Nur noch zwei Wochen bis zum Anpfiff! Jubelnde Fans, die die Fahnen der Teilnehmer-Länder schwenken, landestypische Tänze, fröhlich defilierende Schulklassen, und der Präsident gibt ein Riesen-Fest – so war das in Südafrika kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft. Und jetzt in Brasilien? Nach der historischen Niederlage bei der WM 1950 im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro müsste eigentlich die Nation der zweiten WM auf ihrem Boden entgegenfiebern. Aber nichts dergleichen. Im Land des Fußballs mag keine Vorfreude auf die „Copa“ aufkommen. Die Stimmung schwankt zwischen mau und mies.

Das bange Gefühl, eine riesige Chance verpasst zu haben, ist allgegenwärtig: Wo bleibt die Modernisierung des Landes, die als Kollateraleffekt des Mega-Sport-Festes versprochen wurde? Was haben die Brasilianer denn von der WM außer den überteuerten Luxusstadien, die peinlicherweise nicht einmal termingerecht fertig wurden? Selbst da, wo sich Brasilien wie auf der Ansichtskarte präsentiert, ist die Sicherheitslage offenkundig prekär. Zu erwarten sind Proteste und Demonstrationen und womöglich Schüsse, Straßenschlachten und Steinwürfe – selbst in Berlin. Von der „Copa der Copas“,also von der WM der Superlative, hat Präsidentin Dilma Rousseff vollmundig-großmäulig gesprochen. Aber nun fragt man sich, ob Brasilien die WM überhaupt mit Anstand hinkriegt.Selbst Ronaldo, der bisher brav die Werbetrommel gerührt hat für die Fifa und ihr Milliarden-Turnier, sagt nun, er finde es beschämend, dass alles so schlecht klappt.

Sportliche Mega-Events kombinieren Geschäft und Unterhaltung auf globalem Niveau. Das ist grundsätzlich nicht unmoralisch, aber in der Praxis immer mehr oder weniger verlogen. Denn es liegt im Wesen des Mega-Events, dass ständig neue Stadien und Spielorte, neue Städte und Länder, neue Völker und Kulturen als Kulissen des globalisierten Events gebraucht werden. Aber hinter diese Kulissen soll bitte niemand gucken – und auf diese Bedingung lassen sich Veranstalter, Teilnehmer und Zuschauer ja auch bereitwillig ein. Wer in Peking den Kampf um Medaillen verfolgte, dachte nicht an Dissidenten. Autoritäres Potentatentum war beim Slalom in Sotschi kein Thema, und wenn in Kapstadt oder Polokwane die Tore fielen, war die Armut der Townships vergessen. Sicher, die Verlogenheit geht nahtlos in den Zynismus über. Aber so ist die Geschäftsgrundlage. Das Olympische Komitee ist kein Menschenrechtsverein, die Fifa kein Wohlfahrtsverband. Wen das anwidert, der muss abschalten.

Etwas Verlogenheit gehört zur Geschäftsgrundlage

Die Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele von Rio in zwei Jahren gehorchen keinen anderen Gesetzen. Auch wenn die Regierung die Sport-Feste innenpolitisch als Modernisierungschance verkauft hat, war stets klar, dass die sozialen Probleme nicht angepackt oder gar gelöst, sondern nur so weit in den Hintergrund gedrängt werden sollen, dass sie den Zuschauern, egal ob den leibhaftigen oder den fernsehenden, nicht allzu sehr in die Augen stechen. Und nach der gleichen, allein auf die Events bezogenen Logik war die Sicherheitsstrategie in Rio de Janeiro erdacht: Um die Touristen-Tummelplätze sollte ein Cordon Sanitaire gelegt werden, eine Art Pufferzone aus befriedeten Favelas rings um die bürgerlichen Viertel. Was jenseits dieser Sicherheitsbarriere liegt, sind die altbekannten Zustände: Gewalt und Drogenkrieg, ein kaum präsenter und schon gar kein fürsorglicher Staat, der die sozialen Probleme wirklich in Angriff nimmt.

Jetzt, kurz vor der WM, sieht es so aus, als würden sogar diese Minimal-Ziele verfehlt. Die Befriedung der Favelas, die sich zunächst ganz erfolgreich anließ, steht seit ein paar Monaten infrage. Nachdem die Polizei immer wieder wie eine Besatzungstruppe aufgetreten ist, ist von Entspannung kaum noch die Rede. Im Sommer 2013, als die Welt wegen des Confederations Cups nach Brasilien schaute, gingen Millionen wütender Bürger auf die Straße. Die Regierung versprach damals Reformen. Aber gehalten hat sie davon so gut wie nichts. Die Demonstrationen sind abgeklungen, zurzeit stehen Streiks und Proteste von Interessengruppen im Vordergrund, die, mitunter durchaus erpresserisch, die Gunst der Stunde zu nutzen hoffen. Ob sich die Bewegung wieder neu formiert, wenn die Weltmeisterschaft beginnt? Zurzeit deutet nichts darauf hin. Und wenn die brasilianische Nationalmannschaft siegt, dann dürfte der kollektive Freudentaumel sowieso jeden sozialen Aufschrei übertönen. Das wird die Fifa und ihre Sponsoren genauso freuen wie die Regierung – wie gesagt: Eine gewisse Verlogenheit gehört zur Geschäftsgrundlage.