Außenminister Guido Westerwelle erinnert in diesen Tagen ein wenig an den Kuscheltiger aus dem US-Comic „Calvin and Hobbes“. Als Calvin in einer besonders ausweglosen Situation stöhnt: „Die Welt ist ein verrückter Ort“, da antwortet der Tiger Hobbes ihm: „Das Gefühl kenne ich. Ich klettere dann auf einen Baum, mache ein Schläfchen und warte auf das Abendessen.“

In Ägypten überschlagen sich die Ereignisse. Die Muslimbrüder werden blutig verfolgt, Polizisten gemeuchelt, die gewählte islamistische Regierung vertrieben, die Rückkehr in diktatorische Zeiten eingeleitet. Und unser Außenminister? Der ist empört – und sagt, was er seit Jahr und Tag sagt: Er ruft alle Seiten zu einem Ende der Gewalt auf. Er verlangt eine politische Lösung des Konflikts. Er warnt vor einer Eskalation der Gewalt. Er wirbt für eine Rückkehr an den Verhandlungstisch. Er setzt auf einen politischen Prozess.

Das klingt gut und ist auch gar nicht alles falsch. Aber es sind und bleiben hilflose Worthülsen. Solche Sätze hat Westerwelle so oder ganz ähnlich auch geäußert, als es um Syrien ging, um Tunesien, um Libyen, um Afghanistan. Nur, wo bleiben seine Vorschläge und Konzepte, wie es zu einem (friedlichen) Ausgleich zwischen Muslimbrüdern und Militärs kommen kann? Wie stellt er sich einen politischen Prozess vor, nachdem der gewählte Präsident Mohammed Mursi nach nur einem Jahr im Amt festgesetzt und eingesperrt worden ist? Wie lässt sich in seinen Augen die Eskalation der Gewalt auf der Sinai-Halbinsel durchbrechen?

Und welche Rolle könnte und sollte die Bundesrepublik oder die Europäische Union in diesem Prozess spielen? Nein, außer leeren Sätzen lässt es der deutsche Außenminister an jeglichen Konzepten für den Umgang mit all diesen Staaten missen, die vor zwei Jahren noch unter dem Jubel der gesamten (westlichen) Welt den Arabischen Frühling erlebt haben.

Trotz angeblich 50 Besuchen Westerwelles in jenen Ländern fehlt es Deutschland weiterhin an Gesprächspartnern und verlässlichen Zugängen zu den führenden Schichten in Ägypten. Das ist nicht erst unter dem faktischen Militärmachthaber General Abdel-Fattah al-Sisi so, sondern war unter Präsident Mursi nicht anders. Es ist ein ziemliches Versagen der deutschen Diplomatie.

In seiner Ratlosigkeit ist der deutsche Außenminister nun wahrlich nicht allein. Die gesamte Europäische Union, deren Außenminister sich am Mittwoch eilig zu einer Sondersitzung in Brüssel versammeln, blickt verstört und ratlos auf das, was sich seit Tagen auf den Straßen von Kairo, Alexandria und Port Said abspielt. Denn wir Europäer stecken in einem ziemlichen Dilemma: Selten sind unsere Werte von Freiheit und Demokratie so hart kollidiert mit einem anderen wichtigen Wert der Staatenwelt: der Stabilität.

Nachhaltige Lösungen, nicht schnelle Antworten

Ja, auch die Europäische Union hat ein fundamentales Interesse an einigermaßen stabilen Verhältnissen in dieser so heiklen Region an ihrer Südflanke. Einem Nahen Osten, wo seit 2011 bereits ein Bürgerkrieg in Syrien tobt, der riesige Flüchtlingsströme in die Nachbarländer geleitet hat und dort für zusätzliche Unruhe sorgt – ohne dass die internationale Gemeinschaft bislang ein Rezept gefunden hätte, diesen Konflikt zumindest einzudämmen. Stattdessen warnen Westerwelle & Co. vor einer weiteren Eskalation der Gewalt – und versuchen im Übrigen, den Krieg und das Sterben in Syrien zu ignorieren.

Natürlich ist der direkte Einfluss Europas in Ägypten nicht groß. In Brüssel wollen die Außenminister jetzt über Sanktionen diskutieren, die Nachbarschaftshilfe für Kairo könnte eingefroren und weitere Hilfen für Ägypten auf Eis gelegt werden, um Druck auf die Militärs auszuüben. Man möchte dem Morden und Töten in dem Land etwas entgegensetzen.

Das macht sich gut in den abendlichen Nachrichtensendungen. Vorsicht ist aber geboten, denn mit Katar und Saudi-Arabien stehen nicht nur arabische Nachbarn parat, um finanziell in die Bresche zu springen – in der Hoffnung, dass al-Sisi im Gegenzug die Muslimbrüder hart bekämpft.

Europa könnte mit einer übertriebenen Reaktion die letzten verbliebenen Gesprächsdrähte nach Kairo kappen. Dabei wäre gerade jetzt kluge Diplomatie nötig, die beiden Seiten wirkliche Lösungswege aufzeigt. Eine Diplomatie, die erkennt, wie sehr Mursi das Land gespalten hat und wie groß der Wunsch vieler Ägypter nach Stabilität und Ruhe ist. (So groß, dass viele Ägypter dafür sogar bereit sind, ihre junge Demokratie zu opfern).

Jetzt ist eine Diplomatie gefragt, die um nachhaltige Lösungen ringt, nicht um schnelle Antworten. Eine Diplomatie, die sich nicht in platten Appellen erschöpft. Deutschland fällt dafür ziemlich aus. Leider.