Leitartikel: Identität im Wandel

Irgendwann Mitte der 60er-Jahre bat ich meinen Onkel, der bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Prokurist arbeitete, darum, mir aus deren Archiv den Aufsatz über „Was ist deutsch“ von Theodor W. Adorno zu besorgen. Er tat das, wollte mir den Text aber nicht schicken. Ich sollte ihn mir in seinem Büro abholen. Als ich vor ihm stand, sagte er: „Was erwartest du dir? Was weiß ein Jude schon über das Deutsche!“ Natürlich war der Aufsatz Adornos hundertmal intelligenter als alles, das ich in meiner Familie über dieses Thema erfahren hatte.

Wenn ich heute höre, wer alles sich fragt, ob dieser oder jener Deutscher sei, fällt mir mein Onkel ein. Der hatte einst zugesehen bei der mörderischen Definitionsanstrengung der Nationalsozialisten. Das Deutschland, in dem er nach dem Kriege zu einigem Wohlstand kam, war das deutscheste Deutschland, das es jemals gegeben hatte. Allerdings war dieses deutsche Deutschland zu schwach für den Aufschwung, den es sich vorgenommen hatte. Es brauchte Arbeitskräfte. Es kamen, wie Max Frisch einst sagte, Menschen. Es dauerte lange, bis sie Bürger werden durften.

Die Frage „Was ist deutsch?“ hat in diesen Tagen wieder Konjunktur. In einer gerade veröffentlichten Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung wurde die Frage gestellt: „Wenn Sie an Deutschland denken: Welches historische Ereignis beschreibt für sie am besten dieses Land?“ 48,8 Prozent der mehr als 8000 Befragten antworteten: Mauerfall und Wiedervereinigung. 15,9 Prozent dachten an den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus.

Zwischen Caspar David Friedrich und Max Beckmann

In Paris wurde vergangenes Jahr eine große Ausstellung „De l’Allemagne“ gezeigt. Sie beschäftigte sich mit der deutschen Malerei zwischen Caspar David Friedrich und Max Beckmann. Es war ein Fest der deutschen Romantik und des Expressionismus. Es war das alte Deutschlandbild: Tatenarm und gedankenreich. Die Autoren des Katalogs schrieben fast ein wenig verzweifelt gegen diese an den Realitäten des deutschen 19. Jahrhunderts vorbeizielende Präsentation an.

Ganz anders die derzeit in London laufende, von Neil MacGregor eingerichtete Ausstellung „Germany – Memories of a Nation“. Der Chef des British Museum findet, die Briten sollten von Deutschland lernen: Es habe profitiert davon, sich seinen Verbrechen zu stellen. Die Geschichtsschreibung sei in Deutschland nicht die Schilderung des Triumphzugs der Nation, sondern immer auch eine Erinnerung daran, dass wann immer man groß gesiegt, auch gewaltige – nicht nur moralische – Niederlagen erlitten habe.

MacGregor wendet sich gegen die bei uns gerne zitierte englische Redensart „right or wrong – my country“ und plädiert für den deutschen Weg, das Richtige und das Falsche, auch wenn es um die eigene Nation geht, klar zu benennen. Von Deutschland lernen – in Paris hieß das noch 2013 wie 1813, als Madame de Staëls Buch „De l’Allemagne“ veröffentlicht werden durfte: Romantik und Tiefsinn vom östlichen Nachbarn abschauen. In London bei MacGregor heißt von Deutschland lernen: fähig sein zur Kritik an der eigenen Geschichte.

Deutsch ist, was wir dazu machen

Was ist deutsch? Deutsch ist, was wir dazu machen. Darum werden die Historiker es uns nicht erklären können. Auch die Ausstellung, die ab kommenden Mittwoch im Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn besichtigt werden kann „Immer bunter – Einwanderungsland Deutschland“, wird uns das Deutsche nicht liefern können.

Ihr Deutschland erkennen 48,8 Prozent der von dem Berliner Institut Befragten im „Wahnsinn“ des Mauerfalls. In der Nacht vom 9. November 1989 wurde ein neues Deutschland geboren. Es war offenbar keine Wiedervereinigung, sondern das Erlebnis eines Anfangs. Die Erfahrung, dass Dinge veränderbar sind. Auch das Deutsche und die Deutschen. Der Nationalsozialismus ist nicht mehr die Vergangenheit aller Deutschen. Es gibt Deutsche, die sind Boat-People – aus Vietnam oder aus Libyen. Deutsche sind die, deren Verwandte in den Konzentrationslagern umgebracht wurden und ebenso die, die dort umgebracht haben. So sind jetzt auch Deutsche die, die aus brennenden Dörfern flohen – in Syrien, im Kongo, in Sri Lanka oder beim Nato-Partner Türkei – wie die, die diese Dörfer anzündeten.

Deutsch wird das sein, was wir alle aus all diesen Geschichten machen werden. Deutsch ist ein niemals abgeschlossener Fortsetzungsroman. Um mit den Worten des von meinem Onkel geschmähten Adorno zu enden: „Nicht in hoffnungslosen Versuchen, festzustellen, was das Deutsche nun einmal sei, ist der Sinn zu vermuten, den dieser Begriff noch behaupten mag: im Übergang zur Menschheit.“