Abends, wenn der Schlaf nicht kommen will, sagt sie manchmal fragend zu sich: Anneliese, was ist nur aus dir geworden? Es ist ein leiser Satz der Verzweiflung. Anneliese P. ist 96 Jahre alt, zu gesund, um zu sterben und zu kraft- und lustlos, um weiterleben zu wollen.

Ein gewöhnliches Drama des Alterns. Ihr Gehirn hat viele Funktionen, die es zum Bestehen im Alltag braucht, bereits gelöscht. Aber es ist zu ihrem Unglück noch genug da, sich der Aussichtslosigkeit ihres vergehenden Daseins bewusst zu sein. Am nächsten Morgen einfach nicht aufzuwachen, sagt sie, sei ihr sehnlichster Wunsch. Wahrscheinlich geht er irgendwann sogar in Erfüllung. Doch bis dahin wird ihr die Zeit unbarmherzig lang.

Dabei hat es das Schicksal nicht schlecht gemeint mit ihr. Stets lebenslustig, hat die berufstätige Frau die meiste Zeit nach dem großen Krieg in bescheidenem Wohlstand und bei guter Gesundheit verbracht. Das Heim, in das sie umziehen musste, rühmt sich seiner Pflegenoten. Das Personal ist nach Kräften bemüht, und doch will der verbliebene Rest ihres Lebens in Würde hier nicht gelingen.

Letzter Rest Lebensqualität

Es wäre jedoch zu einfach, die Klage an ein Gesundheitssystem zu richten, das für die letzte Phase des Lebens nur unzureichende Lösungen parat hat. Am Ende besteht der Alltag aus zu vielen Erfahrungen des Scheiterns.

Für Anneliese P. zum Beispiel bestünde ein letzter Rest Lebensqualität darin, den sich immer weiter verengenden Aktionsradius noch einige Zeit selbst zu bestimmen. Dazu bedürfte es für die Generation Rollator mehr als das Angebot geregelter Pflegeleistungen.

Zuhören könnte helfen. Seit ihrer Ankunft im Heim scheitert das schon daran, dass sie das ihr zur Verfügung stehende Senioren-Telefon nicht mehr bedienen kann. Ich bin dafür zu dumm geworden, sagt sie, um eine Selbstironie bemüht, die nicht zu bitter geraten soll. Und doch liegt sie mit ihrer Selbsteinschätzung richtig. Sie verfügt nicht mehr über die nötige Feinmotorik zum kurzen Drücken der kleinen Tasten. Und ein Teil ihres Leidens besteht je gerade darin, dass sie sich ihren Zustand als individuelles Versagen zuschreibt.

Zustand der Selbstzufriedenheit

Als die Beatles sich einst ihr fortgeschrittenes Lebensalter ausmalten, hofften sie auf gediegene Aktivitäten jenseits der 64. Kleine Ausflüge in die Umgebung, Gartenarbeit, Sicherungen wechseln. Lennon und Co. besangen einen Zustand der Selbstzufriedenheit, in dem sie das meiste bereits hinter sich hatten.

Wer heute 64 ist, dürfte eine derart biedere Beschränkung empört zurückweisen. Nichts hält die fitten Rentner unserer Tage selbst jenseits der 80 von üppigen Fernreisen ab, und wenn sie zurückkehren, steigen nicht wenige hinter das Steuer eines hochmotorisierten SUV, um wieder ihren Geschäften nachzugehen.

Alt sind die anderen. Und obwohl sich die Phänomene des physischen Nachlassens nicht länger dauerhaft verdrängen lassen, scheint das Alter in der öffentlichen Wahrnehmung nur mehr eine kurze Phase am Ende des Lebens zu sein, die es so lange wie möglich aufzuschieben gilt.

Doch der enorme Hinzugewinn an Aktivitäten und Möglichkeiten kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ein weitgehend ausgeblendetes massenhaftes Altersleiden gibt. Anneliese P. hat dem Selbstbild der fitten Alten lange genug entsprochen. Umso unerträglicher wird ihr nun das bloße Warten auf den Tod.

Angst vor dem Aufwachen

Gewiss, es gibt inzwischen vielfältige Formen der Linderung. Die Fortschritte der Palliativmedizin ermöglichen selbst bei gravierendem körperlichen Verfall einen beinahe schmerzfreien Tod. Der Vielfalt an medizinischen Lösungen steht jedoch eine weitgehendes Ignorieren der seelischen Erschütterungen gegenüber, mit denen die ältesten Alten häufig alleingelassen werden. Ärger als die Angst vor dem Tod ist vielen längst die Angst vor dem Aufwachen.

Tatsächlich ist das Thema der Altersdepression arg vernachlässigt. Nur etwa sechs Prozent der Menschen, die sich wegen Depressionen behandeln lassen, sind Alte, und die Zahl der Suizide steigt.

Jenseits der Entwicklung zusätzlicher medizinischer und technischer Lösungen für die enorm gedehnte Zeit des Alterns braucht es ein verändertes Bewusstsein für den Übergang von rasender Geschäftigkeit in eine Zeit des Abschieds. Während die wachsende gesellschaftliche Kohorte der umtriebigen Alten alles daran setzt, sich, so lange es geht, in gewohnter Stärke zu präsentieren, mangelt es an einer Würde der Schwäche.

Die auf permanente Optimierung und Selbstverbesserung setzende Gesellschaft hat kaum angemessene Antworten auf die vielfältigen Erfahrungen des Nachlassens. Dabei könnten gerade die dabei helfen, nach Phasen der Schwäche noch einmal in aller Ruhe weiterzumachen.