Die israelische Regierung möchte den Gaza-Krieg beenden und würde deshalb gern die Feuerpause verlängern. Die Hamas lehnt das ab. Wenn bei den Verhandlungen in Kairo nicht doch noch eine Verlängerung zustande kommt, könnten die Raketenangriffe wie die Bombardements also weitergehen.

Die Empörung über diesen Starrsinn ist der radikal-islamistischen Palästinenser-Organisation gewiss. Doch wie immer im Nahost-Konflikt treffen auch in diesem Fall Aufteilungen in Gut und Böse nicht den Kern des Problems. Sie mögen zwar für Ideologen und manche Politiker nötig sein, aber eine stabile Lösung näher bringen sie nicht. Um eine wirkliche Lösung des Konflikts zu erreichen, ist es nötig, sich die Lage auch aus der anderen Perspektive anzusehen. Denn Israel hat sich durchaus nicht an das gehalten, was es bei früheren Waffenstillständen oder Abmachungen versprach. Still und leise waren in den Jahren nach solchen Vereinbarungen die Fischereizone wieder eingeschränkt, die Boykottliste erweitert, die Reisebeschränkungen verschärft worden. Dann flogen wieder Raketen aus Gaza gen Israel, die F16-Bomber aus Israel nach Gaza. Und wenn in manchen israelischen Orten derzeit gebrüllt wird „Macht aus Gaza einen Friedhof“, ist das keine vertrauensbildende Maßnahme.

Vertrauen? In die Hamas? In diese extremistische, terroristische Organisation? Die Zweifel sind berechtigt – und waren es einst aus israelischer Sicht auch mit Blick auf die PLO. Bis der damalige Premier Jitzhak Rabin mit der PLO das Friedensabkommen von 1993 schloss und dafür später von einem extremistisch-radikalen Israeli erschossen wurde.

Falls diesem Gaza-Krieg überhaupt etwas Positives abzugewinnen ist, dann die Erkenntnis, dass der Kreislauf der Gewalt nur gestoppt werden kann, wenn die Blockade des Gazastreifens ebenso endet wie der Raketenbeschuss auf israelisches Gebiet. Fatal und ein großes Hindernis allerdings ist jetzt, dass Israel – selbst, wenn es den kausalen Zusammenhang anerkennen würde – nicht einfach die Blockade aufheben kann. Da Krieg herrscht, und man in Kriegskategorien denken muss, hätte die Hamas diese Schlacht gewonnen.

Die Hamas wiederum kann, Zynismus hin oder her, die Feuerpause nicht akzeptieren, ohne die Garantie, dass das Ende der Blockade von Dauer ist. Dazu gehören die Aufhebung von Einschränkungen bei der Geldüberweisung, eine Ausweitung der Fangzone für Fischer, die Freilassung von Häftlingen genauso wie die Aufhebung der Reisebeschränkungen, Ausfuhrgenehmigungen für Produkte aus dem Gazastreifen, die Einfuhrerlaubnis für dringend benötigte Güter wie Baumaterial, medizinische Geräte und Ersatzteile. Hamas muss im Gegenzug den Raketenbeschuss vollständig einstellen, es darf keine Attentate mehr geben und keine anderen Bedrohungen.

Damit solche Abmachungen – wenn es dazu käme – tatsächlich eingehalten werden, braucht es die Hilfe der USA und weitaus mehr noch die der Europäer. Beide müssten von sich aus allergrößtes Interesse an der Dauerhaftigkeit einer Vereinbarung sowie der Rolle eines neutralen Schiedsrichters haben. Schließlich sollten sie nach dem nunmehr dritten Gaza-Krieg innerhalb der vergangenen sechs Jahre begriffen haben, dass sie bisher ihre Wiederaufbauhilfen, Entwicklungsgelder und Zuwendungen – und damit unsere Steuergelder – im Gazastreifen wie in einem schwarzen Loch versenkten. Kaum aufgebaut, wurden bald wieder zerstört: Flughafen und Hafen, Regierungsgebäude und Kraftwerk, Hospitäler und Abwasserkläranlagen.

Auch nach dem jüngsten, offiziell noch nicht beendeten Krieg, dürfen Amerikaner und Europäer wieder die Schäden beseitigen, werden wieder Hilfsgelder gebraucht. Doch wenn die Geber eben nicht wollen, dass das Aufgebaute in einigen Jahren wieder in Trümmern liegt, dann müssen sie auch Personal und Geld für die Bildung einer Kontrollinstanz aufbringen, die beide Konfliktparteien überwacht.

Das können und sollten die Deutschen keinesfalls allein sein, auch wenn sich die Israelis dies noch so sehr wünschen. Der Grund ist nicht, dass deutsche Aufseher in Israel überaus problematisch wären. Auch an ihrer Neutralität darf zu Recht gezweifelt werden. Dafür gibt es eine hinreichend bekannte Ursache: Deutschland hat eine besondere Verantwortung für Israel, was seine Politiker eisern als Pflicht zur einseitigen Parteinahme verstehen. Europäer und Amerikaner müssten also mit den Deutschen zusammenarbeiten. Wenn diese Mission nicht entsteht, wenn sie nicht unabhängig und neutral arbeitet, dann beginnt alles von vorn und in wenigen Jahren findet der nächste Gaza-Krieg statt.