Leitartikel: Superstar Deutschland, Sehnsuchtsstadt Berlin

Das Goethe-Institut hat eine Online-Befragung zur europäischen Kultur durchgeführt. 22 235 haben die Fragebögen ausgefüllt und sich so zum Beispiel dafür entschieden, den Eiffelturm für das bedeutendste europäische Bauwerk zu halten. Es gab 16 Fragen. Das Übliche: In welchem europäischen Land – abgesehen von Ihrem Heimatland – würden Sie am liebsten leben?

Wie sehr fühlen Sie sich als Europäer? Welches Land verkörpert am meisten die Zukunft Europas? Welche ist die ergreifendste literarische Figur der europäischen Literatur? Welcher ist der bedeutendste Beitrag Europas zur Weltkultur? Der bedeutendste Künstler? Der wichtigste Politiker? Die beste Küche? Der größte Sportler? Der beste Film? Welche Sprache sollte man können? Die attraktivste Stadt? usw.

Auf der Insel der Seligen

Berlin ist die beliebteste Stadt, Deutschland das beliebteste Land, Angela Merkel die wichtigste Politikerin von allen Lebenden und allen Toten. Bei den Filmen führt zwar „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni, aber dann kommt schon „Das Leben der Anderen“, und auf den Plätzen vier und acht liegen „Good Bye, Lenin!“ und der „Himmel über Berlin“. Spätestens jetzt reibt sich der Leser die Augen und sieht nach. Aha: 3 379 Deutsche, 2 006 Serben, 1 906 Italiener, 1 474 Ungarn, 1 710 Franzosen, Spanien 1183 usw. Die Deutschen haben sich also selbst gewählt?

Bei Angela Merkel ist das vielleicht richtig. Da führt bei den Franzosen Charles de Gaulle, bei den Engländern Churchill und an zweiter Stelle Merkel. Bei den Italienern sieht es genauso aus. Nach Merkel kommt dort übrigens auf Platz 3 Willy Brandt und erst auf Platz 4 ein Italiener, der Gründer der italienischen Christdemokraten Alcide de Gasperi. Auch bei unseren westlichen Nachbarn steht Berlin vor Paris, und vierzig Prozent der Befragten würden gerne einmal in Deutschland leben.

An zweiter Stelle mit nur 13 Prozent steht Italien. Im Vereinigten Königreich erklärten 39 Prozent, sie würden gerne einmal in Deutschland leben, und nur 12 Prozent zogen Frankreich vor. Selbst unsere östlichen Nachbarn, die Polen, mögen am liebsten mal in Deutschland leben. Sie ziehen übrigens Paris Berlin vor. Aber hören wir auf, uns an diesem Deutschland über alles zu begeistern.

Obwohl ein wenig Begeisterung gar nicht schlecht wäre angesichts unseres leidenschaftlichen Verhältnisses zum Klagen, ja zum Heulen und Zähneklappern. Wir leben – in den Augen der Welt – auf einer Insel der Seligen. Die Umfrage des Goethe-Instituts erinnert uns daran, dass es seit Jahrzehnten kaum einem Land so gut geht wie Deutschland. Übrigens ganz unabhängig davon, welche Partei gerade regiert.

Nirgends ist es billiger

Deutschland ist für viele in der Welt so etwas wie die reale Utopie. Selbst für die, die schon hier waren. Es lebt sich angenehm in Deutschland, und es lebt sich besonders angenehm in Berlin. Es gibt keine Großstadt, die billiger ist als Berlin. Vielleicht gibt es keine Stadt auf der Welt, die kulturell so viel zu bieten hat. Es gibt drei Opernhäuser, es gibt Sasha Waltz und das wahrscheinlich beste Orchester der Welt, Hunderte von Clubs, zig Theater und alles bezahlbar. Wer je versucht hat, in London, New York, Paris mit vier, fünf Leuten zusammen ins Theater und danach essen zu gehen, der weiß, wie schön wir es haben.

Noch. Es fehlt ja nicht an Versuchen, dieses Deutschland zu zerstören. Nicht nur der Nationalsozialistische Untergrund versucht das und auch nicht nur islamistische Terroristen – das wird auch an ganz anderen Stellen versucht. Deutschland wird ja nicht nur wegen seiner Autos, seiner Technologie bewundert. Die Menschen würden gerne hier leben, weil es sich in Deutschland friedlicher leben lässt als an vielen anderen Stellen der Welt. Die Utopie Deutschland basiert auf dem wirtschaftlichen Erfolg des Landes. Aber wichtiger noch ist, was daraus gemacht wurde, wie mit ihm umgegangen wird.

Deutschland ist für viele eine Utopie, weil sie den Eindruck haben, hier gelinge es, die Früchte des wirtschaftlichen Erfolgs besser zu verteilen. In den Augen der Welt ist Deutschland eines der wenigen Länder, in denen so etwas wie ein sozialer Kompromiss gelungen ist. Hier gibt es noch eine produzierende Mittelklasse, die die Wirtschaft immer wieder ankurbelt.

Eine Mittelklasse, die nicht bereit ist, sich an ein paar Superreiche zu verkaufen. Eine Mittelklasse, die nicht einfach zuschaut oder gar mithilft, wenn ein Großteil der Bevölkerung verarmt. Es ist dieses Deutschland, an das unsere Nachbarn glauben. Es ist dieses Deutschland, in dem sie die Zukunft Europas sehen. Es ist aber auch dieses Deutschland, von dem wir wissen, dass wir uns sehr anstrengen müssen, es gegen seine Zerstörer zu erhalten.