Heute ist Mursi-Tag: Der Prozess gegen den gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi beginnt. Am Nil feiert die regierungsnahe Presse stolz, dass in nur zweieinhalb Jahren gleich zwei Präsidenten gestürzt wurden. Ägypten versteht sich als „Umm al Dunja - Mutter der Welt“, und tatsächlich hat das bevölkerungsreichste Land in der Region Vorbildcharakter; ganz besonders seit Beginn der Arabellion 2011. Der Sturz von Hosni Mubarak im Februar 2011 inspirierte Aktivisten in der ganzen Region, zum Aufstand zu trommeln. Sie ließen sich auch nicht davon abhalten, als sich herausstellte, dass Ägypten ein Sonderfall war und die Revolution keine wirkliche Revolution, sondern eine Interessenüberschneidung zwischen jungen revolutionären und Militärführung war. Beide wollten Mubarak loswerden, und so wurde er abgesetzt. In allen Ländern des arabischen Frühlings zog sich der Machtwechsel sehr viel länger hin und kostete mehr Blut.

Auf die Aufstandsphase folgte der Aufstieg der Muslimbruderschaft. Auch in dieser Entwicklung war Ägypten Vorreiter. Gemeinsam mit der Militärführung stellten die Brüder die Weichen für Ägyptens Zukunft. Im Juli 2012 wurde mit Mohammed Mursi ein Muslimbruder zum ersten zivilen Präsidenten Ägyptens gewählt. Auch in den anderen Ländern drängten gemäßigte Islamisten in Machtpositionen. Das hatte allerdings nicht nur mit dem ägyptischen Vorbild zu tun, sondern auch mit finanzieller Unterstützung . Der Emir von Katar sah in den Muslimbrüdern die geeignete Kraft, die Region in die Zukunft zu führen: Islamisch, wirtschaftlich erfolgreich und vor allem stabil. Diese Meinung wurde auch von Teilen der US-Außenpolitik vertreten, zudem sah man keine Alternative.

Im Frühjahr 2013 sah es noch so aus, als ginge der Plan auf: Muslimbrüder und Co. dominierten in den meisten Ländern des Arabischen Frühlings die neuen Regierungen. Selbst in Libyen, wo sie bei den Wahlen zur Nationalversammlung schlecht abschnitten, drängten sie an die Macht. Sie nutzten den Umweg über ein Gesetz zur Reinigung der Politik von Anhängern des gestürzten Muammar al Gadhafi, um ihre Konkurrenz auszuschalten. Allerdings begannen die Muslimbrüder, Fehler zu machen. Auch hierbei spielte Ägypten eine Vorreiterrolle: „Mit der Art, wie die Regierung in Ägypten Politik macht, ruiniert sie den Ruf der Muslimbruderschaft insgesamt“, so ein führendes Mitglied der Bruderschaft in Kuwait.

Bevölkerung weichklopfen

Im Frühjahr 2013 hatte die Mehrheit der Ägypter die Nase voll von Mursi, und die Militärführung hielt ebenfalls seine Zeit für abgelaufen. Er wurde abgesetzt, und zunächst sah es so aus, als könnte nach der Absetzung Mursis eine Regierung ins Amt kommen, die es nun endlich ernst meint mit Demokratie. Doch nun ist klar: Es wird wieder ein autoritäres Regime geben. Diesmal mit großer Unterstützung aus dem Volk, das von zweieinhalb Jahren Dauerkrise und mehreren gescheiterten Anläufen zermürbt und vor allem verzweifelt ist. „Die anderen abgesetzten Diktatoren sitzen schon da und reiben sich die Hände. Auch sie hoffen auf ein Comeback“, so Tawakul Karman, die stellvertretend für die Aktivisten 2011 den Friedensnobelpreis bekam. Tatsächlich rumoren in Tunesien und vor allem in Libyen die alten Garden, und im Jemen ist Ali Abdullah Salah wieder sehr präsent im politischen Diskurs. Offenbar will er mit einer Verknappung von Treibstoff und Nahrungsmitteln die Bevölkerung weichklopfen, so dass sie seinen Sohn oder einen anderen engen Gefolgsmann zum Präsidenten zu wählen. So könnten die Ereignisse des Sommers 2013 ebenso wie die des Frühlings 2011 als Wendepunkte in die Geschichtsbücher der Arabischen Welt eingehen.

Es wäre falsch, von einem Comeback der alten Garden zu sprechen: Neue Garden sind im Anmarsch, und sie werden anders regieren als ihre Vorgänger. Sie werden sehr viel mehr auf die Stimmen aus dem Volk hören, und wenn es ihnen nicht gelingen sollte, tatsächlich die Lebenssituation der Menschen zu verbessern, dann werden sie auf Populismus setzen, um darüber hinwegzutäuschen und die Menschen trotzdem bei Laune zu halten. Triste Aussichten. Der einzige Ausweg aus dem Dilemma wäre, wenn sich die arabische Welt ein anderes Vorbild sucht als ausgerechnet Ägypten. Tunesien zum Beispiel. Der nationale Dialog zwischen Islamisten und Liberalen, der heute in Tunis in seine zweite Woche geht, ist zwar beschwerlich und geht nur schleppend voran. Doch stimmt der müde Gesichtsausdruck in den Gesichtern der Verhandlungsführer sehr viel optimistischer als der Jubel der Ägypter über den Prozessbeginn gegen Mursi.