Die Bundesregierung hat recht, wenn sie in ihrem neuen Strategiepapier schreibt: „Afrika ist ein Kontinent im Aufbruch.“ Was das Wirtschaftswachstum betrifft, hat Afrika alle andern Erdteile abgehängt. In dem Teil des Kontinents, der südlich der Sahara liegt und der gemeinhin Schwarzafrika genannt wird, wuchs das Bruttoinlandsprodukt in den meisten Staaten jährlich um fünf bis zehn Prozent. Afrika hat riesige Rohstoffvorkommen: an Erdöl, Diamanten, Kobalt, Bauxit. „Afrika ist ein Kontinent der Zukunft und der Chancen“, heißt es im Strategiepapier. Gewiss. Bloß stellt sich die Frage, ob es diese Chancen wahrnimmt, wahrnehmen kann, wahrnehmen will.

Nur wenige Stunden bevor das neue Afrika-Konzept im Kabinett verabschiedet wurde, töteten in Nigeria zwei Autobomben 118 Menschen. Und die nigerianische Terrororganisation Boko Haram, was so viel heißt wie „Bücher sind Sünde“, hält noch immer 223 Schülerinnen fest, die sie vor über einem Monat verschleppt hat.

Auf einem Antiterrorgipfel in Paris vereinbarten die Präsidenten fünf afrikanischer Staaten am Samstag einen Aktionsplan gegen den Terror. Am Dienstag fand ein weiterer Gipfel statt. Diesmal in Oslo. Auf einer Geberkonferenz wurden dem Südsudan 600 Millionen Dollar zugesagt – die Hälfte von dem, was die Uno für nötig hält, um vier Millionen Menschen mit Lebensmitteln, Medikamenten und Unterkünften zu versorgen. Der Krieg hat schon über 10.000 Menschen das Leben gekostet. Jetzt droht eine Hungerkatastrophe, weil Millionen von Bauern nicht aussäen konnten oder geflohen sind.

Vier Länder, vier Katastrophen

Zwischen dem Südsudan und Nigeria liegt die Zentralafrikanische Republik, ein zerfallender Staat, wo christliche Milizen trotz der Präsenz von 5000 Soldaten der Afrikanischen Union und 1600 französischen Soldaten systematisch die muslimische Bevölkerung vertreiben. Selbst da, wo man meinte, die Europäer hätten für Ruhe gesorgt, meldet sich der Krieg zurück: In Mali eroberte die Tuareg-Guerilla der MNLA am Wochenende in Kidal, der wichtigsten Stadt im Nordosten des Landes, das Gebäude des Provinzgouverneurs und nahm – vorübergehend – 28 Regierungsbeamte als Geiseln.

Vier Länder, vier Katastrophen. Alle weitgehend hausgemacht. Nigeria ist dank riesiger Erdölvorkommen der Staat mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt ganz Afrikas. Aber die meisten Menschen sind arm, weil das Öl vor allem die Klientel schmiert, die die Macht sichert. Im muslimisch geprägten Norden ist es Boko Haram gelungen, ungebildete, frustrierte Männer zu rekrutieren und eine antichristliche Miliz zu formen, die inzwischen auch im benachbarten Kamerun Terror verbreitet und offenbar mit islamistischen Milizen in Mali kooperiert.

Im Südsudan wurde ein Konflikt zwischen dem Präsidenten und seinem früheren Vize, bei dem es um die politische Macht ging, erfolgreich in eine militärische Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Ethnien überführt. Tausende wurden massakriert, Millionen vertrieben.

In der Zentralafrikanischen Republik, wo vor einem Jahr muslimische Milizen den christlichen Präsidenten aus dem Amt putschten, üben nun die christlichen Milizen grausame Rache. In Mali gelang es den Franzosen im letzten Jahr, den zunächst von Tuareg und dann von Islamisten kontrollierten Norden des Landes zurückzuerobern. Aber die Islamisten, die sich aus dem Drogengeschäft und über Lösegelder für die Freilassung entführter Personen finanzieren, haben sich nur in ihre Verstecke in der Wüste zurückgezogen.

Länder brauchen humanitäre militärische Hilfe

Zerfallende Staaten erleichtern das kriminelle Geschäft islamistischer Terroristen. Sie produzieren zudem Flüchtlingsströme. Auch Europa hat deshalb ein Interesse an einer Stabilisierung der Sahelzone. Die Länder brauchen Hilfe von außen – humanitäre Hilfe zur Verhinderung von Hungersnöten. Und auch militärische: Allein französischen Soldaten hat die Bevölkerung Nordmalis ihre Befreiung von der Herrschaft islamistischer Terroristen zu verdanken. In Zentralafrika können ausländische Soldaten ein zweites Ruanda verhindern. Dass sich auch deutsche Soldaten an der Ausbildung der malischen Streitkräfte und an der EU-Militärmission in der Zentralafrikanischen Republik beteiligen, ist nur zu begrüßen.

Denn ein Ende des Terrors ist die wichtigste Voraussetzung für eine Befriedung der Gesellschaften. Die Aussöhnung der nach Krieg und Massaker verfeindeten ethnischen oder religiösen Gemeinschaften aber kann nicht von außen aufoktroyiert werden. Die Lösung muss in diesen Ländern selbst heranwachsen. Sie wird viel Zeit in Anspruch nehmen – eher Jahrzehnte als Jahre.