LANDSHUT/BONN, im Januar. Thomas Schmidt hat ein Dutzend deutscher Atomkraftwerke von innen gesehen. Zwei Jahrzehnte hat er dort radioaktive Rohre und verstrahlte Armaturen geputzt sowie Brennstabbehälter "dekontaminiert", sie also von ihrer Strahlung befreit. Der 40jährige Mann sitzt in seiner Küche, öffnet eine Flasche Bier und beginnt zu erzählen. "Es gab gut Cash für nicht allzu schwere Arbeit", sagt er. Dann redet er über seine Krankheit: Er hat Krebs im rechten Ohr, ein Drittel seiner Lunge wurde entfernt.Der gelernte Kfz-Mechaniker aus Norddeutschland war bis vor drei Jahren Leiharbeiter in der Atomindustrie. "Wer da Angst hat", sagt er, "kann gleich wieder aufhören." Seit 1979 ist Schmidt für Firmen, die Cosmos, Blohm oder Dekonta heißen, als "Springer" durch die deutschen Atomkraftwerke gewandert. Von März bis November, wenn in den 19 Atommeilern die abgebrannten Brennstäbe aus dem Reaktor gezogen und ersetzt werden, fallen besonders viele Wartungsarbeiten an. Und es müssen verstrahlte Teile der Anlagen gesäubert werden. Für diese jährliche "Revision" stellen die Kraftwerke jeweils bis zu 2 000 "Fremdarbeiter" ein, Schlosser und Schweißer, überwiegend aber Reinigungskräfte. Diese rund 23 000 Atomarbeiter müssen vor allem an den Orten zupacken, wo das Stammpersonal lieber beiseite steht, weil dort Radioaktivität herrscht im "Kontrollbereich" um den Reaktorkern und das Rohrleitungssystem. Schon 1986 hatte Günther Wallraff den Kraftwerksbetreibern vorgeworfen, die Leiharbeiter gezielt als "Strahlenpuffer" zu mißbrauchen, um die eigenen Angestellten zu schonen. An den Vorwürfen sei nichts dran gewesen, erklärt noch heute die für Arbeitssicherheit in der Atomindustrie zuständige Berufsgenossenschaft für Feinmechanik und Elektrotechnik. Es existierten "keine Hinweise auf besondere Probleme mit dieser Personengruppe". Tatsächlich aber sind die Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter in den vergangenen Jahren der Öffentlichkeit nicht bekannt geworden. "Es gibt einen Konsens des Schweigens über diese dunkle Seite der Atomwirtschaft", sagt der Bremer Epidemiologe Wolfgang Hoffmann. Er bemüht sich seit Jahren darum, gesicherte Daten über Krankheitsbilder der "Springer" in den Kraftwerken zu gewinnen.Der krebskranke Thomas Schmidt kann seit 1995 nicht mehr arbeiten. "Vorher habe ich mit allen Zulagen lässig 5 000 netto im Monat verdient", erzählt er. "Da hat man nicht mehr so genau gefragt, was man dort eigentlich macht." Seinen letzten Job hatte Schmidt im bayrischen Atomkraftwerk Isar-1 nahe Landshut, einem 22 Jahre alten Meiler, den Atomgegner als "Pannenreaktor" bezeichnen. In Isar-1 mußte Schmidt Fußböden putzen und in der "Deko-Box" arbeiten, einer Sicherheitskammer mit Bullaugen. Dort "dekontaminierte" er hochgradig strahlende Metallteile aus dem Reaktor, indem er sie mit Wasser abspritzte. "Es hieß immer: schnell, schnell, rein, raus, rein. Ich hab mal vorgeschlagen, das von außen zu machen, um nicht so viel Dosis abzukriegen. Hat aber nichts genützt." Vor allem war Schmidt im sogenannten Abfallager eingesetzt, einem Kellerraum des Kraftwerks. "Wir mußten große Mengen schwachradioaktiven Abfalls sortieren und die brennbaren Stoffe zu Ballen pressen." In diesem Keller arbeitete Schmidt mit Alois Müller aus Bayern zusammen, der heute erklärt: "Ich hatte das Gefühl, daß Gefahr für meine Gesundheit bestand." Die Aussagen der beiden Arbeiter stützen Vorwürfe gegen den Energiekonzern Bayernwerk AG, die ihr Kollege Max Kerbl bereits im September 1998 gegenüber der "Berliner Zeitung" erhoben hatte. Alle drei wollen bislang "aus Angst vor Repressionen" ihre wahren Namen die der Redaktion bekannt sind nicht nennen.Zehn Stunden im AbfallagerKerbl, der seit 1994 an psychosomatischen Beschwerden leidet, hatte berichtet, beim Nachmessen der Abfallpacken hätten sich 1993 und 1994 häufig Werte ergeben, "die weit über der dort zulässigen Dosis von drei Millisievert lagen". Auf seine Beschwerden habe jedoch niemand reagiert. "Es kam strahlendes Material bis zu 70 Millisievert vor", bestätigt nun auch Alois Müller. Über eine Rutsche landeten Säcke mit kontaminierten Metallteilen, Glaswolle und Lappen im Keller; und oftmals seien diese dabei aufgeplatzt. Dann, so Kerbl, habe Gefahr nicht nur von verseuchtem Staub, sondern auch von Aerosolen gedroht, winzigen strahlenden Teilchen in der Luft. Schmidt erwähnt zudem, oft habe es im Keller "nach Fisch gestunken", weil in einem Ofen verseuchte Schlämme getrocknet worden seien."Wenn es stinkt, sind Aerosole im Raum", erklärt dazu der renommierte Münchner Strahlenmediziner Edmund Lengfelder, "und es besteht die Gefahr der Inkorporation" der Aufnahme radioaktiver Partikel in den Körper. Atemmasken mit simplen Staubfiltern reichten dann nicht aus, denn sie böten keinen Schutz etwa vor Jod und Strontium, sagt Lengfelder. Deshalb sind bei Aerosolgefahr auch Kohleaktivfilter oder Fremdluftgeräte vorgeschrieben die es im Keller von Isar-1 nicht gab, wie die drei Leiharbeiter bezeugen. Zudem konnten die Müllwerker nicht wissen, welche Stoffe in der Luft waren, denn im Lager hätten keine ablesbaren Raumluftmeßgeräte gestanden. Die Leiharbeiter können sich auch an Vorfälle beim Wechseln der verseuchten Filter aus der Klimaanlage erinnern. "Hin und wieder fiel ein Filter auf den Boden und staubte. Wir standen ohne Maske direkt daneben", erzählt Schmidt. Müller sagt: "Ich mußte dann sehr lange duschen." Dieses sogenannte Zwangsduschen wird nötig, wenn die Kontrollmonitore am Ausgang des "heißen Bereichs" eine Kontamination des Körpers anzeigen. Und obwohl es eine Vorschrift gegeben habe, den Aufenthalt im Abfalllager "so kurz wie möglich zu halten", hätten sie oft den ganzen Tag im Keller gestanden, erinnert sich Leiharbeiter Müller. "Da ging es rund um die Uhr, in Zehn-Stunden-Schichten." Am gefährlichsten aber sei die Arbeit am Reaktor gewesen. Dort arbeiteten Müller, Kerbl, Schmidt und andere als Reinigungskräfte: Nach der Entnahme der Brennstäbe mußten sie das Reaktorbecken mit Gummischiebern "dekontaminieren". Sie hätten Gummibekleidung und Staubfilter, aber nicht die nötigen Vollschutzanzüge erhalten, bezeugen die Arbeiter. "Da hat man einiges abgekriegt", sagt Schmidt. "Ich habe die Gefahr immer weggedrückt", erklärt Alois Müller.Zwar registrierten die "Personendosimeter" Meßgeräte, die die Arbeiter unmittelbar auf ihren Anzügen trugen keine Verletzung der offiziellen Grenzwerte. "Doch schon kleinste Strahlendosen können Krebs erzeugen und Inkorporationen werden von den Dosimetern meist nicht erfaßt", sagt der Bremer Epidemiologe Wolfgang Hoffmann. Er nennt die Vorfälle "skandalös, aber strukturell bedingt: Man verschiebt das Strahlenrisiko oft auf ungelernte Arbeiter, die nicht fähig sind, es wirklich zu begreifen." Tatsächlich kennt jeder Leiharbeiter haarsträubende Geschichten über Kontaminationen aus Streß oder Unwissenheit. So erzählt Thomas Schmidt, daß sich Kollegen wegen der Hitze mit verseuchten Putzlappen über die Stirn wischten. Schmidt, Müller und Kerbl erinnern sich an Analphabeten unter den Leiharbeitern und an Ausländer, die wenig Deutsch konnten. Nach Aussage der Berufsgenossenschaft dürfen des Deutschen Unkundige aber nicht im Kontrollbereich von Atomkraftwerken arbeiten.Hatte die Bayernwerk AG die Vorwürfe Kerbls im September noch als "abstrus" bezeichnet und jeden Kommentar abgelehnt, so erklärte Pressesprecher Erwin Haydn nun schriftlich: "Die Schutzmaßnahmen in den Kernkraftwerken gelten gleichermaßen für feste wie externe Mitarbeiter. Dabei wird in jedem Einzelfall die jeweilige Dosisbelastung genauestens überwacht und dokumentiert. Die Einhaltung der gesetzlichen Dosisgrenzwerte ist und war immer gegeben." Eine detaillierte Stellungnahme sei aufgrund des Wunsches der Arbeiter nach Anonymität nicht möglich, obwohl man jede einzelne Anschuldigung "sicherlich widerlegen" könne. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft aufgrund einer Strafanzeige von Umweltverbänden gegen die Kraftwerksbetreiber.Atom-Manager versichern immer wieder, Fremdpersonal genau wie die eigenen Angestellten zu behandeln. Genau das aber stellt nun eine bislang unveröffentlichte Statistik des Bonner Umweltministeriums in Frage: Die rund 15 000 Fremdarbeiter in den 13 deutschen Druckwasserreaktoren bekamen im Jahr 1997 etwa 89 Prozent der dort insgesamt registrierten Strahlung ab; der einzelne "Springer" erhielt im Schnitt eine mehr als doppelt so hohe Dosis wie die 4 300 normalen AKW-Angestellten. "Das bedeutet, die Leute haben auch ein doppelt so hohes Risiko, an Krebs zu erkranken", sagt der Marburger Nuklearmediziner Horst Kuni. Die Statistik zeigt auch, daß die Atomindustrie das Strahlenrisiko bei insgesamt sinkenden Werten seit 1980 immer stärker auf die Fremdarbeiter verlagert hat. Verbot in FrankreichThomas Schmidt war 1995 als Leiharbeiter dabei, als auf dem Siemens-Gelände im bayerischen Karlstein ein Heißdampfreaktor abgerissen wurde. "Es brannte, stank und staubte", erinnert er sich, "aber wir hatten nur Papiermasken." Auch Günther Rochner hat auf dem Karlsteiner Gelände gearbeitet. Bis 1991 war der 44jährige Maschinenschlosser aus Johannesberg bei Hanau dort im Plutoniumlabor beschäftigt; 1985 wurde er wie mindestens 40 andere Arbeiter im Abwassersilo der Anlage mit dem radioaktiven Americium 241 verseucht, als er strahlende Partikel einatmete. "Ich mache mir große Sorgen wegen der Inkorporation", sagt er. Bei seiner Arbeit erlebte Rochner ähnliche Szenen, wie sie die "Springer" aus Isar-1 schildern. Auch in Karlstein seien die Leiharbeiter regelrecht "verheizt" worden, hätten bei Strahlenalarm im Sperrbereich putzen müssen und hochkontaminierte Rohre ohne Schutzmaske demontiert. Türkische Arbeiter hätten unwissentlich ihre Pausen neben Behältern mit strahlendem Material verbracht.Das Bundesland Hessen wollte schon 1989 zumindest den Einsatz von ausländischen Leiharbeitern in den Atomkraftwerken ganz untersagen. Das Vorhaben scheiterte. Unterdessen startete die französische Regierung im vergangenen Jahr eine ähnliche Initiative zum Thema Leiharbeiter. Arbeitsministerin Martine Aubry untersagte der dortigen Nuklearindustrie mit einem weltweit einmaligen Erlaß, die rund 22 000 französischen "Atom-Nomaden" in die "heißesten" Zonen der Anlagen zu schicken. Thomas Schmidt müßte man eine solche Arbeit nicht mehr verbieten. Nie wieder würde er freiwillig noch einmal in einem Reaktor arbeiten, sagt der Mann, der fast zwanzig Jahre Leiharbeiter für die Atomindustrie war. Bald muß er zur nächsten Operation.