dem ,Meister , zum Lobpreis Verse geigt." Allen Unvereinbarkeiten zum Trotz bleiben die beiden ein Paar. Sie quälen sich, trennen sich und kommen wieder zusammen. Sie ist in diesem Spiel die Stärkere, die, die mehr leidet und mehr liebt, die sich in ihrem Bild von ihm verliert und seine Schwächen nicht zur Kenntnis nehmen will. Ein Hin und Her, das über Jahre geht: Er will nichts mehr von ihr hören. Sie gibt klein bei. Er sitzt schon im Zug, um mit ihr das neue Leben zu beginnen und nimmt dann doch wieder Reißaus, kehrt zu Frau und Kindern zurück. Danach scheint die Trennung endgültig. Kaum wähnt er sich in Sicherheit, drängt er jedoch erneut auf ein Wiedersehen, droht mit Selbstmord. Ricarda Huch schreibt, alle Männer seien feige und lebten in beständiger Furcht, sich zu kompromittieren. Die Literaturwissenschaftlerin Anne Gabrisch, die auch den Briefwechsel zwischen Ricarda und Richard Huch herausgibt, ist eine kenntnisreiche Biografin dieser Liebe. Sie breitet die Geschichte vor uns aus, beurteilt klug die emotionalen Schach- und Winkelzüge der Protagonisten. Dass der Mann, den Ricarda Huch 1898 schließlich heiratet - ein unkonventioneller italieni-scher Arzt - der bessere und der Schriftstellerin gemäßere Ehemann war, daran besteht kein Zweifel. Weibliche Liebesideale sind jedoch nicht unbedingt auf Wohlergehen aus. Nach sieben Jahren treffen sich Ricarda und Richard Huch wieder, und die alte Geschichte beginnt von vorn. Dieses Mal mit anderem Ausgang: Auf ihre Scheidung folgt seine, allerdings nur, weil die Ehefrau sich in einen jüngeren Mann verliebt hat - der später ihre Tochter heiraten wird - und nach Berlin will, um auf ihre reifen Tage zu studieren. Nun könnte sich alles zum Guten wenden, aber jetzt beginnt erst der wahre Schrecken. Die beiden Liebenden passen nicht zusammen, die so lang ersehnte Ehe wird zum Albtraum. Er hasst ihre Selbstständigkeit, fühlt sich unterlegen, will von dem gemeinsamen romantischen Liebesmärchen nichts mehr hören. Nach drei Jahren flieht er und zwingt die Fassungslose zur Scheidung. Die große Liebesidee der unkonventionellen Dichterin war nach 27 Jahren endgültig gescheitert.Die dänische Schriftstellerin Karin Michaelis hat das Lebensdrama der Kollegin schon in den 20er-Jahren in ihrem höchst modernen Roman "Sieben Schwestern" beschrieben. Auch da dauert die unerfüllte Liebe fast ein ganzes Leben, und als endlich - nach ihren fehlgeschlagenen, überstürzt eingegangenen Ehen und nachdem er Witwer geworden ist - das gemeinsame Glück winkt, endet alles in einem melodramatischen Fiasko. Der Mann, bei Karin Michaelis ein Wissenschaftler, kann das Klavierspiel seiner Geliebten, die hier Sängerin, nicht Schriftstellerin ist, nicht ertragen und erweist sich als maulfauler, egoistischer Haustyrann. Der Liebestraum endet nach wenigen Tagen gemeinsamer Ehe in klein-lichen und lächerlichen, aber unüberbrückbaren Alltagsquerelen.Im wirklichen Leben lief alles dramatischer und gleichzeitig gewöhnlicher, vor allem aber langsamer ab. Schon zwei Jahre vor der Scheidung schreibt Richard Huch in einem Brief, ihre Ehe sei schon 1907 am Ende gewesen. Da war er zum ersten Mal gemeinsam mit Ricarda Huch und ihrer (von ihm gehassten) Tochter Bussi in ihrem Grünwalder Haus gewesen, "wo ich erfuhr, dass meine Geliebte und meine Frau zwei ganz verschiedene Wesen sind, die eine die weiche, in ihrem Geliebten aufgehende Frau, die andere die Enkelin ihrer Großmutter, die Frau mit der Wieter schen Härte, der Wieter schen Kälte und dem Wieter schen Trotz."Das Scheidungsurteil fällt 1913 für die Schriftstellerin katastrophal aus, sie bekommt keine Unterhaltszahlungen zugesprochen. Sie kämpft nicht mehr und fühlt sich tief gedemütigt, als sie von einer neuen Geliebten Richards erfährt. "Hatte sie sich vorher als Inbegriff der Liebenden gesehen, so wurde sie sich nun zum Inbegriff der schuldlos Verlassenen." Ihre Versuche, "Die Ehe mit Richard" schriftstellerisch zu verarbeiten, bleiben Fragment. Die Biografin zieht den Schluss, Ricarda Huch "war - auch in ihrer Liebe - von einem Ehrgeiz, der keine Schlappe vertrug. Und sie konnte nicht loslassen. ,Mein Herr, mein Löwe, hält seine Beute fest , so beginnt eines ihrer späten Gedichte, das gern politisch interpretiert wird, aber sicher auch private Bezüge hat."Über Ricarda Huch wird Alfred Döblin einmal sagen, sie sei der einzige Mann, die einzige mutige Stimme. Das war 1933, als sie aus der Preußischen Akademie der Künste austrat. Aber das ist eine andere Ge-schichte, die nichts zu tun hat mit dem Liebeswahnsinn, den die Dichterin im Leben ebenso verfolgte, wie sie ihn in ihren Romanen beschrieb. Nur dass sie hier den Ausgang bestimmen konnte und ihn dort erleiden musste.Anne Gabrisch:"In den Abgrund werfe ich meine Seele". Die Liebesgeschichte von Ricarda und Richard Huch. Nagel und Kimche, Zürich 2000. 320 S., 39,80 Mark.

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