Es ist viel gesiegt worden in den vergangenen Wochen. An Verlierer werden wir uns erst wieder gewöhnen müssen. Müssen, weil niemand mit besonderem Vergnügen Kriegsberichten lauscht, in Bombenkrater blickt oder Opfer zählt. Auf der Welt aber wird allerorten Krieg geführt, in Gaza, in Syrien, im Irak, in der Ostukraine. Und allerorten verloren, wie Kriege das an sich haben: Menschen verlieren ihre Heimat, ihren Besitz, ihr Leben. Zuvor haben Regierungen die Kontrolle über Konflikte verloren, die ihnen aufgezwungen wurden oder die sie selbst geschürt haben. Wenn es ein Gesetz des Verlierens gibt, heißt es Krieg. Er kennt keine Sieger, jedenfalls keine, die ohne Verluste blieben.

Selten haben derart viele Kriege zeitgleich unsere Aufmerksamkeit gefordert. Die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Milizen in der Ostukraine hatten gerade begonnen, als die islamistische IS sich anschickte, den Nordirak zu terrorisieren. Die Politik in Israel und Gaza wird beherrscht von Hass und Gewalt. Und schließlich verbindet der bereits zwei Jahre währende Bürgerkrieg in Syrien die Konflikte im Nahen Osten zu einem Flächenbrand. Drei Kriege, die nur Landesgrenzen voneinander trennen. Im Fall Syriens und des Irak ist diese Grenze nur noch eine imaginäre.

100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs wird daran erinnert, wie in einer ähnlichen Gemengelage die Diplomatie kapitulierte und ein irrlichternder Funke am Ende einen Weltenbrand entzündete. Auch heute wirken die Vermittler ratlos im Nahen Osten – und hilflos im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Ratlos, weil im Nahostkonflikt seit dem Scheitern des Oslo-Prozesses kein Frieden mehr zu machen war. Hilflos, weil in der Ostukraine niemand zur Verfügung steht, der über Frieden reden will. Allenfalls verhandelt man über einen Waffenstillstand, aber auch das nicht miteinander, sondern über Dritte.

Immerhin ist Waffenstillstand eine Voraussetzung für Verhandlungen. Eine weitere aber wäre, dass alle an diesem Konflikt Beteiligten sich zu erkennen geben. Solange Russland es gestattet, dass schweres Kriegsgerät heimlich über die Grenze in die Ukraine verschoben wird, kann mit seinen Vertretern nicht ernsthaft über deren Kontrolle verhandelt werden. Das Zugeständnis Moskaus, der OSZE Zutritt für Kontrollen zu gewähren, gilt nach der Vereinbarung der vier Außenminister Frankreichs, Russlands, der Ukraine und Deutschlands in Berlin zudem nur während eines Waffenstillstands. Noch ist der nicht einmal in greifbarer Nähe.

Stattdessen rüstet sich die russische Propaganda offenbar für neue Waffengänge. In den Abendnachrichten des russischen Staatsfernsehens wird ohne die Spur eines Belegs von Gräueltaten der ukrainischen Armee berichtet, die angeblich Kleinkinder kreuzige und Mütter zu Tode schleife. Seit Monaten befeuert das russische Fernsehen den Konflikt. In Gaza-Konflikt wiederum ruft die Hamas dazu auf, die Warnungen der israelischen Luftwaffe zu ignorieren und publikumswirksam den Märtyrertod zu sterben. Die moderne Kriegsführung wird auf diese, ihre wirksamste Waffe kaum verzichten wollen. Als Beweis für eine Beteiligung an kriegerischen Handlungen sollte die vergleichsweise leicht zu entlarvende Propaganda allerdings ebenso taugen wie die Überreste einer Panzerabwehrgranate.

In der Ukraine gilt zudem, dass sich alle Beteiligten über den Gegenstand ihrer Verhandlungen verständigen müssen. Die Regierung in Kiew kann den Separatisten im Osten des Landes Zugeständnisse machen. Sie kann Autonomie gewähren, den Status der russischen Sprache garantieren und Wahlen gewährleisten. Was sie dagegen nicht dulden kann, ist Sezession. „Land für Frieden“ ist in diesem Fall kein Konzept. Es hätte unabsehbare Folgen, nicht nur für die Ukraine.

Nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim kann es kein Zurück zur Tagesordnung geben. Der Beschluss der Generalversammlung der Vereinten Nationen ruft dazu auf, den Wechsel der territorialen Souveränität auf der Krim nicht anzuerkennen. Auch wenn die Bilder des russischen Präsidenten mit François Hollande und Angela Merkel nahelegen, man sei zum Status quo ante zurückgekehrt – das Völkerrecht verlangt, sich der normativen Kraft des Faktischen zu widersetzen.

Es leistet der Diplomatie Beistand. Auf der Krim jedenfalls bekommt Russland die Folgen seines Rechtsbruchs zu spüren. Der Preis für die Krim ist hoch. Der für die Ostukraine wäre unbezahlbar, wenn die Diplomatie sich an ihre Zusage hält und für diesen Fall Wirtschaftssanktionen verhängt. Diplomatie und Recht mögen schwach sein. Machtlos sind sie nicht.