Es war ein starkes Votum, das die Oberbayern im vergangenen November an das Internationale Olympische Komitee (IOC) sandten. Laufen, gleiten, carven – ohne uns. In insgesamt vier Volksentscheiden hatten die innig mit dem Wintersport vertrauten Pistenanrainer der Olympia-Bewerbung der Städte München und Garmisch-Partenkirchen um die Winterspiele von 2022 eine deftige Absage erteilt. NOlympia. Kein Biathlon in Ruhpolding, keine Buckelpiste nirgends.

Und nun Beachvolleyball vor dem Berliner Hauptbahnhof und Kajak-Rennen in Brandenburg? Es braucht nicht viel Fantasie, sich die geballte Gegnerschaft von Olympischen Spielen 2024 oder 2028 auszumalen. Berlin ist die Hauptstadt des Bürgerentscheids und fast immer waren die Abstimmungen, zum Beispiel gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes, trotzige Urteile über die halbherzigen Pläne der Regierenden.

Plebiszite sind auch emotionale Nachwahlen

Es wurde eher abgewählt als politisch bewusst für eine Sache entschieden. In Volksentscheiden artikulieren sich nicht selten auch Ressentiments gegen die da oben. Völlig falsch liegen die Bürger mit ihrer Politikschelte selten. Plebiszite entscheiden keineswegs nur über Sachfragen, fast immer sind sie auch emotionale Nachwahlen.

Olympia aber braucht Legitimation, ohne eine klare Befürwortung durch eine Bevölkerungsmehrheit wird es weder in Hamburg noch in Berlin Olympische Spiele im nächsten Jahrzehnt geben. Und doch wäre es ein lohnendes Projekt, nicht nur für die Freunde des Sports. Was wäre das für eine zivilgesellschaftliche Erfolgsmeldung, wenn ein so umstrittenes, vor allem auch kostspieliges Projekt am Ende eine überzeugte Zustimmung erhielte? Olympische Spiele sind ein Festival der Globalisierung. Eine, die sich trotz aller Probleme als geglückte begreift.

Die olympische Realität sieht anders aus. Für zwei Wochen wird der schöne Schein der Völkerverständigung simuliert, und wenn die Karawane weitergezogen ist, bleiben meist Probleme, Schulden und Bauruinen zurück. Eine Stadtgesellschaft aber, die sich bewusst für die Ausrichtung eines weltweit beachteten Megaevents entscheidet, hat auch die Chance, darüber mitzubestimmen, was und wie es gespielt wird.

Olympia als Antenne für die Frage, wie wir leben wollen

Die Zeit zwischen Bewerbung und Austragung ist für eine Metropole auch eine Zeit, in der der Wille zur Gestaltung hervortreten kann. Olympia als verstärkende Antenne für die Frage, wie wir leben wollen. Es nährt zumindest die Hoffnung, dass eine Stadtentwicklung, die ein Ziel vor Augen hat, sich die eine oder andere Herumwurschtelei verkneift. Für Städte wie München, Innsbruck oder Oslo waren die Spiele Quellen gesellschaftlicher Sinnstiftung auf Jahrzehnte.

Über die Berechnungen wirtschaftlicher und sozialer Kosten hinaus geht es auch um ein politisches Signal. Mehr denn je wird das Wohlergehen demokratischer Gesellschaften davon abhängen, wie überzeugend sie ihre Werte in der Welt vertreten und für die sie, wenn es darauf ankommt, Verantwortung zu übernehmen bereit sind. Als bloße Folklore und Exportprodukt aus der alten Welt für autokratische Regime und zur Stabilisierung der Macht von Diktatoren werden Olympische Spiele nicht überleben.

Olympische Spiele sollen politisch transparent sein

Wo immer sie geplant und durchgeführt werden, müssen sie auch von einem Gedanken der Selbsterneuerung getragen sein. Als Reinszenierung der Ideale eines Pierre de Coubertin mag das sportliche Kräftemessen antiquiert erscheinen. Ein auf die Spitze getriebener Leistungsgedanke flankiert die immer ungenierter betriebenen Geschäftsinteressen. Ist es da nicht mehr als naiv, von einer lokalen Bewerbung die Runderneuerung des latent und bisweilen auch offen korrupten IOC zu erwarten?

Feste sind symbolische Übertreibungen, ohne Idealisierungen können sie nicht gelingen. Und es gibt praktische Anforderungen. Olympische Spiele sollen politisch transparent und ökonomisch maßvoll sein sowie hohen ökologischen Standards entsprechen. Ziele, die in der Vergangenheit oft unterlaufen wurden. Im Erfolgsfall aber können derlei Großereignisse zu inspirierenden Quellen für das gesellschaftliche Zusammenleben werden. In einer Welt, in der politische Kräfte ganz bewusst die Zersetzung staatlicher Strukturen betreiben, bieten sich Olympische Spiele vorübergehend als Ort für sehr unterschiedliche nationale und supranationale Identifikationsangebote an.

All das kann schiefgehen. Die Olympischen Spiele von 1936 gelten bis heute als historischer Verrat an den hehren Idealen der Spiele. Der Mut zu einer Neuauflage in Berlin wäre von der ersten Stunde der Bewerbung an eine Einladung zu einer kritischen Reflexion über Geschichte, Gegenwart und Zukunft.