Politik ist – so viel sollte klar sein – zu wichtig, um sie den Politikern zu überlassen. Denn Politiker, also jene trost- und herzlosen Gestalten, von denen man nichts anderes wissen muss, als dass sie zu viel Geld verdienen, schätzen nur, was sie beherrschen, und nichts beherrschen sie besser als die Kunst des Niedermachens des Rivalen, des rhetorischen Bodychecks. Politik, gute Politik, verlangt Handeln im wohlverstandenen Interesse aller. Aber der Berufspolitiker hat nur sein eigenes Interesse, das Interesse der Partei oder seines Lobbyisten im Auge, in dessen Auftrag er gegen Bezahlung den Volksvertreter spielt.

Politik, gute Politik, verlangt gestalterische Fantasie, Nähe zu den Menschen und die Bereitschaft zu Spontaneität. Aber Berufspolitiker verstauben im parlamentarischen Betrieb, verknöchern in Ausschüssen, versteinern in uralten Seilschaften und unsichtbaren Beziehungsgeflechten. Politik, gute Politik, die sich der Zukunft öffnet und den Menschen eine beglückende Perspektive für ihr Leben ermöglicht, verlangt also von keiner Routine verbrauchte, im wirklichen Leben verwurzelte, ins Gelingen verliebte Amateure, mit anderen Worten: Sie benötigt Seiteneinsteiger.

Aber Susanne Gaschke (SPD), eine Seiteneinsteigerin par excellence, ist gestern nach nicht einmal einem Jahr als Kieler Oberbürgermeisterin zurückgetreten. Warum? Nicht weil sie eine Seiteneinsteigerin, sondern weil sie nichts anderes als eine Seiteneinsteigerin war.

Susanne Gaschke, eine renommierte, erfahrene Journalistin ohne praktische Politikerfahrung, hat einen schweren Fehler gemacht, aber der hätte sie nicht das Amt gekostet. Sie hatte, um einen langjährigen Steuerstreit mit einem Kieler Arzt endlich zum Abschluss zu bringen, für die Stadt Kiel auf 3,7 Millionen Euro unter der Bedingung verzichtet, dass der Mann 4,1 Millionen Euro seiner Schuld bezahle. Die Eilentscheidung war nach Ansicht der Kommunalaufsicht rechtswidrig. Doch selbst kostspielige Fehlentscheidungen sind in Kommunen keine Rarität und führen auch nur selten zum Amtsverlust des Verantwortlichen, wie beispielsweise Klaus Wowereit (SPD) jederzeit bestätigen wird.

Schlechter Umgang mit Kritik

Nicht der Fehler hat Susanne Gaschke aus dem Amt geworfen, vielmehr ihr Umgang mit der Kritik an ihrem Fehler. Die Kritik war hart, aber begründet, sie kam nicht nur aus der oppositionellen CDU, nicht nur von Grünen, sondern auch aus der eigenen Partei. Kritik, Streit und Debatte sind keine Degenerationserscheinungen der Demokratie, sondern deren Voraussetzung. Susanne Gaschke aber sah sich von Anfang an als Opfer einer Verschwörungskampagne.

Hätte sich die Oberbürgermeisterin – nachdem ihr Fehler offensichtlich geworden war – dazu bekannt und öffentlich entschuldigt, wäre der Fall schnell vergessen gewesen. Aber mit jeder Verdächtigung, mit der sie Parteigenossen als Verantwortliche ihrer eigenen Fehlentscheidung bloßzustellen versuchte, mit jedem Versuch, die Debatte von ihrem objektiven Fehler als Oberbürgermeisterin zu verlagern zu ihrer subjektiven Betroffenheit als Person, wurde klarer, dass ihr für das politische Geschäft nicht nur die Nerven fehlen, sondern jeglicher Sinn für das Geschäft.

Nie in die Politik hineingefunden

Das hat sie mit ihrer Rücktrittserklärung noch einmal bestätigt. Es war die Erklärung einer Seiteneinsteigerin, die nach ihrer Wahl ins Rathaus nie in die Politik hineingefunden hat. Sie sagte, sie habe einen „neuen Politikstil“ gewollt, aber in der Politik ist es wie beim Tanzen: Über den Stil spricht man erst, wenn man die Grundschritte beherrscht. Sie sagte, sie wollte keine „kleinlichen Politikrituale“, aber der Streit um einen Rechtsbruch ist kein kleinliches Ritual. Sie sagte, mit ihr sei eine Frau gescheitert, „die nicht aus der Szene kommt“, eine Seiteneinsteigerin, „die nicht den üblichen Jargon spricht“.

Aber Gaschke ist als Frau im Amt so wenig gescheitert, wie sie es als Frau errungen hat, und selbstverständlich gehört sie seit langem zur Szene, nicht nur als gebürtige Kielerin, nicht nur als SPD-Mitglied seit einem Vierteljahrhundert, sondern als Frau eines langjährigen SPD-Bundestagsabgeordneten. Und gescheitert ist sie selbstverständlich auch nicht daran, dass sie nicht den – in der Tat unangenehmen, nichtssagenden – einschlägigen Jargon spricht, sondern weil sie das Recht nicht beachtet und mit Kritik nicht umzugehen weiß.

Die Politik braucht Seiteneinsteiger. Auch wenn die eingangs genannten Ressentiments nicht mehr sind als Ressentiments, ist klar, dass Vitalität und Offenheit nicht zu den Stärken des Betriebs gehören. Und es ist gut, wenn sich Seiteneinsteiger – wie Susanne Gaschke – nicht vom politischen Geschäft beherrschen lassen wollen. Aber umso besser sollten sie es dann selbst beherrschen.