Eine der verblüffendsten Veränderungen der deutschen Parteienlandschaft im vergangenen Vierteljahrhundert war die Verwandlung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) von einer arbeiterdiktatorischen, militaristischen, poststalinistischen, sklerotischen Stasi-Partei in die Linke als pazifistische, rechtsstaatstreue, tolerante Menschenrechtspartei. Das Bemerkenswerteste dieser Mutation bestand darin, dass hier nicht einfach eine vom Volk aus den Machtzentralen verjagte Staatspartei ihr altes Programm ins Altpapier warf und sich ein neues schrieb. Vielmehr markierten die neuen Positionen der Linken fast ausnahmslos das genaue Gegenteil der alten Positionen der SED, genauer: Für die Auffassungen, die die Linken heute vertreten, hätten sie im SED-Staat mit ihrer Freiheit bezahlt.

Verfassungsschutzämter in Pflugscharen

Mit der gleichen Unerbittlichkeit, mit der die SED einst das Schwert der Partei – die Staatssicherheit – gegen die Bevölkerung führte, streitet sie jetzt für die Umwandlung der Verfassungsschutzämter in Pflugscharen. Und ein Plakat mit dem Spruch: „Mütter, denkt an die Zukunft – kauft Puppen statt Panzer“, für das eine 20-jährige Buchbinderin aus Chemnitz 1983 wegen „Rowdytums“ zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde (Urteilsbegründung: „Wenn Sie damit einverstanden sind, dass in kapitalistischen Ländern Spielzeug hergestellt wird, mit dem man Puppen den Kopf abschlagen kann, dann müssen Sie auch erlauben, dass unsere Kinder mit Panzern spielen.“), wird heute als selbstverständliches pazifistisches Bekenntnis eines Mitglieds der Linke-Partei betrachtet.

Von einer Partei, die sich so komplett gehäutet hat, die sich zwar ihrer Wurzeln erinnert, aber sie abgeschlagen und rückstandslos ausgerissen hat, sollte ein entspannter Umgang mit ihrer Geschichte erwartet werden können. Einer Partei, die sich nicht nur von ihrer Doktrin, sondern vom Doktrinarismus verabschiedet und den Wahrheitsanspruch gegen das Bekenntnis zur Meinungsvielfalt ausgetauscht hat, sollte es leicht fallen, einen der ältesten Kritiker des Doktrinarismus und der totalitären Gesinnung, also der SED, mit offenen Armen als Gleichgesinnten in ihren Reihen zu begrüßen.

Gelächter und Applaus

Wie aber kommt es dann, dass Gregor Gysi und seine Genossen den Auftritt Wolf Biermanns im Bundestag zum Gedenken an den 25. Jahrestag des Mauerfalls mit versteinerten Mienen verfolgten? Wie ist dann zu erklären, dass die Abgeordneten der Linken-Fraktion – von einer offenkundig gut gelaunten Ausnahme abgesehen – Biermanns berühmter „Ermutigung“, die von den politischen Gefangenen im SED-Staat in den Knästen geträllert und gepfiffen wurde, lauschten, als würden sie vom Zentralkomitee der SED wegen Abweichlertums aus der Partei gestoßen? Hat sie etwa verbittert, dass Biermann sie als „elenden Rest dessen, was zum Glück überwunden wurde“, beschimpft, dass er sie als Rest der „Drachenbrut“ der SED bezeichnet hat?

Wenn sie das für unfair, ungerecht und – nach all den Häutungen von der SED zur SED-PDS zur PDS zur Linkspartei.PDS zur Linken – für ein Missverständnis oder sogar für eine Lüge halten, dann hätte es einen sicheren Weg gegeben, es Biermann, dem Präsidium des Bundestags, den Abgeordnetenkollegen und der deutschen Öffentlichkeit zu zeigen – durch schallendes Gelächter und stürmischen Applaus. Denn nichts ist lächerlicher als ein Kritiker, der nach 25 Jahren noch immer nicht gemerkt hat, was die Stunde geschlagen hat, der sich für immer und ewig häuslich eingerichtet hat in seiner „bitteren Zeit“ und jedermann seine überflüssige „Ermutigung“ aufdrängen will wie der Zeitungsverkäufer ein fettiges Exemplar in der U-Bahn.

Lieber Wolf, es ist vorbei

Warum haben die Abgeordneten der Linken nicht vergnügt geklatscht, die Annahme der Botschaft Biermanns gut gelaunt verweigert und gerufen: „Lieber Wolf, es ist vorbei. Die Zeit, aus der deine Lieder stammen, ist vorbei, die Zeit der SED, gegen die du gesungen hast, ist auch vorbei. Komme endlich an im Morgen, wir sind schon lange da!“ Das hat aber keiner gerufen, nicht einmal gemümmelt, stattdessen haben die Linken-Abgeordneten so verdrießlich geschaut, als drücke sie der Schuh – es wird der gewesen sein, den sie sich bei Biermanns Auftritt angezogen haben.

Es ist wohl so, dass sich die Linke mit den Jahren zu einer demokratischen, rechtsstaatstreuen Partei gewandelt hat, aber manchmal, wenn man sie genauer betrachtet – wie am Gedenktag zum Mauerfall – könnte man glauben, sie könne das selbst noch nicht recht glauben. Und wer sich selbst nicht glaubt, Genossen, dem wird auch nicht geglaubt.