Als der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf von seiner tödlichen Diagnose Hirntumor erfuhr, besorgte er sich eine Waffe. Sie war seine Exitstrategie, wie er in seinem posthum als Buch veröffentlichten Blog „Arbeit und Struktur“ notierte. Er wollte seinen Tod selbst in der Hand haben und nicht in einem Krankenhaus oder Hospiz auf sein Ende warten, keiner Kommunikation mehr fähig. „Ich will derselbe sein bis zum Ende“, so Herrndorf. Der Schriftsteller, der sich am 26. August 2013 in Berlin erschoss, forderte das Recht auf Freiheit im Tod. Das Recht für jeden Sterbewilligen, in jeder Apotheke das tödliche Medikament zu bekommen ohne ärztliche Untersuchung, bürokratische Hürden und vor allem ohne Psychologengespräche.

Das ist eine ziemlich radikale Aussage, die viele so wohl nicht teilen würden. Doch die Forderung nach Sterbehilfe ist populär. In Umfragen sprechen sich bis zu 70 Prozent dafür aus. Nicht immer ist dabei ganz klar, was genau die Befragten darunter verstehen. Töten auf Verlangen? Das ist in Deutschland aus gutem Grund verboten. Oder geht es um den ärztlich assistierten Suizid? Das Strafrecht verbietet die Selbsttötung nicht, also wird auch die Beihilfe nicht bestraft. Das Standesrecht der Ärzte ist da strenger. Mediziner riskieren ihre Zulassung, wenn sie Patienten helfen, sich umzubringen.

Wenn die Union nun alsbald ein striktes Verbot organisierter Sterbehilfe in den Bundestag einbringen will, zielt das nicht nur auf Organisationen wie den Verein Sterbehilfe Deutschland (StHD) und den deutschen Ableger des Schweizer Vereins Dignitas ab. Mit einem solchen Gesetz würden auch alle diejenigen unter Strafe gestellt, die privat und unentgeltlich wiederholt Hilfe zum Suizid leisten. Das könnte genauso einen Arzt treffen, der seinen Patienten die Telefonnummer einer Schweizer Sterbehilfeorganisation gibt. Oder den Rentner, der aus Überzeugung Menschen in den Tod begleitet oder berät. Die damalige FDP-Ministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger lehnte ein solches weitgehendes Verbot zu Recht ab und plädierte stattdessen dafür, nur die kommerzielle Sterbehilfe zu kriminalisieren.

Das Geschäft mit dem Tod

2012 haben sich mehr als 9890 Menschen in Deutschland umgebracht, 29 davon durch die Unterstützung des StHD. Ein profitables Gewerbe ist das Geschäft mit dem Tod nicht geworden, doch der Gedanke, dass viele der von den Sterbehelfern in den Tod Begleiteten psychisch krank waren, bereitet mehr als nur ein Unbehagen. Auch die Vorstellung, dass dabei Tötungsmaschinen zum Einsatz gekommen sind, lässt erschauern.

Aber ist es deshalb gerechtfertigt, um solche dubiosen Vereine zu treffen, gleich jede Form von Hilfe beim Suizid zu verbieten? Ein noch so weitreichendes Verbot wird nicht verhindern können, dass Menschen aus dem Leben scheiden wollen und sich dabei helfen lassen. Zugleich erscheint es enorm anmaßend, wenn solche Hilfen mit der geballten Macht des Strafrechts bedroht werden. Der Staat hat eine Schutzpflicht für das Leben, aber jeder bestimmt über sein Leben selbst. Im Zweifel auch über dessen Ende. Das bedeutet, jeder darf sich umbringen, aber es ist nicht Aufgabe des Staates, dafür zu sorgen, dass einem dabei geholfen wird. Was würde passieren, wenn es so wäre? Der frühere MDR-Intendant Udo Reiter schrieb unlängst, er wolle nicht als Pflegefall enden oder als freundlicher Idiot vor sich hindämmern. Wenn es so weit sei, möchte er einen Medikamentencocktail einnehmen und sanft einschlafen. Sein Plädoyer für ärztliche Sterbehilfe traf auf eine empörte Replik des einstigen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering.Die Würde des Menschen habe nichts damit zu tun, ob er sich selbst den Hintern abputzen oder bis 100 zählen könne, kritisierte er.

Müntefering hat Recht mit seiner Sorge, ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, in dem alte Menschen aus dem Leben scheiden möchten, weil sie anderen nicht zur Last fallen wollen oder fürchten, in Armut zu enden. Und wenn die Vorstellung, ein Pflegefall oder dement zu werden, für viele Menschen Grund genug ist, ihrem Leben ein Ende zu setzen, dann ist auch das ein Armutszeugnis für eine solidarische Gesellschaft. Aber folgt daraus auch etwas für ein Verbot der Sterbehilfe? Es ist sicher richtig, Organisationen, die mit dem Tod Geld verdienen, hohe Hürden zu stellen. Aber gewiss ist auch, dass das Strafrecht nicht die letzte Antwort auf so fundamentale Fragen wie das Selbstbestimmungsrecht am Ende des Lebens sein darf. Vor dem kurzen parlamentarischen Weg zu einem neuen Gesetz braucht es eine intensive gesellschaftliche Auseinandersetzung über das Leben sowie über die Möglichkeiten, Sorgen und Ängste, wenn es sich seinem Ende nähert.