Angesichts der Flüchtlinge und unserer Probleme mit ihnen wunderten sich in letzter Zeit immer wieder Journalisten darüber, dass von den Intellektuellen nichts oder so wenig zu hören sei. Das war falsch und richtig. Denn natürlich gab es Schriftsteller und Intellektuelle, die sich äußerten. Juli Zeh und Ilija Trojanow zum Beispiel. Aber es war auch richtig, weil es keine Debatte gab und noch immer nicht gibt, keine Auseinandersetzung darum, wie damit umzugehen sei, dass das Modell Deutschland offenbar zu einem der stärksten Magneten dieser globalisierten Welt geworden ist.

Nun hat sich Botho Strauß im Spiegel zu Wort gemeldet. Er sieht sein Deutschland, das zwischen „Herder und Musil“, bedroht. Von Islamisten, mehr noch von denen, die sich nicht als „Hüter und Pfleger der Nation in ihrer ideellen Gestalt“ sehen, von denen, die den Ökonomen hinterherlaufen. Ihn ärgert „die politisierte Schmerzlosigkeit, mit der man die Selbstaufgabe befürwortet“. Botho Strauß’ verletzt-beleidigte Glosse macht deutlich, dass wir in Parallelgesellschaften leben. Schon lange. Jedenfalls wann immer es sich leben ließ.

Ideale Nation existiert nur in Strauß' Kopf

Botho Strauß hat völlig recht, wenn er am Ende seines Artikels bemerkt, wir hätten es mit Verantwortlichen zu tun, die das Ende nicht absähen. Der vorwurfsvolle Ton, in dem er das vorträgt, ist indes lächerlich. So ist es nun mal, solange nicht Gott selbst das Regiment übernimmt. Wir sollten anfangen, uns vor denen in Acht zu nehmen, die vorgeben, das Ende zu kennen. Botho Strauß mag das „Wir schaffen das“ der Kanzlerin übel aufgestoßen sein. Aber sie ist die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland und nicht Hüterin und Pflegerin einer idealen Nation, wie sie so nur im Kopf von Botho Strauß – zur Freude seiner Leser – existiert.

Ein von Strauß vielleicht nicht sonderlich geliebter Autor – Mario Vargas Llosa – verzweifelt angesichts des Fotos eines toten syrischen Flüchtlingskindes an einem türkischen Strand nicht über den Zerfall seiner Nation durch die, die auf der Flucht nicht starben. Er schreibt in El Paìs: „Die entwickelten Industriestaaten sind auf Immigration angewiesen, wenn sie ihren Lebensstandard halten wollen. Aber diese Immigration muss, um wirkungsvoll zu sein, im Rahmen einer intelligenten und realistischen Politik organisiert und geordnet stattfinden. So wie sie von Kanzlerin Angela Merkel vorgeschlagen wird. Man muss ihr, was diese Frage angeht, zu der Klarheit und Energie, mit der sie das Problem angeht, gratulieren.“

Das Problem sind aber, so Vargas Llosa, nicht die Länder, in die die Flüchtlinge fliehen, sondern die, aus denen sie es tun. Wenn es nicht gelingt, auch in dem Herkunftsländern Armut und Tyrannei zurückzudrängen, wenn es für die Menschen dort weiter keine Hoffnung gibt, dann werden sie weiter fliehen – dorthin, wo sie sie finden oder doch zu finden glauben.

Wir werden mehr Flüchtlinge aufnehmen

Beide Intellektuelle haben keine Lösung. Weder für das kleine Problem: Wie kommen Hunderttausende über den in den nächsten Wochen einsetzenden Winter? Noch für die Frage: Wie erreichen wir Politikwechsel in weit entfernten Ländern, die nicht das Zerfallen geordneter Staatlichkeit befördern, sondern die demokratische Entwicklung derselben?

Wir werden mehr Flüchtlinge aufnehmen, wir werden eine geordnete Einwanderung organisieren, und wir werden uns Gedanken darüber machen müssen, was wir wie in die neue, von allen Bürgern dieses Landes, dieses Europas womöglich, erst noch zu erschaffende Identität einbringen. Die ideelle Gestalt der Nation liegt nicht hinter, sie liegt vor uns. Sie wird von uns allen realisiert oder verfehlt. Mit Botho Strauß und seinen Helden wie auch mit den Flüchtlingen und den ihren. Das ist unvereinbar? Das Unvereinbare ist auszuhalten.

Die Intellektuellen werden dabei eine Rolle spielen. Wie auch die Fachleute und die, die von nichts eine Ahnung haben. Wer von ihnen die besten Vorschläge machen wird, das ist noch lange nicht ausgemacht. Wir wissen noch nicht einmal, wie unsere Probleme aussehen, geschweige denn, dass wir eine Ahnung davon hätten, wie sie zu lösen seien. Wie viel Zuwanderung liegt zwischen den Sätzen: „Unsere Aufnahmekapazität ist begrenzt“ und „Das Boot ist voll“? Welche Möglichkeiten haben wir, das volle Boot gegen Eindringlinge zu verteidigen? Welche sind wir bereit einzusetzen? Wer ist das „Wir“?

Es wird keine Talkshow geben, in der die Antworten auf diese Fragen festgeklopft werden. Aber wir müssen über sie sprechen. Nicht in der Hoffnung, jemand könne Lösungen auf den Tisch legen. Wir brauchen sie, um einander zu erkennen. Überall in Europa. Fast überall auf der Welt.