Die Auflösungserscheinungen der Partei Alternative für Deutschland beobachtet der etwas ältere Zeitgenosse mit einigem Amüsement. Dass eine Parteineugründung die unterschiedlichsten Interessenten anzieht, dass es dauert, bis aus einem Auffangbecken für Unmut aller Art eine wirkliche Partei wird, das hat er alles – auf der anderen Seite des Parteienspektrums – vor ein paar Jahrzehnten bei den Grünen beobachten können.

Dort hatte es nicht nur mehr oder weniger spinnerte Einzelne gegeben, sondern auch Versuche massiver organisierter Einflussnahme. Einige der damals gerade scheiternden Aufbauer Kommunistischer Parteien nach 1968 hatten die Direktive ausgegeben, die bürgerlichen Grünen zu kapern und sie für die Stärkung der eigenen Schlagkraft zu nutzen. Die Berliner Alternative Liste war stark geprägt von der Politik von KPD-AO-Kadern, die fest entschlossen waren, den Massentransporter Grüne zu übernehmen. Die Parallelen zur AfD sind augenfällig.

Die Geschichte der Grünen entwickelte sich dann ganz anders. Die ehemaligen KPDler oder Sympathisanten derselben verwandelten nicht die Grünen, sondern sich selbst. Die Grünen waren Therapiestation für Spinnerte, Umerziehungseinrichtung für KP-Kader und ein Labor für die Entstehung einer neuen systemimmanenten Opposition. Sie waren das nicht, weil irgendjemand sie so wollte. Sie wurden es in den Kämpfen untereinander und in denen um die Gunst einer sich auch selbst wandelnden Bevölkerung. Die Grünen waren ein kleines Reagenzglas in dem großen Reagenzglas BRD.

Wird die Alternative für Deutschland eine ähnliche Entwicklung nehmen? Ich glaube nicht. In der Geschichte der Bundesrepublik ist es keiner der zahlreichen rechtsradikalen Parteien jemals geglückt, in den Bundestag zu kommen. Die AfD hat rechtsradikal auf Bundesebene keine Chance. Die Idee einer bürgerlichen Alternative zum herrschenden Euro-Konsens findet in vielen Ländern Europas zunehmend mehr begeisterte Anhänger. Die werden auch dort unterstützt von fremdenfeindlichen, rechtsradikalen Mitbürgern. Die bestimmen inzwischen das politische Klima in Dänemark, Frankreich, den Niederlanden, um nur einige Nachbarn zu nennen, kräftig mit.

Stark ausgeprägter Grundkonsens über die Vorteile unserer Verfassung

In Deutschland ist die Lage anders. Das mag mit unserer verhältnismäßigen Prosperität zusammenhängen, es mag zu tun haben mit der radikalen Zerstörung der Nation durch den Nationalsozialismus, auch mit der immer intensiver werdenden Auseinandersetzung damit. Vielleicht ist es auch der in Deutschland so stark ausgeprägte Grundkonsens aller Parteien des Bundestages – inklusive der Linken – über die Vorteile unserer Verfassung.

Das schließt radikale Horden, die Asylbewerberheime anzünden, türkische Gemüsehändler killen oder Juden auf offener Straße überfallen, nicht aus. Auch nicht folternde Polizeibeamte. Aber es entsteht immer seltener ein Konsens darüber, dass das hinzunehmende Gewalttaten gegen eine „drohende Überfremdung“ seien.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch“ schrieb Bertolt Brecht im wohl 1957 entstandenen Epilog zu seinem Theaterstück aus dem Jahre 1941: „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Man zitiert das gerne, wenn Rechtsradikale zuschlagen und Erfolge feiern. Wir setzen dazu ein betroffenes Gesicht auf und schlagen uns gegen die Brust. Beides ist gut. Wenn es uns hilft, gegen die Verbrechen und die Verbrecher vorzugehen.

Wir sollten aber lernen, dass es keinen Schoß gibt, der davor gefeit ist, dass Ungeheuer aus ihm kriechen. Vergangenes Jahr ging die Debatte darum, ob der Bundestag der NPD Räume freimachen müsse. Es war der NPD nicht etwa gelungen, Bundestagssitze zu erringen. Aber es gibt eine Regelung, dass deutsche Parteien, die im Europa-Parlament vertreten sind, Räumlichkeiten im Bundestag erhalten. Die 1,0 Prozent bei den Europawahlen im Mai vergangenen Jahres reichten für einen Platz dort. Die AfD erhielt damals sieben Sitze im Europaparlament.

Die junge Bundesrepublik hatte sich auf dem langen Weg nach Westen aufgemacht und versuchte als europäische Nation eine Neugeburt. Jetzt sieht es so aus, als würde ein neuer Hass auf die anderen von Europa aus geschürt. Die größere Gefahr für das westliche, das demokratische Europa scheint zurzeit nicht auszugehen von der AfD, nicht von der NPD, nicht von dem Nationalsozialistischen Untergrund, nicht einmal von dem Liebäugeln mit ihnen, das manche hochgestellte Persönlichkeiten der deutschen Sicherheitsorgane zeigen, sondern zum Beispiel vom französischen Front National oder der Dänischen Volkspartei.