Sie haben sich dann doch noch angenähert: Angela Merkel und François Hollande. Spät, aber immerhin, haben sich die beiden auf ein gemeinsames Vorgehen in der Euro-Krise verständigt. Es gibt ein Eurozonen-Budget für Reformprojekte nach dem Prinzip Geld gegen Leistung, eine Forderung Merkels, und einen festen Präsidenten der Eurogruppe, ein Anliegen von Präsident Hollande. Daneben wird die Macht der Europäischen Zentralbank bei der künftigen Abwicklung maroder Banken beschnitten, ein Wunsch von beiden, der das europäische Spiel von gemeinsamen Institutionen hin zu den Mitgliedstaaten verlagert. Weniger Europa wagen.

Das gemeinsame Papier für den EU-Gipfel im Juni hat eine symbolische Bedeutung. Berlin und Paris versuchen es wieder miteinander. Wenn auch auf kleiner gemeinsamer Basis. Frankreich erhält seine europäische Wirtschaftsregierung. Die hatte es schon länger gefordert. Herauskam 2004 die Eurogruppe, die formal nicht über Entscheidungsbefugnisse verfügt, in der Krise aber informell zu einer Art Nebenregierung in Europa aufgestiegen ist.

Merkel und Hollande haben zu einer pragmatischen Kooperation gefunden. Mehr nicht. Doch im Rückblick wird auch das Duo Merkel und Sarkozy leicht verklärt. Beide haben lange gebraucht, um zu Merkozy zu verschmelzen. Es war eine Zweckehe, keine Liebesheirat. Europa war sogar reichlich genervt von dem dominierenden Duo. Schon der Auftakt zur Partnerschaft im Oktober 2010 war ein Affront. Merkel und Sarkozy verkündeten ihre Einigung im Euro-Streit im Seebad Deauville mitten hinein in eine Beratung der EU-Finanzminister. Demokratie geht anders.

Auch jetzt muss Europa die deutsch-französischen Vorgaben akzeptieren. Auch jetzt ist es keine Liebe. Merkel und Hollande brauchen einander. Ohne Reformen in Frankreich wird die Krise in Europa nicht überwunden. Der Euro ist stabilisiert, aber nicht gerettet. Die sozialen Kosten der Krise sind verheerend. Noch muss Merkel nicht an ihren Platz im Geschichtsbuch denken. Aber derzeit lauten die Alternativen, als Euro-Retterin zu erscheinen oder als Verantwortliche für eine verlorene Generation von jungen Menschen. Ihre Gegner werden Merkel die sozialen Kosten ihrer Krisenbewältigungsstrategie spätestens 2014 im Europawahlkampf vorhalten. Merkel hat also durchaus ein Interesse an einer sozialen Agenda.

Europäisches Sieger-und-Verlierer-Spiel

Merkel hatte im November in einer Rede vor dem Europaparlament von einer Wirtschaftsregierung gesprochen. Hollande hatte sie im Mai vehementer gefordert. Im beliebten europäischen Sieger-und-Verlierer-Spiel gönnt die Kanzlerin Hollande den symbolischen Erfolg. Der Mann hat es nötig. In der Heimat unbeliebt, von der Linken in seiner Partei bedrängt, wollte Hollande sich auf der europäischen Bühne als Merkel-Gegner profilieren. Auch deshalb reagierte er so gereizt auf den Rat von Kommissionschef José Manuel Barroso. Ein französischer Präsident lässt sich nichts vorschreiben. Schon gar nicht eine Rentenreform. Hollande will als Handelnder erscheinen, nicht als Getriebener. Die Erklärung von Paris hat sein Ansehen vorerst gerettet.

Für die EU hat das Papier gravierende Folgen. Die Eurozone wird mit eigenem Etat und eigener Wirtschaftsregierung zu einem Kerneuropa verschmelzen. Andere Länder können mitmachen wie Litauen und Lettland, die in die Euro-Zone drängen, oder abseitsstehen wie die Nicht-Eurostaaten. Oder gar das Weite suchen wie Großbritannien, das seine Zukunft in der EU per Referendum klären will. Europa zerfasert.

Heimlich hatte die Eurogruppe mit ihrem Dauerchef Jean-Claude Juncker eigentlich einen festen Präsidenten. Dieses Amt nun festzuschreiben, erschüttert Europa in seinen Grundfesten. Nicht allein wegen der Tendenz zu einem Eurozonen-Kerneuropa. Formal wird die Zone von keiner gesamteuropäischen Institution kontrolliert, es gibt also ein demokratisches Defizit. Formal werkelt die informelle Zonenregierung auch neben der EU-Kommission, der gesamteuropäischen Instanz im Institutionengefüge.

Der Eurozone einen festen Präsidenten zu verpassen – dem vierten neben Kommission, Rat und Parlament – zeigt: Die Mitgliedstaaten wollen ihre nationale Verantwortung in Europa zurückgewinnen. Insofern folgte Hollandes Ausfall gegen Barroso einem Kalkül: Europa gehört den Nationalstaaten. Das ist die eigentliche Botschaft des Gipfels von Paris. Im Streit zwischen mehr Integration und dem französischen Modell des Europas der Vaterländer neigt sich die Waage zugunsten der nationalstaatlichen Variante. Kein wirklich guter Start für „Homerkel“.