Am Willen zur großen symbolischen Geste hat es nicht gemangelt, politisches Spitzenpersonal war hinreichend versammelt. Und doch hat kaum jemand Notiz davon genommen, als Bundeskanzlerin Angela Merkel und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso vor einigen Tagen in Berlin das Gemeinschaftsprojekt für ein neues europäisches Leitmotiv vorstellten. In dem von 20 Künstlern und Intellektuellen zu entwerfendem Baukasten für ein neues Europa wird nicht weniger als ein Paradigmenwechsel gefordert, eine Art neuer Renaissance von der Dimension des geistigen Erwachens im 15. und 16. Jahrhundert. Die Politik müsse von der Kunst lernen, neue Denkansätze zu wagen, lautete die Botschaft des Berliner Treffens. Gefragt seien mutige, erfindungsreiche und informierte Politikerinnen und Politiker, die die Sprache der neuen politischen Gestalt Europas sprechen und verstehen.

Was als erbauliches Signal zur Sinnstiftung durch empfindsame Künstlerseelen gedacht war, wurde auf dramatische Weise übertönt durch das lärmende Klappern militärischen Geräts auf der Krim. Dabei hat Wladimir Putins robuster ethnischer Chauvinismus mehr gestört als nur eine Feierstunde mit Dichtern und Denkern. Das Desaster der europäischen Politik offenbart sich nicht allein in der Rat- und Hilflosigkeit gegenüber der geostrategischen Chuzpe des russischen Präsidenten. Hinfällig erscheint angesichts der Zerreißprobe um die Ukraine auch das für die Geschichte Europas so bedeutende Leitmotiv der Nachkriegszeit, Frieden durch einen gemeinsamen Markt geschaffen zu schaffen. Glaubt man, mit dem Begriff Krim-Krise noch einen lokal begrenzten Konflikt beschreiben zu können, so markiert diese längst einen Wendepunkt für die hehren Ziele der europäischen Idee. Das Konzept der europäischen Ausdehnung und Vernetzung ist an eine Grenze gestoßen, die die kunstvolle Verknüpfung von Politik, Diplomatie und wirtschaftlicher Durchdringung zurückgeworfen hat in ein zumindest in den weltpolitischen Zentren überwunden geglaubtes Zeitalter ungenierter Machtpolitik.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.