Im Frühjahr 2011, nach dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak, wurden an der Straße zum Flughafen in Kairo riesige knallbunte Poster aufgehängt: Porträts und Zitate berühmter Politiker aus aller Welt. Lob und Preis für die ägyptische Revolution. US-Präsident Barack Obama war dort zu sehen, hatte er doch seinen Landsleuten empfohlen, sich ein Beispiel an der mutigen ägyptischen Jugend zu nehmen. „Die Ägypter machen Geschichte, wie üblich“, so die Aussage neben dem Foto des österreichischen Kanzlers Werner Faymann.

Neuanfang

Zweieinhalb Jahre später wird nun in Kairo wieder ein Neuanfang gefeiert. Die neue Regierung zelebriert die „Revolution vom 30. Juni“. Wieder werden Banner und Poster gedruckt, Straßenhändler verkaufen T-Shirts und Schlüsselanhänger. Nur die Zitate internationaler Politiker fehlen.

Die Kritik an der neuen Regierung in Kairo wächst international zu Recht. Nicht nur wird angesichts der aktuellen Ereignisse vorerst die Hoffnung begraben werden müssen, dass Ägypten die zweite Chance zum Neuanfang nutzt und das Land nun freier, gerechter und demokratischer wird. Das Jahr 2013 wird auch in anderer Hinsicht als Zeit der vertanen Chancen in die Geschichte eingehen. Es hätte das Jahr sein können, auf das Historiker das Ende einer Ära datieren: der Ära des politischen Islam, wie wir ihn kannten.

Jahrzehnte lang haben Muslimbruderschaft und andere islamische Organisationen daran gearbeitet, an die Regierung zu kommen. Viele Menschen in der Region sahen es als Selbstverständlichkeit an, dass Islam und Politik eine Einheit bilden und langbärtige Prediger tonangebend sein sollen, wenn es um die Gestaltung ganz irdischer Politik und die Formulierung von Gesetzen für Wirtschaft und Gesellschaft geht.

Als 2011 die Regierungen in Tunesien und Ägypten gestürzt wurden, galt es als ausgemacht, dass moderate Islamisten schnell die Führung bei der Neugestaltung der Länder übernehmen würden. Wer sonst hätte es tun sollen? Bei den ersten Wahlen – zur Verfassungsversammlung in Tunesien, zum Parlament und später zum Präsidenten in Ägypten – räumten islamische Parteien dann auch kräftig ab. Doch mit den Wahlsiegen begann ihr Niedergang. Die Verantwortung entzauberte die Islamisten. Mit frommen Sprüchen allein kann man einen Staat nicht reformieren, und es zeigte sich deutlich, dass die politischen Fähigkeiten der Muslimbrüder und auch der tunesischen Ennahda-Partei maßlos überschätzt worden waren.

„Wir waren regelrecht schockiert, als wir merkten, dass die Muslimbrüder gar nicht regieren können“, sagte kürzlich Hussein Gohar in einem Interview. Er gehört zu den Gründern der sozialdemokratischen Partei in Ägypten. „Wir dachten, dass sie schnell und effektiv Ministerien übernehmen und Reformen auf den Weg bringen können.“ Was für ein Irrtum.

Tiefpunkt des politischen Islams

Im vergangenen halben Jahr, mit zunehmender wirtschaftlicher und politischer Krise, verloren die Islamisten in Ägypten und Tunesien dramatisch an Ansehen. Der 30. Juni 2013 markierte dann den absoluten Tiefpunkt des politischen Islams: Millionen Ägypter demonstrierten gegen die Muslimbruderschaft, forderten den Sturz von Mohammed Mursi. Der Zorn wurde noch gesteigert durch die Arroganz der Muslimbrüder. Statt Fehler einzuräumen und Reformen auf den Weg zu bringen, mobilisierten sie ihre Anhänger zu Gegenprotesten. Unbedingt wollten sie beweisen, dass sie noch die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich haben. Spätestens da schien klar: Ihre Zeit geht zu Ende.

Mit der Macht der Islamisten am Nil wäre auch ihr Einfluss in den anderen Staaten der Region zusammengebrochen. Die Zukunft wäre von anderen Politikern bestimmt worden, gewählt von Bürgern, die durch Erfahrung zu dem Entschluss gekommen waren, dass Religion in der Politik nicht unbedingt etwas verloren hat.

Leider kam es anders. Die ägyptische Militärführung konnte es nicht lassen: Statt den Dingen ihren Lauf zu lassen und nur ein wenig regulierend einzugreifen, setzte sie auf Rache und brutale Gewalt gegen die Bruderschaft. Hunderte von Toten sind die traurige Bilanz der vergangenen Wochen. Und die Muslimbruderschaft? Sieht sich in die Opferrolle gedrängt. Sie beruft sich auf Demokratie und Menschenrechte und bekommt Zulauf wie schon lange nicht mehr. Der Verlust der Macht, die Gewalt und die Toten schwächen die Organisation, doch das harte Vorgehen gegen sie wird ihr dazu verhelfen, auch in der Zukunft eine Rolle zu spielen. Dabei wäre es an der Zeit, dass in der arabischen Welt endlich Menschen regieren, die Politik um der Politik Willen machen, und nicht solche, die den Islam für ihre Zwecke missbrauchen.