LEIPZIG/BERLIN, im Februar. Eigentlich wollten Sabine Müller und Udo Hartwig nicht darüber sprechen. Eigentlich will niemand darüber sprechen. Sabine Müller und Udo Hartwig haben in Wirklichkeit auch andere Namen. "Ich möchte nicht in dieser Umgebung genannt werden", sagt Hartwig. Sie sind Mittdreißiger, Journalisten. Müller arbeitet beim Rundfunk, Hartwig beim Fernsehen. An diesem Tag im Februar sitzen sie in einem Café in Berlin und versuchen, sich zu erinnern, wie es damals war. Sie waren eine Seminargruppe aus Leipzig. 120 Studenten im Jahrgang, sechs Gruppen. Seminargruppe 606, Rundfunk und Fernsehen. Die Studenten lernten zusammen, feierten zusammen, und als die Mauer fiel, standen sie am Ende ihrer Ausbildung. Die Zeit des Umbruchs war gut für Karrieren. Besonders für junge Journalisten aus der DDR. Sie starteten voller Hoffnungen in die neue Zeit. Bis einige die Vergangenheit einholte. "Mit Dörte fing es an", sagt Sabine Müller. Dörte Caspary, Rundfunkjournalistin, Korrespondentin in Moskau und Bonn, sollte vor drei Jahren die neue Sprecherin der SPD werden. Da tauchte ihre Stasi-Akte auf - sie hatte Mitschüler bespitzelt. Der Zweite aus der Gruppe war Ingo Dubinski, Moderator der Musiksendung "Wunschbox" im ersten Fernsehprogramm. Er hatte in seiner Armeezeit Berichte über seinen Zimmerkameraden verfasst. Dann geriet Hagen Boßdorf in Verdacht, Chefredakteur beim Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg. Ein Mann mit einer Bilderbuchkarriere. Ihn führte die Stasi als Inoffiziellen Mitarbeiter - während des Studiums. Er weist jeden bewussten Kontakt mit der Staatssicherheit von sich. "Es gibt keinen Grund, gegen ihn etwas zu unternehmen", sagt der ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen. Anhaltspunkte für eine aktive IM-Tätigkeit hätten sich nicht ergeben. Es ist alles so lange her. Die DDR. Die Staatssicherheit. Die Seminargruppe 606. "Manchmal denke ich, das ist unwirklich, so fern scheint es mir heute", sagt Sabine Müller. September 1986. Studienbeginn in der Ära Gorbatschow. Es war die Zeit, als Journalisten in der DDR nach Moskau schauten. Als die Parole "Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen" einen rebellischen Klang bekam. "Wir waren aufgewühlt. Es war eine unruhige Zeit", sagt Udo Hartwig. Journalisten lernten ihr Handwerk in der DDR am "Roten Kloster", so nannten viele die Sektion Journalistik an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Sie war ursprünglich in einem roten Backsteinbau untergebracht. Wer hier studieren wollte, musste neben einem Volontariat die positive Einstellung zum Sozialismus nachweisen. "Ich war dem Staat treu ergeben", sagt Sabine Müller. Hartwig war Parteimitglied. Wie rund neunzig Prozent der Journalistik-Studenten. Sie waren Kinder der DDR. Dennoch empfanden beide sehr schnell "die Sinnleere dieses Studiums". Die Berieselung mit Ideologie in Fächern wie APA, Aktuelles politisches Argumentieren. Sabine Müller schwänzte Vorlesungen, aber sie fühlte sich wohl im Kreis der Kommilitonen aus der Seminargruppe 606. Es war auch eine Art von Freiheit, erstmals allein, weg von der Familie. "Es gab viel Zusammenhalt in unserer Gruppe", sagt sie. Dörte Caspary fiel damals nicht besonders auf. Ingo Dubinski und Hagen Boßdorf aber hoben sich ab, weil sie schon früh besondere Begabungen zeigten - als Spaßmacher und Showmaster, als Sportreporter. Sie waren gut. Ehrgeizig. Während Udo Hartwig und Sabine Müller darüber nachsannen, ob sie das Studium nicht besser wieder abbrechen sollten, schienen die beiden genau zu wissen, wohin sie wollten.An der Leipziger Sektion gingen die Brüche der Zeit damals nicht spurlos vorüber. Die Freiräume wurden größer. Die Diskussionen lebhafter. "Wir haben sehr offen geredet", berichtet Udo Hartwig, "über Umweltverschmutzung, Perestroika, Neues Denken". Und die Stasi? Daran hat Hartwig so gut wie nie gedacht. "Man war froh, wenn der Kelch an einem vorüberging." Einmal hat ihn ein Stasi-Mann angesprochen, da hat er die Offerte abgelehnt. "Das war s dann auch." Sabine Müller ist nie kontaktiert worden. "Ich hätte das doch gleich überall rumerzählt." Beide haben eine Scheu zu bewerten, dass Kommilitonen bei der Stasi waren. Sie weichen aus. Sie sagen, sie könnten verstehen, wenn man sich nach 1990 nicht freiwillig offenbarte. Wer konnte schon ahnen, dass einmal alles an einer "Akte" gemessen würde? "Hätte Ingo Dubinski seine Kontakte gleich nach der Wende offen gelegt, hätte es das Ende seiner Karriere bedeutet", sagt Hartwig. "Selbst heute ist es kaum möglich, differenziert darüber zu reden." Es klingt genervt, es klingt hilflos.Spurensuche. Aus dem Uni-Turm, dem Hochhaus in der Leipziger Altstadt, sind die Journalistik-Professoren längst ausgezogen. Die ehemalige Sektion Journalistik heißt jetzt "Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft" und befindet sich im klassizistischen "Paulaner-Palais" ein paar hundert Meter entfernt. Die Zahl der Studenten, die Journalistik studieren, hat sich von 800 auf heute 1 500 fast verdoppelt. Von den rund hundert Professoren und Assistenten des alten Lehrkörpers haben nur zwei die Abwicklungen und Evaluierungen seit 1990 im Amt überstanden. Einer ist Professor Siegfried Schmidt, der kurz vor seiner Pensionierung steht. Der Kulturwissenschaftler erinnert sich gut an den Jahrgang von 1986. "Diese Studenten waren rebellischer als andere. Sie stellten mehr Fragen."Schmidt hat damals an die "Reformierbarkeit der DDR" geglaubt und die Mitarbeit bei der Stasi für unanständig gehalten. "Ich denke aber, dass sich in jeder Seminargruppe ein bestimmter Prozentsatz von Studenten befand, die der Staatssicherheit angehörten." Als er damit konfrontiert wurde, dass Studenten seine Vorlesungen mitschrieben und ihre Notizen dann an den Geheimdienst weitergaben, beschwerte er sich beim Rektor. "Es ist anzunehmen, dass ich deshalb nie ins westliche Ausland durfte", sagt er. "Zwei bis drei Leute pro Seminargruppe gehörten immer zu uns", bestätigt ein ehemaliger Agentenführer aus der HVA, der Auslandsaufklärung im Ministerium für Staatssicherheit. Er lebt wie Professor Schmidt in Leipzig und war damals für Journalistik-Studenten zuständig. Der Mann, ein Mittdreißiger, hat sich einen Panzer aus Argumenten zugelegt. "Stasi als alleiniger Hort des Bösen, wie es heute dargestellt wird, das ist doch gaga", sagt er. Zumal die meisten Journalisten nicht für Spitzeldienste im Inland, sondern für die Auslandsspionage angeworben wurden. "Und das ist ein moralisch legitimierter Job gewesen. Auch im Westen."Kurz nach Semesterbeginn lag in jedem Jahr die Liste der Leipziger Nachwuchsjournalisten bei der HVA. Einzelne Abteilungen konnten sich dann geeignete Personen auswählen. Beim Fernsehen soll der Anteil der Stasi-Mitarbeiter höher als in anderen Bereichen gewesen sein. Viele Fernsehleute konnten in den Westen reisen. Als Korrespondenten. Als Sportreporter. Wer eine solche Karriere im Sinn hatte, war für die Stasi interessant, weil er über Kontakte im Ausland berichten oder als Kurier fungieren konnte. "Mich haben sie gekriegt, weil ich den Wunsch hatte, schnell Karriere zu machen", berichtet ein Fernsehmoderator aus Leipzig, der von sich sagt, er sei von der Staatssicherheit benutzt worden, habe sich aber auch benutzen lassen. "Ich hatte einfach Angst, dass mir extreme Nachteile erwachsen, wenn ich Nein sage." Dass ein "Nein" in der Regel gar keine Konsequenzen hatte, wussten die Nachwuchsjournalisten damals nicht. Dass ein "Ja" aber positive Folgen hatte, war wohl jedem klar. Und das "Ja" wurde einem sehr behutsam nahe gelegt. Die internationale Lage sei angespannt. Da müsse jeder etwas für den Frieden tun. Man sei doch auch für den Sozialismus? Trotzdem gab es in den 80er-Jahren zunehmend Probleme mit der Rekrutierung. Drei Kandidaten aus dem 86er Jahrgang, die der Agentenführer anwerben wollte, lehnten ab. "Ich war vor den Kopf geschlagen, denn ich dachte, das sind Gesinnungsgenossen", sagt der Mann. "Aber damals hatte sich etwas geändert, wegen der Perestroika." Die Studenten erregten sich über die Verbote sowjetischer Filme und der Zeitschrift "Sputnik". Sie diskutierten über journalistische Ethik: Warum werden Interviews nicht live geführt? Wie kriegt man die Realität ins Bild? Wie ist ein kritischer Journalismus in der DDR möglich? "Wir waren ungeduldig", sagt Udo Hartwig. "Und ratlos." 1989 wurden die Debatten heftiger. Die Professoren waren erst irritiert. Dann überfordert. Und schließlich hilflos. "Es kamen keine Antworten mehr von oben", erzählt Professor Schmidt. Als ein Abgesandter der Abteilung Agitation des ZK der SED die Studenten an die Pflichten des "sozialistischen Journalismus" erinnerte, lachten sie ihn aus. Hagen Boßdorf gehörte damals zu den Aufmüpfigen, erinnern sich die Kommilitonen. Er sei auf Versammlungen aufgestanden und habe gesagt, man solle über die Zukunft der DDR reden und nicht über die Erfüllung von Studienplänen. Boßdorf spielte mit Ingo Dubinski auch in einem Theaterstück, das sich ganz verschämt über die Stasi lustig machte. Den DDR-Sozialismus, den stellte die Mehrheit der unruhigen Studenten nicht in Frage. "Ich habe mich in der DDR zu Hause gefühlt", sagt Sabine Müller. Als die Montagsdemonstranten direkt vor der "Sektion" am Uni-Turm vorbeizogen, waren die meisten denn auch fassungslos. "Wir hatten noch nicht zu Ende diskutiert", sagt die Journalistin selbstironisch. "Die Wende kam für uns zu früh."Notdürftig hielten einige Professoren den Lehrbetrieb aufrecht. Für die Seminargruppe 606 hatte im September das letzte Studienjahr begonnen; die Studenten schrieben an ihren Diplomarbeiten. Viele begannen zugleich, für die neuen, kritischen Programme in Rundfunk und Fernsehen zu arbeiten. "Wir sagten uns: Jetzt müssen wir den Journalismus machen, von dem wir immer geträumt haben", erinnert sich Udo Hartwig. Man kann sagen, dass sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. In allen Medien wurden junge Leute gebraucht, um die alten Eliten abzulösen. Es war eine Zeit großer Chancen. Einige aus der Seminargruppe halten heute noch Kontakt zueinander. Für sie macht es einen Unterschied, ob jemand bei der HVA war oder Kommilitonen anschwärzte. Ob er bis zum Schluss bei der "Firma" war oder sich aus eigener Kraft wieder löste, wie Dörte Caspary und Ingo Dubinski. Beim Fernsehen ist jeder Fall von einer Kommission geprüft worden. Caspary arbeitet weiter als Redakteurin. Dubinski moderiert wieder. Bei Boßdorf erhärtete sich der Verdacht nicht."Diese Studenten waren rebellischer als andere. Sie stellten mehr Fragen. " Ein Professor.DDP "Manchmal denke ich, das ist unwirklich, so fern scheint es mir heute. " Blick in einen Hörsaal in Leipzig.