In seiner Ballade „Das Trauerspiel von Afghanistan“ beschreibt Theodor Fontane das unrühmliche Ende des ersten britischen Militäreinsatzes am Hindukusch 1842: „Mit dreizehntausend der Zug begann,/Einer kam heim aus Afghanistan.“ Bis Ende der 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts die sowjetische Armee 15.000 Soldaten am Hindukusch zurück ließ, scheiterten noch so einige ausländische Interventionen in der unwirtlichen Bergregion Südasiens. Im historischen Vergleich ist der Erfolg der „Koalition der Willigen“ also beträchtlich, die sich von 2001 bis Ende dieses Jahres unter Führung der USA zusammen gefunden hat, um das Land als Heimstatt des Terrorismus zu neutralisieren.

Statt zeitweilig bis zu 140.000 Soldaten der Nato sollen von 2015 an 12.000 militärische Berater ausreichen. Die Beteiligung von mindestens 850 Bundeswehrsoldaten an der Mission „Resolute Support“ hat die Bundesregierung gerade beschlossen. Die „Sicherheitsverantwortung“ am Hindukusch, so lautet der bürokratische Begriff, trägt in Zukunft die afghanische Armee.

Wenn von Erfolg oder Misserfolg des westlichen Engagements in Afghanistan die Rede ist, sollte allerdings nicht vergessen werden, dass Osama bin Laden, der Chef der über Jahre so furchterregenden Al Kaida, aus der die Attentäter des 11. September in New York stammten, im benachbarten Pakistan getötet wurde. Dort sind die Militärs, die ihm Unterschlupf gewährten, so mächtig wie eh und je. Die islamistischen Taliban wiederum, die Nato und Co. von der Macht in Kabul vertrieben haben, stellen heute vor allem ein Problem der afghanischen Innenpolitik dar.

Die Herausforderung der westlichen Welt trägt aktuell den Namen „IS“. Ihre Basis befindet sich in Syrien und dem Irak. Ihre Stärke ist nicht zuletzt die Folge einer weiteren westlichen Intervention. Denn die islamistischen Guerilleros haben sich mit Teilen der militärischen Elite des gestürzten Regimes von Saddam Hussein verbündet. Man könnte also die These wagen: Afghanistan ist für den Terrorismus nicht mehr so wichtig, weil die Karawane der Kämpfer weiter gezogen ist – nicht weil der Westen so erfolgreich war.

In die Bilanz der Intervention am Hindukusch wird gern die Verbesserung der Lebensverhältnisse eingestellt, abzulesen an der Erhöhung des durchschnittlichen Lebenserwartung oder Mädchen, die inzwischen die Schulen besuchen dürfen. Mindestens in einigen Städten Afghanistans, zumal in Kabul, gibt es eine lebendige Bürgergesellschaft mit einer erstaunlichen Medienvielfalt. Alles richtig. Aber was es nach wie vor nicht gibt, ist eine stabile Wirtschaft. Der größte und profitabelste Teil der Ökonomie bleibt mehr noch als vor dem Krieg die Produktion von Rauschgift.

Die Regierung Afghanistans, genauer gesagt, ihre westlichen Geldgeber, unterhalten einen Sicherheitsapparat mit 350.000 Soldaten und Polizisten. Er verschlingt im Jahr umgerechnet fast fünf Milliarden Euro – fünfmal mehr als der übrige Staatshaushalt. Kann im Ernst von „Stabilität“ in einem Land gesprochen werden, dessen ehemaligen Besatzer es für nötig halten, den lokalen Machthabern einen solchen bewaffneten Wasserkopf zu finanzieren? Von Korruption und Vetternwirtschaft ganz zu schweigen. In der afghanischen Armee gibt es, um ein Beispiel zu nennen, einen 19-jährigen General.

In der offiziellen „Zwischenbilanz des Afghanistan-Engagements“, die das Bundeskabinett beschlossen hat, wird die Einsicht formuliert, dass der Aufbau des Landes einen Generationenaufgabe sei. Rückschläge sind dabei einzukalkulieren. So wie im Irak, wo US-Präsident Barack Obama, meinte das Engagement ebenso plötzlich wie drastisch reduzieren zu können – und dann betraten die Kämpfer des IS das Schlachtfeld der Weltgeschichte. Nun fangen die USA wieder mit dem an, womit sie und ihre Verbündeten meinen, die Interventionen im Afghanistan beenden zu können: mit Beratern.

Der Horizont solcher Militäraktionen wird begrenzt von der Tagespolitik. Daran hat sich seit dem ersten britisch-afghanischen Krieg nichts geändert. Anders als damals spielen immerhin Menschenleben eine Rolle in den Köpfen der entscheidenden Politiker – wenigstens die der eigenen Soldaten. Der Einsatz in Afghanistan hat die Sicherheitspolitik der Nato länger als ein Jahrzehnt geprägt. Erstaunlich lange.

Doch nun hat sie es mit neuen Herausforderungen zu tun – mit dem IS im Nahen Osten und auf dem europäischen Kontinent durch das neue aggressive Auftreten Russlands. Nicht alle Verbündeten sind so weit gegangen wie Deutschland, ihre Armeen einseitig auf Konflikte auszurichten wie den am Hindukusch. Neues Denken ist nötig und wohl auch neues Rüsten.