Die Fraktionsgeschäftsführerin der Linken, Petra Sitte, hat am Dienstag einen bemerkenswerten Satz gesagt. Auf die schwierige Situation des Krim-Konflikts bezogen sagte sie: „Es hat niemand eine fertige Antwort.“ Was wie eine inhaltsleere Plattitüde klingt, ist überaus bemerkenswert. Nicht zuletzt, weil die linken Linken oft den Anschein erwecken, auf alles eine fertige Antwort parat zu haben, sei es eine ideologische, rechthaberische oder eine voluntaristische. Voluntaristen sind Leute, die glauben, die Welt werde sich ihrem Willen schon fügen. Davon finden sich in der Linken nicht wenige.

Dabei hätte die Linkspartei in der Ukraine-Krise eine wichtige politische Rolle einnehmen können. Denn während sich die große Koalition mitsamt der Grünen frühzeitig festlegten, hatte die Linke von Beginn an auch die russischen Motive im Visier. Zugleich verwies sie auf die dunklen Seiten der ukrainischen Protestbewegung, die Rolle der mächtigen Oligarchen und den wachsenden Einfluss der rechtsextremen Kräfte auf dem Maidan. Als der Konflikt eskalierte und das Thema quer durch alle Talkshows aufgerufen wurde, da wusste Fraktionschef Gregor Gysi als einer der Ersten um die ganze Bandbreite der komplexen Lage.

Die Linke unternahm dann aber bald einiges, die gewichtigen Argumente rasch wieder zu verspielen, allen voran die stellvertretende Partei- und Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht. Bei einem Pressefrühstück, das sich hart am Rande des Eklats bewegte, sagte sie, das Referendum auf der Krim sei lediglich „formal“ verfassungswidrig. Ohnehin mache Russland doch bloß, was auch der Westen im Kosovo getan habe. Während Wagenknecht also für Wladimir Putin mildernde Umstände fand, nahm sie vehement Anstoß am Vorgehen der Bundesregierung. „Eine Putschregierung, der Neofaschisten und Antisemiten angehören, kommt mit dem Segen von Merkel und Steinmeier ins Amt“, sagte sie und attestierte dem SPD-Außenminister eine „zutiefst heuchlerische Außenpolitik“. Polemik und ideologische Verbohrtheit geht vor Problemorientierung. Das war auch schon so, als Wagenknecht und deren Anhänger eifrig damit befasst waren, der Europäischen Union das Etikett „militaristisch“ anzukleben und sie eine „Fassadendemokratie“ zu nennen. Doch wenn der im Kreml regierende Ex-KGB-Agent Soldaten marschieren lässt, meinen sie, damit leben zu können. Auch nicht schlecht geheuchelt.

Mal abgesehen davon, dass die Angriffe der linken Linken auf Union, SPD und Grüne beleidigend sind, so lassen sie auch tief blicken. Sie zeigen nicht bloß, dass Wagenknecht den einstigen Bundesgenossen im Osten geistig näher steht als dem demokratischen Westen. Sie zeigen überdies einen Mangel an Verantwortungsbewusstsein, weil innenpolitische Geländegewinne wichtiger scheinen als eine friedliche Lösung der Krim-Krise. Damit bestätigt die Wagenknecht-Linke sämtliche Vorurteile und evoziert ihrerseits Ressentiments. Das lässt für künftige Koalitionsüberlegungen nichts Gutes erahnen. Unter solchen Umständen wird es eine rot-rot-grüne Koalition nicht geben. Wenn die linken Linken den nun entstandenen Eindruck nicht korrigieren, werden den Befürwortern eines Linksbündnisses in den anderen Parteien die Argumente ausgehen. Die Sache wird sich dann weit vor 2017 erledigt haben.

Wie gesagt: Außenpolitisch könnte die Linke derzeit Punkte machen. Mehr als um ein bloßes Verständnis für Russland geht es um die Weitung des geopolitischen Blicks. Mit ihrer Kritik an Rüstungsexporten hat die Partei ein Alleinstellungsmerkmal. Das Nein zum Afghanistan-Einsatz war von heute aus gesehen eine überaus pragmatische Position. Trotzdem wird die Linke an einem verinnerlichten Ja zum Westen, seinen Werten und maßgeblichen Institutionen nicht vorbeikommen. Sozialdemokraten und Grüne werden nicht bereit sein, sich von Wagenknecht ins bündnispolitische Nirwana führen zu lassen und das Land einer wortgewaltigen Hasardeurin zu überantworten.

Auf Wagenknecht aber wird es ankommen. Die 44-Jährige dürfte spätestens 2016 mit Dietmar Bartsch zur Vorsitzenden der größten Oppositionsfraktion aufsteigen. Viel wird von ihr abhängen, ob sich die Linke weiter in ihrem Populismus gefällt oder eine ernstzunehmende politische Kraft sein will. Wagenknecht verfügt über beachtliche intellektuelle Fähigkeiten. Die Begabung, sich die Grenzen des eigenen Denkens und die Grenzen der Veränderbarkeit der Welt bewusst zu machen, ist allerdings spürbar unterentwickelt. Ein Satz wie der ihrer Kollegin Petra Sitte, niemand habe eine fertige Antwort, könnte ein bedeutender Anfang sein.