Manchmal sind es nicht Staatsmänner, die Geschichte schreiben. Sondern Abgeordnete, Hinterbänkler, Dissidenten in den Parlamenten. Großbritannien hat in der Nacht zu Freitag solch einen historischen Moment erlebt: Zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren verweigerte das Unterhaus einem Premierminister die Unterstützung für einen Militäreinsatz im Ausland. Die Briten werden sich nicht an einer Intervention in Syrien unter Führung der USA beteiligen. Nach den vermeintlichen Giftgas-Attacken hatte der konservative Premier David Cameron wie kein zweiter dafür getrommelt. Nun ist er bis auf die Knochen blamiert.

Die Briten entscheiden sich für das, was sie für einen typisch deutschen Spleen halten: für militärische Zurückhaltung. Der Parlamentsbeschluss ist ein ungeheuerlicher Vorgang, weil er die besondere Beziehung („special relationship“) zwischen den USA und dem Vereinigten Königreich infrage stellt. Und weil er der politischen Elite des Landes vor Augen führt, was sie seit der Suez-Krise von 1956 hätte wissen müssen: dass Großbritannien keine Weltmacht mehr ist, die in allen Winkeln der Erde eigene Interessen verfolgt und auch willens und in der Lage wäre, diese mit militärischen Mitteln durchzusetzen.

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Das Votum des Unterhauses sagt eine Menge aus über das Denken und die Befindlichkeit der Westeuropäer zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Sie sind nicht mehr bereit, ohne weiteres an der Seite der Amerikaner zu den Waffen zu greifen. Die Deutschen sind es ohnehin nicht, taten es in der Vergangenheit aber doch hin und wieder, wenn sie sich dem internationalen Druck nicht entziehen konnten. Die Franzosen sind es seit dem Irak-Krieg von 2003 nicht mehr. Und nun gilt das auch für die Briten. Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung in den europäischen Staaten Militäraktionen ausgesprochen kritisch gegenüber steht.

Hollande ist entschlossen

Viele Bürger sehen einfach nicht ein, warum ihr Land unbedingt in Syrien, in Libyen, in Afghanistan kämpfen muss. Die Menschen in den meisten Ländern Europas leiden unter einer fürchterlichen Wirtschaftskrise und dem Sparkurs der nationalen Regierungen. Öffentliche Investitionen werden zusammengestrichen, das Sozialsystem schrumpft, das Bildungswesen blutet aus. All das verträgt sich nicht mit kostspieligen Militäreinsätzen. Noch größer werden die Zweifel, wenn Interventionen – wie im Falle Syriens zu erwarten – außerhalb des Völkerrechts stattfinden und keine Erlaubnis des UN-Sicherheitsrats vorliegt.

Der französische Staatspräsident François Hollande scheint weiterhin entschlossen zu sein, sich an einem Militärschlag gegen das syrische Regime zu beteiligen. Wenn er nun aber mehr Zeit für die Diplomatie fordert, so ist das auch der Versuch, die innenpolitischen Risiken zu minimieren. David Cameron wiederum hat die Stimmung seiner eigenen Fraktion vollkommen falsch eingeschätzt. Das sagt eine Menge über seine Führungsqualitäten aus. Und Deutschland, das aus nachvollziehbaren Gründen in Militärfragen ohnehin zögerlich ist?

Die Bürger sind skeptisch

Die wahlkämpfende Bundesregierung fürchtet nichts mehr als eine Verwicklung in den syrischen Bürgerkrieg. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) räumt aber auch offen ein, dass man von den Partnern gar nicht erst gefragt wurde. „Zum Glück!“, werden sie hinter vorgehaltener Hand im Berliner Regierungsviertel sagen.

Amerikanische Politiker haben immer wieder beklagt, dass sich die Europäer ihrer weltpolitischen Verantwortung entziehen. Und zwar auf Kosten der USA. Meistens wird dieser Vorwurf innerhalb der Nato vorgebracht: Während die europäischen Staaten ihre Verteidigungsbudgets stetig abschmelzen, müssen die hoch verschuldeten Amerikaner immer mehr Aufgaben übernehmen.

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Von Washington aus gesehen dürfte das britische Nein zu einem Militäreinsatz in Syrien ein weiterer Beweis dafür sein, dass man sich auf die Europäer nicht verlassen kann. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass die Amerikaner erheblich zur Kriegsunlust ihrer europäischen Verbündeten beigetragen haben.

Es ist erst zehn Jahre her, dass die Regierung von Präsident George W. Bush ein gigantisches Lügengebäude errichtete, um den Einmarsch der US-Streitkräfte im Irak zu rechtfertigen. Die vermeintlichen Beweise für die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen waren gefälscht. Das gleiche schmutzige Spiel spielte damals die britische Regierung.

Wie glaubwürdig ist angesichts dieser Erfahrung die Behauptung westlicher Geheimdienste, es sei erwiesen, dass das syrische Regime für den jüngsten Giftgas-Tod Hunderter Zivilsten verantwortlich ist? Die Bürger und ihre Abgeordneten sind skeptisch. Man kann es ihnen nicht verdenken.